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Europas Arbeitnehmer sind gestresst

Neun von zehn Beschäftigten in Europa leiden unter Stress. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „The 2015 Workforce View in Europe“ die heute auf dem HR Tech World Congress in Paris vorgestellt wurde. Zum Schutz vor Burnout und anderen Stresserkrankungen wünschen sich danach immer mehr Angestellte ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben. Denn auf der anderen Seite nehmen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen immer mehr zu. Laut DAK-Psychoreport 2015, der ebenfalls heute vorgestellt wurde, sind hierzulande mehr als 1,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen.

Paris/Hamburg (csr-news) > Neun von zehn Beschäftigten in Europa leiden unter Stress. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „The 2015 Workforce View in Europe“ die heute auf dem HR Tech World Congress in Paris vorgestellt wurde. Zum Schutz vor Burnout und anderen Stresserkrankungen wünschen sich danach immer mehr Angestellte ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben. Denn auf der anderen Seite nehmen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen immer mehr zu. Laut DAK-Psychoreport 2015, der ebenfalls heute vorgestellt wurde, sind hierzulande mehr als 1,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen.

Für die Studie „The 2015 Workforce View in Europe“, durchgeführt vom HR-Spezialisten ADP, wurden mehr als 11.000 Berufstätige in acht verschiedenen Regionen Europas befragt, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Danach fühlen sich 44 Prozent der Befragten regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz gestresst und 47 Prozent immerhin noch gelegentlich. „Trotz dieses hohen Stressniveaus geben Arbeitgeber ihren Belegschaften laut der aktuellen Erhebung offenbar kaum Hilfestellung an die Hand, um diese Belastung besser zu bewältigen“, heißt es in der Untersuchung. So hat ein Viertel der Beschäftigten das Gefühl, dass ihr Arbeitgeber sie nicht beim Umgang mit Stress unterstützt, und ein Fünftel ist sogar der Ansicht, dass sich ihr Arbeitgeber der hohen Stressbelastung nicht einmal bewusst ist. Schließlich gehen 5 Prozent der Arbeitnehmer sogar so weit, dass sie aufgrund übermäßiger Stressbelastung über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken.

Häufiger Stress gehört zu den größten gesundheitlichen Risiken in der modernen Arbeitswelt

Hinsichtlich des Stressniveaus zeigt die aktuelle Arbeitnehmerstudie europaweit allerdings große Unterschiede. So erleben Polen am häufigsten Stress, während sich Beschäftigte in den Niederlanden am wenigsten gestresst fühlen. Deutschland liegt beim Stressempfinden auf Platz zwei. „Ein gewisses Maß an Stress gehört bei den meisten Berufen dazu und sorgt im besten Fall für ein dynamisches Arbeitsumfeld“, so Professor Andreas Kiefer, Geschäftsführer von ADP in Deutschland. „Jedoch zählt übermäßiger und häufiger Stress zu den größten gesundheitlichen Risiken in der modernen Arbeitswelt und beeinträchtigt die Arbeitsmoral, Produktivität und Effizienz von Mitarbeitern. Unternehmen sollten deswegen auf das Befinden ihrer Mitarbeiter achten und dafür sorgen, dass diese sich wohl fühlen“.

Auf der Suche nach der Work-Life-Balance

Achtsamkeit und „Arbeiten mit Sinn“ haben sich laut ADP in den letzten Jahren von verschämten Geheimtipps zu Trendbegriffen entwickelt. Dies zeigt sich in den Schlüsselfaktoren, die die aktuelle Studie für die Mitarbeitermotivation identifiziert hat. In ganz Europa liegt ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben auf Platz eins der Faktoren, die Mitarbeiterengagement und -motivation beeinflussen, dicht gefolgt vom Wunsch nach flexiblen Arbeitsbedingungen. Beinahe ein Viertel der Arbeitnehmer hebt zudem die Bedeutung vielseitiger und rasch wechselnder Rollen am Arbeitsplatz hervor. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass Arbeitnehmer sehr bestrebt sind, vom traditionellen Arbeitsrhythmus „von neun bis fünf“ wegzukommen. Ein Drittel der Befragten würde sich eine Mischung aus flexiblen und festen Arbeitszeiten wünschen, ein weiteres Drittel sähe sogar gerne ein völlig flexibles Arbeitsmodell. „In den letzten Jahren haben wir erlebt, dass sich die Einstellungen der Mitarbeiter zur Work-Life-Balance und Lebensqualität drastisch verschoben haben“, so Kiefer. „Wir glauben, dass es sich dabei nicht nur um einen kurzlebigen Trend handelt und dass sich die Mitarbeiterwünsche tatsächlich auf die Arbeitsweisen der Unternehmen auswirken“.

6,3 Millionen Fehltage

Tatsächlich scheinen die Auswirkungen auf die Arbeitswelt belegbar zu sein. Laut DAK-Psychoreport wurden im vergangenen Jahr rund 1,9 Millionen Beschäftigte aufgrund psychischer Beschwerden krankgeschrieben. „Noch nie haben Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen so viele Fehltage verursacht wie im vergangenen Jahr“, schreibt DAK-Vorstand Herbert Rebscher im Vorwort des Berichts. Seit 1997 hat sich die Anzahl der Fehltage, die von Diagnosen wie Depressionen oder Anpassungsstörungen verursacht werden, verdreifacht. DAK-versicherte Arbeitnehmer blieben 2014 deshalb an mehr als 6,3 Millionen Tagen der Arbeit fern. Bundesweit lagen Seelenleiden nun erstmals auf dem zweiten Platz der Krankheitsarten, was nicht zuletzt auch auf einen offeneren Umgang seitens der Ärzte und Patienten zurückzuführen ist. Für den DAK-Psychoreport hat das IGES Institut die anonymisierten Daten von rund 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet.

DAK

Quelle: DAK-Psychoreport 2015 

 Depression häufigste Krankheitsursache

Der Blick auf die Diagnosen zeigt, dass Depressionen und Anpassungsstörungen die meisten Ausfalltage verursachen. 2014 gingen 112 Fehltage je 100 Versicherte auf das Konto von Depressionen, bei den Anpassungsstörungen waren es 42. Die Zusatzdiagnose Burnout hingegen verliert deutlich an Relevanz: Im vergangenen Jahr entfielen nur 5,2 Ausfalltage darauf. Im Vergleich zu 2011 hat sich die Anzahl fast halbiert. „Burnout ist mittlerweile eher zur Beschreibung eines Risikozustands geworden“, erklärt Hans-Peter Unger, Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg. „Von chronischem Stress verursachte psychische Krankheiten werden heute als Anpassungsstörungen oder Depressionen erkannt.“

 Online-Therapie als schnelle Reaktion

Der Behandlungsbedarf ist groß, doch Betroffene warten im Schnitt sechs Monate auf einen Therapieplatz. Dazu kommt die Schwierigkeit, sich im System zurechtzufinden und die passende Behandlung zu bekommen. „Die Ergebnisse des Psychoreports verdeutlichen nicht nur den bestehenden Handlungsbedarf. Sie motivieren uns auch dazu, neue Angebote zu erarbeiten, die die Versorgung konkret verbessern“, sagt Herbert Rebscher. „Mit niedrigschwelligen Behandlungskonzepten und dem Einsatz qualitätsgeprüfter E-Health-Programme passen wir das bisherige Angebot an den tatsächlichen Bedarf der Betroffenen an und verringern lange Wartezeiten und Fehldiagnosen“. Eines dieser Angebote ist das webbasiertes Selbsthilfeprogramm Deprexis, geeignet für Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen. Es ist über Computer, Laptop oder Smartphone nutzbar und basiert auf etablierten Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. Die Patienten können dabei anonym bleiben. Therapeuten, die Deprexis behandlungsbegleitend einsetzen, können sich online über die bearbeiteten Inhalte und Übungen informieren – vorausgesetzt der Patient stimmt dem Austausch zu.

Eine bisher noch unveröffentlichte Studie, die die Universität Bielefeld gemeinsam mit der DAK-Gesundheit durchgeführt hat, hat das Programm Deprexis auf seine Wirksamkeit untersucht. An der Studie haben 3.800 Menschen mit unterschiedlich starker depressiver Symptomatik teilgenommen. Sie wurden über ein Jahr regelmäßig befragt. Das Ergebnis ist positiv: „Mit der Unterstützung von Deprexis schwächt sich der Depressionsgrad in relativ kurzer Zeit deutlich ab“, erklärt Studienleiter Prof. Wolfgang Greiner. „Das zeigt, dass das Programm den Patienten in der Regel unmittelbar hilft.“ Außerdem hat sich die berufliche und soziale Funktionsfähigkeit signifikant verbessert. Greiner: „Gerade bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen ist es gut, wenn die Betroffenen am sozialen Leben teilnehmen können. Das verbessert die Symptomatik offenbar entscheidend.“

 

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