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50 Jahre Einwanderungsgeschichte: Integrationswillige Betriebe brauchen Entlastung

Rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben heute in Deutschland. Wenn wichtige Erfahrungen aus rund 50 Jahren Einwanderungsgeschichte berücksichtigt werden, dann kann auch die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingen.

München (csr-magazin) – Rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben heute in Deutschland. Wenn wichtige Erfahrungen aus rund 50 Jahren Einwanderungsgeschichte berücksichtigt werden, dann kann auch die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingen.

Von Claudia Mende

Ohne Arbeitsmigranten hätte es in Deutschland kein Wirtschaftswunder gegeben. Händeringend suchten vor allem Bauunternehmen sowie die Kohle- und Stahlindustrie ab Mitte der 50er Jahre für den Wiederaufbau nach Arbeitskräften. Nach 1955 kamen zuerst Italiener, dann folgten Spanier, Griechen, Portugiesen, Jugoslawen und vor allem Türken. Nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei im Jahr 1961 schufteten türkische Arbeiter zum Beispiel im Schichtbetrieb bei den Ford-Werken in Köln. Die sogenannten Gastarbeiter verrichteten vor allem ungelernte Tätigkeiten, häufig auch gefährliche oder schmutzige Arbeiten. Viele waren kaum ausgebildet und ihre Sprachkenntnisse waren zu Beginn eher gering. Die meist männlichen Arbeiter holten später ihre Familien nach. „Wir wurden freundlich aufgenommen“, sagt Aldo Tarantino, ein 50-jähriger Medizintechniker italienischer Herkunft, „aber von Integration sprach damals niemand.“

Nach dem Ölpreisschock von 1973 kam es zu einer Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an und ein Anwerbestopp wurde verkündet. In den folgenden Jahren wurde Prämien für Rückkehrer gezahlt und die Politik gab die Losung aus: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Tatsächlich ging der Zuzug durch Familienzusammenführung weiter, aber Bemühungen zur Integration der Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft gab es bis weit in die 1990er Jahre hinein kaum. Es herrschte die Vorstellung, die Arbeitsmigranten würden ohnehin bald in ihre Heimatländer zurückkehren. Erste Kooperationen mit Migrantenvereinen, Konzepte für die interkulturelle Öffnung von Schulen und mehr Mitsprache durch Ausländerbeirate entstanden auf lokaler Ebene in Kommunen wie München, Stuttgart, Köln oder Hamburg.

Normalität im Zusammenleben

Migrantenvereine leisteten wichtige Vorarbeit für ein allmähliches Aufeinander-Zugehen zwischen den Migranten und der Mehrheitsgesellschaft. Erst nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung 1998 Deutschland offiziell zum Einwanderungsland erklärt hatte, stellte man sich rechtlich, gesellschaftlich und sozial besser auf Migration ein. Es wurden mehr Sprach- und Integrationskurse angeboten und die interkulturelle Öffnung in Schulen, Vereinen, Unternehmen und Verwaltung begann.

Inzwischen ist an vielen Orten so etwas wie eine gelungene Normalität im Zusammenleben entstanden. „Heute wissen wir, wie wichtig es ist, dass Migranten nicht am Rande der Gesellschaft bleiben“, sagt Birgit zur Nieden vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). „Sie brauchen Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt und müssen frühzeitig in wichtige Entscheidungen einbezogen werden.“

Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

Heute weiß man auch, wo die größten Defizite liegen: Bei den Nachkommen von Migranten in der zweiten und dritten Generation gibt es gegenüber der Mehrheitsbevölkerung noch Defizite bei den Bildungsabschlüssen und bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Im Bildungssystem sei die fehlende soziale Durchlässigkeit ein ungelöstes Problem, meint zur Nieden. Am Arbeitsmarkt belegen zahlreiche Studien die Diskriminierung von Migranten bei der Jobsuche, vor allem wenn es sich um arbeitssuchende muslimische Frauen mit Kopftuch handelt. In beiden Bereichen sind in Zukunft mehr Bemühungen notwendig, um auch die neuen Zuwanderer aus Syrien, Irak oder Afghanistan zu integrieren.

Einige Weichenstellung für mehr Vielfalt am Arbeitsmarkt hat es in den letzten Jahren bereits gegeben, zum Beispiel durch das Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen aus dem Jahr 2012. Es erleichtert ausländischen Fachkräften die Anerkennung ihrer im Heimatland erworbenen Berufsabschlüsse in Deutschland. Das gilt vor allem für reglementierte Berufsgruppen wie Handwerker, Ärzte, Apotheker oder Krankenpfleger, die vorher so gut wie keine Chance hatten, in Deutschland in ihrem Ausbildungsberuf zu arbeiten.

Andere Qualifikationen benötigt

Heute werden ganz andere Qualifikationen am Arbeitsmarkt benötigt als in den 50er und 60er Jahren. Ob die Flüchtlinge des Jahre 2015 das notwendige Potenzial für einen stärker auf Dienstleistungen ausgerichteten Arbeitsmarkt mitbringen, ist momentan noch schwer abzuschätzen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BamF) sieht nach ersten Stichproben bei Syrern, der derzeit größten Gruppe unter den Flüchtlingen, mit etwa 16 Prozent Hochschulabsolventen und rund 30 Prozent Abiturienten sehr viele Hochqualifizierte.

Doch Jochen Olmert, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, bezweifelt die Aussagekraft dieser Zahlen. In Wahrheit habe man derzeit noch keine verlässlichen Angaben, meint er: „Wir stochern im Nebel“. Außerdem sei auch die Vergleichbarkeit formaler Schul- und Hochschulabschlüsse nicht gegeben. Ein Hochschulabschluss in Syrien sei nur bedingt mit einem deutschen Uni-Abschluss zu vergleichen.

Eindeutig ist nur, dass es sich bei den Flüchtlingen überwiegend um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene handelt. Das bedeutet für ihre Integration zweierlei: Es braucht Zeit, bis sie tatsächlich fit für den Arbeitsmarkt sind, und es müssten dringend „starke Barrieren in Schule und Berufsausbildung abgebaut werden“, so Olmert. Die momentane humanitäre Dringlichkeit bietet die Chance, diese Probleme tatsächlich anzugehen.

Betriebe entlasten

Denn die Bereitschaft der Wirtschaft, auf die Flüchtlinge zuzugehen, ist momentan vor allem in den Boom-Regionen mit Fachkräftemangel groß. In München und Oberbayern haben in einer Umfrage der Handelskammer bei rund 4000 Ausbildungsbetrieben fast die Hälfte grundsätzlich ihre Bereitschaft signalisiert, Flüchtlinge auszubilden. In einer Art Ausbildungspakt haben sich die bayerischen Handelskammern dazu verpflichtet, bis Ende 2016 für 20.000 Flüchtlinge Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Dazu sollen Angebote zur berufsspezifischen Sprachförderung, zur interkulturellen Schulung der Ausbilder und eine „Kümmererstruktur“ aufgebaut werden: Die Handelskammern wollen Betriebe von rechtlichen Belangen entlasten und bei Problemen als Ansprechpartner für die Flüchtlinge fungieren. Damit wolle man ihren Ausbildungserfolg sicherstellen, sagt Gertrud Oswald, die Geschäftsführerin des bayerischen Industrie- und Handelskammertags.

Ähnliche Initiativen existieren auch in anderen Bundesländern. Denn trotz oft überdurchschnittlicher Motivation bei den jungen Flüchtlingen stellt der theoretische Teil der dualen Ausbildung für viele eine nicht zu unterschätzende Hürde dar. Ein junger Mann aus Syrien oder Afghanistan, der KFZ-Mechatroniker werden möchte, muss neben seiner praktischen Begabung auch in der Lage sein, auf Deutsch Kurbelwellen und Motorteile zu beschreiben. Hier brauchen sie mehr Unterstützung, sonst drohen viele an dieser Hürde zu scheitern.

Migranten als Unternehmer

Weniger bekannt ist, dass Migranten auch als Unternehmer die deutsche Wirtschaft beleben können. Seit Jahren ist unter ihnen die Neigung zur Gründung von Unternehmen stärker ausgeprägt als in der Mehrheitsbevölkerung. So erzielen die rund 70.000 türkischstämmigen Unternehmen in Deutschland einen Jahresumsatz von 70 Milliarden Euro und schaffen 350.000 Arbeitsplätze. Unter Syrern gibt es ebenfalls eine starke Tendenz zur Existenzgründung, wie sich anhand der syrischen Flüchtlinge zum Beispiel im Nachbarland Jordanien beobachten lässt. Auch wenn nicht alle Gründungen dauerhaft erfolgreich sind: Mehr Existenzgründungen sind in Deutschland dringend notwendig, da ihre Zahl seit Jahren rückläufig ist und sich mittlerweile auf einem Rekordtief befindet. Das Gründer-Potenzial der Flüchtlinge ist bisher noch zu wenig im Fokus und müsste mit speziellen Sprach- und Förderkursen gezielt genutzt werden.

Insgesamt ist Migrationsforscher Olmert davon überzeugt, dass es etwa seit der Jahrtausendwende eine „deutliche Tendenz zur Öffnung“ in der deutschen Gesellschaft gebe. Wenn es gelingt, bei den jungen Flüchtlingen Wege der Qualifizierung zu eröffnen, dann kann das „neue Potenziale freisetzen und zu Innovation führen“, sagt er. Dann kann aus mehr kultureller Diversität eine neue Dynamik in Technik, Wissenschaft und Kultur entstehen.

Claudia Mende
ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Wirtschaft und internationale Zusammenarbeit
claudia.mende@csr-magazin.net

Foto: Kara – Fotolia

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