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Kooperationsprojekte: Gutes gemeinsam tun

In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt es unterschiedlichste Interessen und bürokratische Hürden. Die Flüchtlingskrise schweißt viele Beteiligte zusammen. CSR Magazin hat sich verschiedene Formen der Zusammenarbeit im Osten und Westen der Republik angeschaut…

Hückeswagen (csr-magazin) – In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt es unterschiedlichste Interessen und bürokratische Hürden. Die Flüchtlingskrise schweißt viele Beteiligte zusammen. CSR Magazin hat sich verschiedene Formen der Zusammenarbeit im Osten und Westen der Republik angeschaut…

Von Jan Thomas Otte

Stuttgart-Untertürkheim, Stammsitz von Daimler. Über 18.000 Mitarbeiter produzieren und entwickeln hier Motoren, Getriebe und andere wichtige Teile für Autos. Seit Anfang Novem-ber schauen ihnen dabei vierzig Flüchtlinge drei Monate über die Schulter. Daimler arbeitet dabei mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen, sie kofinanziert die ersten Wochen und wählt im Jobcenter Stuttgart geeignete Teilnehmer für das “Brückenpraktikum” aus. Schlüsselkriterien dabei: solide Sprachkenntnisse und eine gute Bleibeperspektive.

„Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir doch“, sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Sie können uns – ähnlich wie vor Jahr-zehnten die Gastarbeiter – helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren. Deutschland kann doch die freien Arbeitsplätze gar nicht mehr allein mit Deutschen be-setzen.“

Ausweitung auf andere Standorte

Mit Kooperationsprojekten wie dem Brückenpraktikum schafft der Daimler-Konzern einen möglichst unbürokratischen Weg, für ausgewählte Auswanderer eine ordentliche Anstellung zu finden. Im Frühjahr 2016 will die Konzernleitung die Erfahrungen aus dem Kooperationsprojekt mit den Beteiligten auswerten. Die Manager planen, das Brückenpraktikum auch an anderen Standorten anzubieten und somit „mehrere hundert Flüchtlinge für Arbeitsplätze in der deutschen Industrie zu qualifizieren“, berichtet ein Sprecher.

Kooperieren. Das tun die Daimler-Mitarbeiter auch auf Eigeninitiative. Dazu gehören Corporate Volunteering-Aktivitäten wie der gemeinsame Bau von Spielplätzen oder das Renovieren umliegender Unterkünfte. Das Bereitstellen von Fahrzeugen in einer „Helferflotte“ für caritative Vereine, Essen aus Daimler-Kantinen oder Besuche vom Werksarzt in Flüchtlingsheimen. Im Daimler-Intranet werden diese Hilfsaktionen angekündigt und Interessierte können hier ihre Sprachkenntnisse und weiteren Skills anbieten, mit denen sie helfen wollen.

Aktuell arbeiten Mitarbeiter aus 140 Ländern bei Daimler – in Deutschland. Der internationale, umsatzstarke Automobilhersteller engagiert sich zusätzlich mit Spendenaktionen, bei denen der Einsatz der Mitarbeiter verdoppelt wird. 2014 beschäftigte das Großunternehmen 280.000 Mitarbeiter weltweit, verkaufte mehr als 2,5 Millionen Fahrzeuge und setzte insgesamt 130 Milliarden Euro um. Einen Teil davon will Daimler wieder an die Gesellschaft zurückgeben.

Gemeinsame Sprache sprechen

Daimler ist einer von mehreren Kooperationspartnern von Bund, Ländern und Kommunen um aktuelle Herausforderungen rund um Migration und Flüchtlinge zu meistern. „Sprachförderung und Wertevermittlung sind die Schlüssel zu beruflicher Integration und gesellschaftlicher Teilhabe“, sagt Peter Clever, stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bundesagentur für Arbeit. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten Mitarbeiter der Behörde „Hand in Hand“ auch mit anderen Konzernen als Daimler zusammen, etwa der Deutschen Bahn. Die Planungen laufen allerdings noch, erklärt ein BA-Sprecher. „Die Bundesbehörde ist zu schnellem und unbürokratischem Handeln bereit“.

Und diese neue Schnelligkeit in der Politik ist auch notwendig. Schließlich suchen vor allem Handwerksmeister seit Jahren händeringend nach qualifizierten Lehrlingen. Alleine im vergangenen Jahr blieben mehr als 80.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, vor allem im Mittelstand. Laut den Arbeitgebern liegt das weniger an der Nachfrage als an der mangelnden Qualifikation der Bewerbenden. Die Deutsche Industrie- und Handwerkskammer fordert deshalb vom Bund eine klarere Regelung für die Aufenthaltserlaubnis von Flüchtlingen. Haben diese einen Ausbildungsplatz, so sollen sie während ihrer dreijährigen Ausbildung plus zwei Jahre danach eine Bleibeperspektive bekommen.

Vor allem junge, motivierte Flüchtlinge könnten den Fachkräftemangel und demografischen Wandel der alternden Bundesrepublik aufhalten. Damit sie dazu auch die Chance bekommen, sollen sie möglichst schnell die deutsche Sprache lernen. Um Sprachkurse für Flüchtlinge „schnell und flächendeckend“ anzubieten gibt es von der Bundesagentur für Arbeit einmalig bis zu 121 Millionen Euro als Soforthilfe. Die Behörde verteilt diese Summe aus ihren Rück-lagen an die regionalen Jobcenter, die wiederum mit verschiedenen Bildungsanbietern vor Ort zusammenarbeiten. Insgesamt 100.000 Flüchtlinge sollen dadurch unterrichtet werden.

Global denken, lokal handeln

Kooperationsprojekte zur besseren Integration von Flüchtlingen gibt es viele. Nah dran an den Betroffenen im Vergleich zum Bund, sind die Verantwortlichen auf lokaler Ebene einen guten Schritt weiter, zum Beispiel in Leipzig – und zwar ohne Beteiligung von kapitalstarken Konzernleitungen oder der Bundesregierung.

Nach einer kurzen Planungsphase, die von der der Idee bis zur Umsetzung etwa vier Wochen dauerte, läuft das Projekt bereits seit Ende Mai dieses Jahres. In die Basis-Sprachkurse, die Kurse zertifizierter Anbieter nicht ersetzen aber ergänzen wollen, kommen zweimal wöchentlich bis zu vierzig Flüchtlinge. Zum Vergleich: so viele Flüchtlinge beschäftigt Daimler aktuell als Praktikanten im Brückenpraktikum.

Die Kursteilnehmer kommen hauptsächlich aus Gemeinschaftsunterkünften im Leipziger Wes-ten, aber auch anderen Stadtteilen. Ina Lackert arbeitet in einer dieser Unterkünfte von Pandechaion Herberge e.V. Der gemeinnützige Verein in Leipzig bietet Flüchtlingen in der Stadt eine Herberge – einen Platz, der mehr als ein Dach über dem Kopf sein soll. Die Sozialarbeiterin gehört zu den Initiatoren des Kooperationsprojektes. „Die Probezeit ist bestanden“, berichtet Lackert. Der Sprachunterricht findet dienstags und donnerstags ab 17 Uhr statt. Es gibt parallel einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenen-Kurs mit jeweils 90 Minuten Unterricht.

Die Sozialarbeiterin im Leipziger Westen weiß, dass sie diese Herausforderung als Verein nur mit mehreren starken Partnern gemeinsam stemmen können. Die von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe mit angestoßene Kooperation läuft folgendermaßen ab: der Herberge-Verein rekrutiert über sein Netzwerk ehrenamtliche Sprachlehrer und organisiert die Kurse. Die Sprachlehrer sind ausgebildete Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache und Studierende in diesem oder einem anderen Fach. Sie alle arbeiten ehrenamtlich und „mit großer Freude“, so Lackert.

Ungenutzte Ressourcen nutzen

Das Diakonissenkrankenhaus im Stadtteil stellt dem Verein Räume der unternehmenseigenen Berufsfachschule für Krankenpflege zur Verfügung. Die Stühle sind vom vorher dort stattgefundenen Unterricht noch warm. Und weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, vermittelt von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe von Diakonie und Caritas, kümmern sich um die Kinder während ihre Eltern den Sprachkurs besuchen. Dies geschieht kostenlos auf dem Spielplatz der Betriebs-Kita „Arche Noah“. Kindergärten-Mitarbeiter der Diakonie haben den Kindern Spielzeug gespendet, sodass den Kindern nicht langweilig wird, während ihre Eltern Deutsch lernen.

Während Sachsen zu den Bundesländern mit verhältnismäßig wenigen Ausländern zählt – in allen neuen Bundesländern wohnen zusammengerechnet nur fünf Prozent Migranten, kommt nach Angaben des Statistischen Landesamts in Baden-Württemberg jeder vierte Einwohner aus einem Migrationshintergrund.

Bilkay Öney, Ministerin für Integration im Musterländle, will die „Steuerungsfunktion“ der Stadt- und Landkreise stärken und gleichzeitig das Zusammenspiel lokaler Netzwerke wie in Leipzig oder Stuttgart fördern. Die Landesregierung unterstützt „arbeitsmarktnahe“ Flüchtlinge dabei, möglichst schnell an Jobs zu kommen – in Berufen in denen sie bisher auch gear-beitet haben. Ob bei Daimler am Fließband, in der Diakonie als Altenpfleger oder anderswo.

„Keine verlängerte Werkbank für eigene Interessen“

Interview mit Professor André Habisch, Wirtschaftsethiker an der Katholischen Universität Eichstätt mit den Schwerpunkten Sozialkapitaltheorie und Gesellschaftspolitik.

Kooperationsprojekte zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gelingen wenn sich alle Beteiligten…

… auch einmal in die Haut des Anderen hineinversetzen. In Kooperationen geht es um ganz verschiedene Aufgaben und Ziele unterschiedlicher Organisationen, die wiederum von Men-schen geführt werden. Hier hilft gegenseitige Achtung. In der Privatwirtschaft kann es wich-tig sein, dass der Chef aufs Foto kommt und im Artikel zum Projekt genannt wird. Die Firma braucht verlässliche Ansprechpartner in der Partnerorganisation, die das was sie versprechen auch umsetzen.

Welche Risiken und Nebenwirkungen sollten Beteiligte beachten, damit Kooperationsprojekte nachhaltig gelingen?

Partner müssen auch bei längerer Zusammenarbeit ihre eigene Kooperationsfähigkeit immer wieder beweisen. Dazu gehört ein respektvoller Umgangston ebenso wie der Informationsfluss. Wichtige Informationen dürfen Partner nicht zurückhalten, sondern diese zeitnah unter-einander weitergeben. Wer Partner nur als verlängerte Werkbank für eigene Interessen miss-braucht, riskiert die eigene Glaubwürdigkeit und verliert möglicherweise ihre Kooperationsbereitschaft. Hinzu kommt eine ehrliche Selbsteinschätzung der eigenen Stärken wie Schwächen.

Stärken wie Schwächen hat jeder Partner. Und es gibt übergreifende Kompetenzen innerhalb von Sozialverbänden, Konzernen als auch Behörden. Welche?

Der Umgang mit ausgegrenzten Menschen gehört zur Kernkompetenz von Wohlfahrtsorgani-sationen, siehe die Sprachkurse in Leipzig. Wirtschaftsunternehmen haben das nötige Geld für soziales Engagement. Und die Behörden von Bund, Ländern und Kommunen koordinieren Kontakte. Wie das Stuttgarter Pilotprojekt von Daimler in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit zeigt.

Autor
Jan Thomas Otte arbeitet als Journalist und Herausgeber des Blogs „Karriere-Einsichten“, welches sich unter anderem mit Erfolgsgeschichten von Migranten beschäftigt…