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Ein Prüfsiegel auf Zukunftsfähigkeit

Nachhaltigkeit nach der ISO 26000 ist nicht zertifizierbar. Darum entwickelte der TÜV Rheinland einen eigenen Standard, den er durch seine Auditoren prüfen lässt. Die ersten Unternehmen haben den Prozess inzwischen durchlaufen und ihr Zertifikat erhalten. CSR-NEWS sprach mit den Verantwortlichen Gabriele Rauße und Reinhard Bier.

Nachhaltigkeit nach der ISO 26000 ist nicht zertifizierbar. Darum entwickelte der TÜV Rheinland einen eigenen Standard „Nachhaltige Unternehmensführung“, den er durch seine Auditoren prüfen lässt. Die ersten Unternehmen haben den Prozess inzwischen durchlaufen und ihr Zertifikat erhalten. CSR-NEWS sprach mit den Verantwortlichen Gabriele Rauße und Reinhard Bier.

Warum hat der TÜV Rheinland den Standard „Nachhaltige Unternehmensführung“ entwickelt?

Gabriele Rauße: Zwar hat die International Standard Organisation 2011 die ISO 26000 zum Thema Nachhaltigkeit veröffentlicht, aber nicht zur Zertifizierung freigegeben. Unseres Wissens existiert auf dem deutschen Markt kein branchenübergreifender, zertifizierbarer Standard, der die drei Nachhaltigkeitsaspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales gleichermaßen abdeckt. Kunden fragten dies nach, und eine Marktrecherche ergab dann, dass es sich lohnt, einen entsprechenden Standard zu entwickeln und anzubieten.

Reinhard Bier: Außerdem führte der TÜV Rheinland eine Risikostudie durch – mit dem Ergebnis, dass vor allem der Mittelstand sehr risikobehaftet ist. Risiken wie Ressourcenbedarf und demografischer Wandel sind ihm im Allgemeinen nicht bekannt, auch nicht welche Funktion integriertes Nachhaltigkeitsmanagement für die langfristige Existenzsicherung hat.

Wie ist die bisherige Resonanz?

Gabriele Rauße: Verhalten. Wohl weil es nicht einfach ist, einen so umfassenden Standard mit sieben Handlungsfeldern und 120 Anforderungen einzuführen. Nach dem Erstgespräch merken die Entscheider oft, wieviel ihnen noch zu einem ganzheitlichen Managementsystem fehlt und müssen dies erst aufbauen.

Reinhard Bier: Zudem trifft die Vorstellung, Nachhaltigkeit sei ein grünes Thema, bei dem es vorrangig um Mülltrennung und umweltfreundliche Dienstwagen geht, so nicht zu. Unser Augenmerk liegt auf der Frage, welches Nachhaltigkeitsthema den größten Einfluss auf das Unternehmen hat. Wir wollen eine Strategie, eine Systematik und eine Priorisierung erkennen. Das gilt auch für das soziale Engagement. Das Unternehmen muss seine Werte definiert haben, über ein Konzept verfügen und die Anspruchsgruppen einbeziehen. So vernachlässigen Chefs, die keine Ahnung haben, wie ihr Unternehmen auf Bewertungsportalen abschneidet, den Stakeholderdialog, und das ist eines unserer Prüfkriterien.

TUEV-Rheinland

Gabriele Rauße, Geschäftsführerin TÜV-Rheinland: „Nach dem Erstgespräch merken die Entscheider oft, wieviel ihnen noch zu einem ganzheitlichen Managementsystem fehlt.“

 

Was nützt die Zertifizierung?

Gabriele Rauße: Das Erstaudit und die jährlichen Überwachungsaudits setzen einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess und abteilungsübergreifenden Austausch in Gang. Nach der Plan-Do-Check-Act-Methode sinkt die Fehleranfälligkeit, und die Qualität steigt. Unser Standard integriert die Themenfelder Informationssicherheit, Arbeitsschutz und Compliance. Ein entsprechendes Managementsystem senkt das Risiko, gegen Richtlinien und Gesetze zu verstoßen. Besserer Arbeits- und Gesundheitsschutz mindert Gefahren, Haftungsrisiken und steigert die Arbeitgeberattraktivität.

Reinhard Bier: Die Zertifizierung wirkt wie ein Radar, denn wir erwarten Antworten auf die Fragen, welche Faktoren für das Unternehmen ein Risiko darstellen, ab welchem Schwellenwert gehandelt wird und wie es mit Abweichungen vom Gewünschten umgeht, zum Beispiel beim Datenschutz, der in der Assekuranz eine große Rolle für das Kerngeschäft und das Kundenvertrauen spielt. Außerdem erwarten Versicherte, dass ihr Anbieter existenzsicher ist und bleibt, etwa wenn es um Altersvorsorge geht.

Wie berücksichtigen Sie bestehende Managementsysteme?

Reinhard Bier: Unser Nachhaltigkeitsstandard integriert Aspekte aus bestehenden ISO-Normen. Weist ein Unternehmen zum Beispiel eine Zertifizierung nach ISO 9001 oder 27001, also für die Bereiche Qualität oder Informationssicherheit, nach, reduziert sich der Auditaufwand sehr. Auch die Auditerfahrung macht sich bemerkbar. Und unser Auditteam passt sich dem vorhandenen Auditierungszyklus an.

Was könnte die Nachfrage nach der Zertifizierung steigern?

Gabriele Rauße: Gesetzliche Forderungen und Förderprogramme. Das gilt auch, wenn Kunden und Investoren dies verlangen, etwa bei Ausschreibungen und Ratings. Ein solcher monetäre Anreiz hätte, bei allem Idealismus, sicher die entscheidende Wirkung. Wir freuen uns, wenn sich ein Unternehmen auf den Weg macht, wenn das Management anders denkt und führt. Dann ist schon viel gewonnen. Unser Nachhaltigkeitsstandard stellt ein anspruchsvolles Instrument dar, das die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens messbar macht und deshalb Zukunft hat.

 

Die Barmenia-Versicherung in Wuppertal hat den Prozess erfolgreich durchlaufen und wurde vom TÜV-Rheinland zertifiziert. Unter anderem damit geht das Unternehmen in seiner Branche voran. Elke Bieber hat den Versicherer besucht. Ihren Beitrag lesen Sie im kommenden CSR-MAGAZIN.