Nachrichten

DGB-Studie: Immer mehr Pendler in Deutschland

Immer mehr Menschen pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte und legen dabei immer größere Entfernungen zurück. Zu diesem Schluss kommt eine am Mittwoch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vorgelegte Studie. Die Zahl der Berufspendler zwischen verschiedenen Bundesländern erhöhte sich demnach deutlich. Besonders häufig pendeln Arbeitnehmer in Großstädte.

Berlin (afp/csr-news) > Immer mehr Menschen pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte und legen dabei immer größere Entfernungen zurück. Zu diesem Schluss kommt eine am Mittwoch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vorgelegte Studie. Die Zahl der Berufspendler zwischen verschiedenen Bundesländern erhöhte sich demnach deutlich. Besonders häufig pendeln Arbeitnehmer in Großstädte.

Vor allem die kontinuierlich steigende Zahl der Fernpendler falle auf, heißt es in der DGB-Studie. Als Beleg werten die Autoren die Pendlerströme zwischen den Bundesländern. Im Jahr 2014 wohnten und arbeiteten laut DGB rund 3,1 Millionen Beschäftigte in jeweils unterschiedlichen Bundesländern, während es zehn Jahre zuvor lediglich 2,4 Millionen waren. Die Zahl stieg damit laut der Untersuchung innerhalb von zehn Jahren doppelt so stark wie die sozialversicherte Beschäftigung insgesamt. Diese erhöhte sich bundesweit um 13,7 Prozent, während die Pendlerströme zwischen den Bundesländern sich um 27,9 Prozent erhöhten.

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Die Distanz ist dabei allerdings sehr unterschiedlich. So können Entfernungen auch recht kurz sein, wenn etwa Pendler aus dem Umland der Stadtstaaten Berlin und Hamburg in die Metropolen hineinfahren. Die Studie gibt aber auch Beispiele für weite Distanzen: Aus den norddeutschen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen sowie Nordrhein-Westfalen pendeln rund 53.000 Menschen nach Baden-Württemberg und mehr als 61.000 nach Bayern. Aus den beiden südlichen Bundesländern zieht es gut 100.000 Arbeitskräfte in den Norden oder nach NRW.

Aber auch zwischen den Flächenländern wie Niedersachsen, Hessen oder NRW zeigen sich deutliche Unterschiede. So pendeln im Saarland und in Hessen rund 15 Prozent der Beschäftigten zwischen zwei Bundesländern, in Nordrhein-Westfalen oder Bayern sind es nur 6 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommer mit 5 Prozent noch weniger. Aber auch innerhalb der Bundesländer gibt es beachtlichen Pendelverkehr. So pendeln beispielsweise zwischen Freiburg und Karlsruhe rund 15.000 Menschen über 100 km für den einfachen Weg und 600 Menschen zwischen Freiburg und Heidelberg mit einer Distanz von etwa 200 km. Deutlich weniger Berufstätige müssen zwischen München und Regensburg pendeln, ebenso wie beispielsweise in den Regierungsbezirken Münster und Aachen. In den neuen Ländern werden oftmals ebenso weite Entfernungen zurückgelegt; so pendeln zwischen Bautzen und Chemnitz etwa 390 Beschäftigte über knapp 150 km.

dgb1

Quelle: DGB

Aus den fünf ostdeutschen Bundesländern arbeiten zugleich rund 327.000 Menschen im Westen. Umgekehrt pendeln 78.000 Menschen von West nach Ost. Diese Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren nahezu verdoppelt und ist damit deutlich stärker gestiegen als die Pendlerzahl in die andere Richtung. Viele Berufspendler zieht es in Großstädte. In den 22 größten Städten Deutschlands pendeln knapp fünf Millionen Beschäftigte ein oder aus. Die Zahl der Einpendler ist dabei mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der Auspendler. Es gibt aber deutliche Unterschiede zwischen den Städten: Am niedrigsten ist der Anteil der in die Stadt pendelnden Menschen in Berlin, wo drei von vier Beschäftigten zugleich in der Metropole wohnen. Spitzenreiter bei den Pendlern ist Frankfurt am Main, wo gut 70 Prozent der Beschäftigten einpendeln.

dgb2

Quelle: DGB

Auch zwischen den Großstädten sind der Analyse zufolge mehr Menschen unterwegs. Im Jahr 2014 wohnten rund 340.000 Beschäftigte in einer Großstadt, pendelten aber zugleich zur Arbeit in eine andere Stadt. Vier Jahre zuvor galt dies noch für weniger als 300.000 Pendler. Inzwischen fahren beispielsweise 4100 Menschen aus Hamburg nach Berlin zur Arbeit. Umgekehrt haben mehr als 8000 Berliner ihren Arbeitsort in der Hansestadt. Aus München zieht es immerhin noch fast 2000 Menschen in die norddeutsche Großstadt.

dgb3

Quelle: DGB

Hinzu kommen die Fernpendler, die beispielsweise von Berlin in die westdeutschen Bundesländer fliegen oder fahren müssen – das betrifft rund 67.000 Menschen. Allerdings, so heißt es in der Studie, seien über die Fernpendler kaum belastbare Daten vorhanden. So wisse man nicht ob diese die Strecke täglich oder nur am Wochenende zurücklegen. Neben den innerdeutschen Pendlern, muss eine größere Gruppe Berufstätiger über die Grenzen hinaus ins benachbarte Ausland fahren. Nach Deutschland gab es 2014 gut 126.000 Einpendler (Frankreich ist dabei das wichtigste Land) und rund 135.000 Auspendler (rund 70 Prozent davon fahren nach Luxemburg), die die Grenze in die umgekehrte Richtung überqueren. Insbesondere in einigen Regionen sind die Pendlerverflechtungen ausgeprägt; dies gilt insbesondere dann, wenn Lohn- und Einkommensgefälle zwischen benachbarten Arbeitsmärkten und wenige Sprachprobleme bestehen. Eine relative Bedeutung haben Grenzpendler insbesondere in den grenznahen Regionen von Rheinland-Pfalz, dem Saarland sowie Baden-Württemberg und Bayern.

dgb4

Quelle: DGB

Die berufliche Mobilität ist eine Begleiterscheinung wirtschaftlicher Entwicklung, schreiben die Autoren der Studie. Die Gründe sind vielfältig, haben aber meist mit der Standortentscheidung der Unternehmen und bezahlbarem Wohnraum zu tun. Lokale Arbeitsplatzangebote und Arbeitskräftenachfrage fallen mit zunehmender Spezialisierung auseinander und eröffnen in wirtschaftlich starken Regionen bessere Einkommens- und Aufstiegschancen. Pendeln oder Umziehen ist aber auch eine Frage der Perspektive. So wird bei einem befristeten Arbeitsplatz eher auf Pendeln gesetzt und erst bei klaren beruflichen Perspektiven auch ein Umzug ins Auge gefasst. Teilweise wird das Pendeln aber auch aufrechterhalten, weil preiswerte oder attraktive Wohnungen nicht in der Nähe des Arbeitsplatzes gefunden werden können oder bei einem Ortswechsel das soziale Umfeld verloren zu gehen droht bzw. der Lebenspartner bei einem Umzug kaum eine adäquate Arbeit finden kann. Die Notwendigkeit der Pflege bzw. Betreuung von Angehörigen kann gleichfalls Wohnortwechsel fördern oder erschweren.

Pendeln als Stressfaktor

Ein erheblicher Teil der Pendler muss täglich während der Hauptverkehrszeiten den Weg ins Büro bzw. wieder zurück, antreten. Verpasste Züge oder ständige Staus sind nur zwei Faktoren, die Pendeln zu einem nicht unerheblichen Stressfaktor machen. Ergebnis: „Berufspendler stehen eher „unter Strom“ als jene, die im näheren Umfeld ihrer Wohnung arbeiten“, so die Autoren der Studie. „Für sie ist es besonders schwierig, den Beruf mit Familie und Privatem unter einen Hut zu bringen, wenn zu den Pendelzeiten noch betriebliche Anforderungen an Überstunden und eine flexible Arbeitszeit hinzukommen. Konflikte sind vorprogrammiert, die schnell zulasten eines beruflichen Aufstiegs oder des Privaten gehen“.