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Neuer Bericht: NGOs kritisieren Biopiraterie im Fall von Stevia

Beim aktuellen Hype um Stevia werden Rechte indigener Völker verletzt und irreführende Werbebotschaften verbreitet, so die Erkenntnis eines Berichts der Hilfsorganisation Misereor, der Erklärung von Bern und der Universität Hohenheim. „Die Grundlage des Stevia-Booms, mit dem Wirtschaftsunternehmen Milliarden-Summen verdienen, ist das jahrhundertealte Wissen indigener Guarani-Gruppen im Grenzland zwischen Paraguay und Brasilien über die Eigenschaften der Pflanze“, so Benjamin Luig, Referent für Agrar- und Ernährungspolitik bei Misereor und Co-Autor der Studie.

Aachen/Bern (csr-news) > Beim aktuellen Hype um Stevia werden Rechte indigener Völker verletzt und irreführende Werbebotschaften verbreitet, so die Erkenntnis eines Berichts der Hilfsorganisation Misereor, der Erklärung von Bern und der Universität Hohenheim. „Die Grundlage des Stevia-Booms, mit dem Wirtschaftsunternehmen Milliarden-Summen verdienen, ist das jahrhundertealte Wissen indigener Guarani-Gruppen im Grenzland zwischen Paraguay und Brasilien über die Eigenschaften der Pflanze“, so Benjamin Luig, Referent für Agrar- und Ernährungspolitik bei Misereor und Co-Autor der Studie.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Stevia als Alternative zum Zucker, hat sich die Gewinnung von Steviolglykosiden zu einem bedeutenden Geschäft entwickelt. „Wenn Konzerne wie Coca Cola oder Cargill Stevia zu einer lukrativen Einnahmequelle machen, müssen sie das Mitspracherecht der Guarani achten“, so Luig. Die Verfasser der Untersuchung verweisen auf die internationale Biodiversitätskonvention und das Nagoya-Protokoll gegen Biopiraterie von 2014. Dieses schreibt fest, dass die Träger traditionellen Wissens das Recht haben, über dessen Verwendung mitzubestimmen und an wirtschaftlichen Vorteilen beteiligt zu werden, wenn dieses Wissen kommerziell genutzt wird. Diverse Firmen kommen bald mit Steviol-Glykosiden auf den Markt, die nicht mehr aus Pflanzen gewonnen, sondern mittels synthetischer Biologie im Labor produziert werden. Ganz vorne mit dabei ist die Schweizer Firma Evolva, welche mit Cargill einen der weltgroßen Vertriebspartner hat. Für 2016 ist die Lancierung des gemeinsamen Produkts „Eversweet“ angekündigt.

Unzulängliche Umsetzung des Nagoya-Protokolls

„Weltweit gibt es bereits über 1000 Patentanmeldungen auf Steviolglykoside. Die Guarani wurden jedoch in keinem Fall konsultiert. Deshalb liegt hier ein Fall von Biopiraterie vor“, so Luig. „Die Nutzer und Hersteller von Steviolglykosiden wie Coca Cola oder Cargill müssen in Verhandlungen mit den Guarani treten und deren Ansprüche anerkennen.“ Die vielfach unzulängliche Umsetzung des Nagoya-Protokolls in nationale Gesetzgebungen dürfe keine Ausrede sein. So sehe die brasilianische Gesetzgebung deutlich vor, dass der Anspruch der Guarani rückwirkend und selbst dann gelte, wenn die Pflanze außerhalb der Landesgrenzen angebaut wird.

Die Stevia-Industrie

stevia-grafik

 

Quelle: Erklärung von Bern

Fälschliche Darstellung „glücklicher Indigener“

Miguel Lovera, Agronom und Aktivist für Indigenenrechte aus Paraguay und ebenfalls Co-Autor der Studie, erklärt: „Die Verletzung der Rechte der Guarani ist auch deshalb problematisch, weil Unternehmen wie Coca Cola nicht nur irreführend mit dem ‚traditionellen Wissen‘ werben, sondern auch ein Bild von Indigenen vermitteln, die ‚die glücklichsten Menschen der Welt‘ sind und ‚im Einklang mit der Natur‘ leben“, so Lovera. Dabei lebten die Guarani oftmals in Armut und Perspektivlosigkeit und müssten, wie die Guarani Kaiowá in Brasilien, gegen Großinvestoren um ihr Land kämpfen. „Viele von ihnen bezahlen das mit dem Leben“, betont Lovera. Ähnlich wie es Regelungen gebe, die eine irreführende Werbung mit der vermeintlichen Natürlichkeit von chemisch hergestellten Glykosiden untersagt, müsse dies auch für die Werbung mit dem Wissen der Indigenen gelten.

Der Bericht „Der Bitter-Süße Geschmack von Stevia“ zum Download.

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