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Schlimmste Katastrophe Ungarns bleibt ohne Schuldige

Für die schlimmste Umweltkatastrophe Ungarns gibt es zum Entsetzen der Betroffenen keine Schuldigen: Gut fünf Jahre, nachdem eine giftige Schlammlawine aus einem Aluminiumwerk die Umgebung verseucht und zehn Menschen den Tod gebracht hatte, sind alle Angeklagten freigesprochen worden.

Veszprém (afp) > Für die schlimmste Umweltkatastrophe Ungarns gibt es zum Entsetzen der Betroffenen keine Schuldigen: Gut fünf Jahre, nachdem eine giftige Schlammlawine aus einem Aluminiumwerk die Umgebung verseucht und zehn Menschen den Tod gebracht hatte, sind alle Angeklagten freigesprochen worden. Das Gericht in Veszprém entschied am Donnerstag, dass die 15 Angeklagten strafrechtlich nicht für die Katastrophe zu belangen seien. Angehörige der Opfer reagierten im Gerichtssaal mit wütenden Protesten auf die Freisprüche.

Den Angeklagten – darunter der Chef des Aluminium-Unternehmens MAL, Zoltan Bakonyi – waren fahrlässige Tötung, Beschädigung öffentlicher Güter, Verstöße gegen Regeln zur Abfallentsorgung und Umweltverschmutzung zur Last gelegt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen für alle Beschuldigten gefordert. Der Prozess begann im September 2012. Am Donnerstag befand das Gericht nun, ein „Stabilitätsverlust“ im Erdreich nach tagelangen Regenfällen habe zu der Katastrophe geführt, daran sei niemandem die Schuld zu geben.

Keine Naturkatastrophe

„Ein himmelschreiendes Urteil“, rief ein Anwohner im dicht gefüllten Gerichtssaal. Er hatte zuvor ein Transparent mit Bildern der damals zerstörten Häuser ausgerollt, darunter die Frage: „Ist das alles, was zehn Menschenleben wert sind?“. Nach seinem lautstarken Protest wurde er aus dem Saal geführt. Auch Greenpeace reagierte scharf: „Wenn man die wissenschaftliche und technische Beweislage sichtet, ist es nach unserer Überzeugung klar, dass es sich nicht um eine Naturkatastrophe handelte, sondern dass menschliches Versagen schuld war“, sagte ein Sprecher der Umweltschutzorganisation der Nachrichtenagentur AFP. Satellitenbilder hätten schon vorher gezeigt, dass sich die Wände des Auffangbeckens bewegten, aber niemand habe die Stabilität überprüft.

Zehn Menschen kamen ums Leben

Der Chemieunfall hatte sich am 4. Oktober 2010 in der MAL-Aluminiumfabrik in Ajka ereignet, 160 Kilometer westlich von Budapest. Ein Auffangbecken der Fabrik zerbarst, und etwa 1,1 Millionen Kubikmeter Giftschlamm ergossen sich über die umliegenden Dörfer. Bei dem roten Schlamm handelte es sich um ein giftiges bleihaltiges Abfallprodukt aus der Aluminiumproduktion, das zudem leicht radioaktiv ist. Die Schlammlawine war das schwerste Industrieunglück und die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte Ungarns. Zehn Menschen kamen ums Leben, etwa 150 weitere wurden verletzt, sie erlitten teils schlimmste Verätzungen. Der Giftschlamm verschmutzte umliegende Gewässer und erreichte auch die Donau. Straßen, Plätze und Häuser der Umgebung mussten aufwändig mit Spezialgerät gereinigt werden. Das Ernten und der Verzehr von örtlichen Produkten wurde vorübergehend verboten. Bis heute darf auf Hunderten von Hektar nichts angebaut werden. Dutzende Anwohner weigerten sich, in das betroffene Gebiet zurückzukehren.

Im September 2011 wurde die Betreiberfirma MAL zu 135 Milliarden Forint (430 Millionen Euro) Strafzahlung an die örtlichen Behörden verurteilt. Seine Produktion durfte das Werk aber fortsetzen. Da das Unternehmen die Geldbuße nicht zahlte, wurde es verstaatlicht. Der Staat hat zwar einen Kompensationsfonds eingerichtet, doch viele Betroffene warten noch auf ihre Entschädigung.