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Verantwortung übernehmen – Perspektiven schaffen: Wie die betriebliche Integration internationaler Fachkräfte gelingen kann

Als Folge des demografischen Wandels fehlen zahlreichen Wirtschaftszweigen in Deutschland die Fachkräfte. Personal aus dem Ausland könnte die Lösung sein. Programme zur internationalen Fachkräftegewinnung können dabei helfen und mit ihren Erfahrungen wichtige Anhaltspunkte für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen liefern.

Bonn (csr-magazin) – Als Folge des demografischen Wandels fehlen zahlreichen Wirtschaftszweigen in Deutschland die Fachkräfte. Personal aus dem Ausland könnte die Lösung sein. Programme zur internationalen Fachkräftegewinnung können dabei helfen und mit ihren Erfahrungen wichtige Anhaltspunkte für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen liefern.

Von Björn Gruber und Christian Wollnik

Die Sicherung und Bindung qualifizierter Fachkräfte als Basis wirtschaftlichen Erfolges ist elementarer Bestandteil unternehmerischer Verantwortung. Ein Lösungsansatz, zunehmenden Fachkräfteengpässen in Zeiten des demografischen Wandels zu begegnen, ist die Gewinnung internationaler Fachkräfte. Jedoch stellt die Rekrutierung und Integration von ausländischem Personal eine große Herausforderung dar. Dass sich dieser Weg dennoch lohnt, zeigen die Erfahrungen der Programme zur Fachkräftegewinnung, die die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) gemeinsam durchführen. Die Erfahrungen können wichtige Anhaltspunkte für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Deutschland liefern.

Neben Themen wie der Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards sowie der Verantwortung für Lieferketten gibt es eine weitere wichtige Komponente unternehmerischer Verantwortung: Die Gewinnung, Integration, Aus- und Weiterbildung qualifizierter Fachkräfte als Ausgangspunkt und Basis unternehmerischen Erfolges – gerade in Zeiten sich verstärkender Fachkräfteengpässe.

In einigen Branchen können freie Stellen schon heute nur mit viel Mühe besetzt werden. Vielerorts fehlen insbesondere qualifizierte technische Fachkräfte sowie ausgebildete Kranken- und Altenpflegekräfte. Stellenangebote für examinierte Altenpflegefachkräfte sind laut aktuellen Erhebungen im Bundesdurchschnitt 123 Tage vakant – und damit rund 40 Tage länger als im Durchschnitt aller Berufsgruppen. Experten rechnen damit, dass in Anbetracht der Alterung der Gesellschaft allein bis 2025 mindestens 150.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig sein werden, um den wachsenden Bedarf an pflegerischen Dienstleistungen decken zu können.

Stellschrauben und Strategien, dem sich verstärkenden Mangel an qualifiziertem Personal zu begegnen, gibt es viele. So soll beispielsweise die Vollzeitquote von Frauen erhöht und die Attraktivität bestimmter Berufsbilder gesteigert werden. Doch Arbeitsmarktexperten sind sich einig: Es bedarf darüber hinaus auch der Gewinnung und Bindung internationaler Fachkräfte – auch aus Nicht-EU-Staaten.

Anhaltspunkte für eine gelingende Arbeitsmarktintegration

Gemeinsam mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) hat die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH in den vergangenen Jahren verschiedene Programme zur Gewinnung von Pflege- und IT-Fachkräften sowie Ingenieuren aus Drittstaaten durchgeführt. Die Erfahrungen dieser Vorhaben liefern auch Anhaltspunkte für eine gelingende Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Deutschland. Denn die Fragen, die sich Personalmanagern stellen, sind häufig ähnlich: Wie erkenne ich, ob ein Interessent oder eine Interessentin tatsächlich die erforderlichen Qualifikationen mitbringt? Wie viel zusätzlicher Aufwand ist mit der Einstellung von Fachkräften aus dem Ausland verbunden? Passt diese Person in den Betrieb?

Eines der Projekte von GIZ und ZAV ist „Triple Win“. Im Auftrag von Unternehmen sucht das Projektteam nach qualifiziertem Krankenpflegepersonal – aktuell in Bosnien-Herzegowina, Serbien und den Philippinnen – und vermittelt sie nach intensiver Vorbereitung in offene Stellen in Deutschland. Maßgeblich sind hier die Standards zur ethischen Rekrutierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Voraussetzung ist demnach, dass in den Herkunftsländern ein Überangebot an Arbeitskräften in der Pflegebranche besteht und die Rekrutierung der Fachkräfte im engen Dialog mit den Partnerregierungen erfolgen kann. Denn alle Seiten sollen profitieren: die aufnehmenden Pflegeeinrichtungen in Deutschland, die Pflegekräfte, die wieder eine Karriereperspektive erhalten, aber auch die Herkunftsländer – durch die Entlastung der lokalen Arbeitsmärkte, durch Geldsendungen der Fachkräfte und den Transfer von Know-how. Gemeinsam mit den Partnerregierungen wird zudem geschaut, wie dieses Know-how auch durch Projekte der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit für die Weiterentwicklung der lokalen Ausbildung und des lokale Gesundheitssystems genutzt werden kann, beispielsweise für die Verbesserung der Standards in der geriatrischen Pflege.

Der Schlüssel zur Realisierung des Gewinns für alle Beteiligten ist eine gelungene Integration der Fachkräfte in das jeweilige Unternehmen und das soziale Umfeld. Die Grundsteine hierfür werden schon weit vor Einreise und Arbeitsbeginn gelegt. So unterstützt das Projektteam Fachkräfte und Arbeitgeber schon bei der Vorbereitung. Gemeinsam mit dem Unternehmen bzw. der Pflegeeinrichtung in Deutschland werden beispielsweise geeignete Maßnahmen zur Einarbeitung der Fachkräfte geplant und Zuständigkeiten frühzeitig geklärt. So finden sich meist Mitarbeiter, die den neu ankommenden Kollegen dabei helfen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden und auch alltagspraktische Fragen zu klären, wie beispielsweise die Eröffnung eines Bankkontos.

Anerkennung der beruflichen Qualifikation

Auch die Pflegekräfte erhalten bereits in ihren Herkunftsländern eine umfassende Vorbereitung auf Leben und Beruf in Deutschland. Zunächst absolvieren die Teilnehmer, die allesamt über eine abgeschlossene, vor allem naturwissenschaftlich geprägte Krankenpflegeausbildung in ihren Herkunftsländern verfügen, einen Deutschkurs auf B1-Niveau. Während eines fünftägigen Pflegefachkurses wird zudem das Pflegesystem in Deutschland erklärt, beispielsweise die Bedeutung von Grundpflege oder Hygienestandards.

Bereits während der Phase der ersten fachlichen Schulungen in den Partnerländern bringen GIZ und ZAV Fachkräfte und Arbeitgeber für Bewerbungsgespräche per Videokonferenz oder vor Ort zusammen, sodass die Fachkräfte zum Zeitpunkt der Ausreise über eine feste Stellenzusage verfügen.

Auch nach der Ankunft werden die Pflegekräfte eng vom Projektteam begleitet. Sie erhalten Sprachkurse, um ihre Deutschkenntnisse mindestens auf B2-Niveau zu verbessern und erwerben in praxisnahen Anpassungskursen die Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation in Deutschland – eine zentrale Voraussetzung für eine langfristige Beschäftigungsperspektive.

Das Projekt läuft seit über drei Jahren, mehr als 530 Fachkräfte konnten bereits erfolgreich an Pflegeinrichtungen in ganz Deutschland vermittelt werden. Die Rückmeldungen von Arbeitgebern, Fachkräften und den Regierungen der Partnerländer bestätigen den Ansatz des Projektes, ein großes Augenmerk auf Schulung, Beratung und Begleitung zu legen. Diese Sorgfalt zahlt sich langfristig aus, denn das Gros der Pflegeeinrichtungen und Fachkräfte gibt an, dauerhaft miteinander arbeiten zu wollen. Anfängliche Zweifel der Arbeitgeber schwinden in der Regel schnell.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Die Gewinnung und Integration internationaler Fachkräfte lohnt sich, sollte aber sorgfältig vorbereitet und begleitet werden. Gefragt sind Kompromiss- und Investitionsbereitschaft sowohl auf Seiten der Fachkräfte als auch der Arbeitgeber. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels liegt es in der Verantwortung der Unternehmen, sich weiter gegenüber qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland zu öffnen, und den Neueinsteigern gute Startbedingungen für eine erfolgreiche Karriere zu ermöglichen.

Auch bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen liegt ein Schlüssel für den Erfolg in der sprachlichen Qualifizierung und interkulturellen Vorbereitung beider Seiten. Um langfristige Perspektiven und einen Mehrwert für Arbeitgeber und Zugewanderte zu schaffen, sollte zudem auf bestehenden Qualifikationen der Flüchtlinge aufgebaut werden.

Webseite des Projekts „Triple Win“:
www.triple-win-pflegekraefte.de

Autoren:
Björn Gruber ist Leiter des Projektes „Triple Win“ zur Gewinnung internationaler Krankenpflegekräfte bei der GIZ. bjoern.gruber@giz.de
Christian Wollnik ist Berater für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft/ Unternehmerische Verantwortung für Entwicklung der GIZ. christian.wollnik@giz.de

Foto: GIZ-Fachkraft auf den Philippinen (GIZ)

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