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MSC-Siegel in der Kritik

Fisch gilt als gesund und ist zudem für viele Menschen eine wichtige Nahrungsquelle. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der weltweite Fischkonsum mehr als verdoppelt. Mit Auswirkungen auf die Fischbestände, die vielfach als überfischt gelten. Die Antwort darauf ist eine nachhaltige, verantwortliche Fischerei. Diese zu zertifizieren ist das Geschäfts des Marine Stewardship Council (MSC). Ausgestattet mit dem blauen MSC-Siegel genießen Fisch und Fischprodukte im Handel ein hohes Vertrauen. Innerhalb weniger Monate gerät die Organisation nun zum zweiten Mal in die Kritik. Verliert der MSC seine Glaubwürdigkeit?

Kiel (csr-news) > Fisch gilt als gesund und ist zudem für viele Menschen eine wichtige Nahrungsquelle. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der weltweite Fischkonsum mehr als verdoppelt. Mit Auswirkungen auf die Fischbestände, die vielfach als überfischt gelten. Die Antwort darauf ist eine nachhaltige, verantwortliche Fischerei. Diese zu zertifizieren ist das Geschäfts des Marine Stewardship Council (MSC). Ausgestattet mit dem blauen MSC-Siegel genießen Fisch und Fischprodukte im Handel ein hohes Vertrauen. Innerhalb weniger Monate gerät die Organisation nun zum zweiten Mal in die Kritik. Verliert der MSC seine Glaubwürdigkeit?

Weltweit sind 284 Fischereinen nach dem MSC-Programm für nachhaltigen Fischfang zertifiziert, weitere 91 befinden sich derzeit im Zertifizierungsprozess. Zudem sind über 20.000 Produkte mit dem MSC-Siegel ausgestattet und signalisieren dem Verbraucher Unbedenklichkeit. Wissenschaftler des Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben die Verlässlichkeit des Siegels in einer interdisziplinären Studie anhand von 31 Fischbeständen im Nordostatlantik untersucht. „Wir haben uns dabei an den offiziellen Bestandsabschätzungen orientiert, die auch die Grundlage für die MSC-Zertifizierung bilden“, sagt Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Das Ergebnis: Mehr als zehn Bestände wurden stärker befischt als ökonomisch sinnvoll und ökologisch vertretbar wäre.

Regulierung die Fischerei nicht effektiv beschränkt

Die Studie zeigt, dass im ersten Jahr der MSC-Zertifizierung elf Fischbestände über der vom MSC festgelegten Obergrenze befischt wurden. Vier Bestände befanden sich aufgrund ihrer geringen Größe sogar außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Dennoch dürfen Fischprodukte aus diesen Beständen weiterhin das blaue MSC-Siegel tragen. Der MSC begründet dies damit, dass sich die Bestände nach Aufnahme in das MSC-Programm erholen würden. Die Untersuchungen der Kieler Forscher zeigen jedoch keine Erholung der Bestände: Auch nach längerer Zertifizierungsdauer zwischen einem und zehn Jahren (durchschnittlich vier Jahre) konnten keine signifikanten Veränderungen hinsichtlich des Fischereidruckes und der Größe der Bestände festgestellt werden. Im letzten Zertifizierungsjahr mit verfügbaren Daten waren sieben Bestände (44 Prozent der Bestände mit verfügbaren Daten) überfischt, fünf Bestände befanden sich außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Auf der anderen Seite lag bei elf Beständen die erlaubte Fangmenge weit über den tatsächlichen Fängen. Die Forscher werten dies als ein Zeichen, dass die festgelegten Fangmengen nicht den realen Fangmöglichkeiten entsprechen. „Unsere Studie hat somit gezeigt, dass die Regulierung die Fischerei nicht effektiv beschränkt hat. Darüber hinaus wurde bei drei Beständen der erlaubte Fang um bis zu 50 Prozent überschritten“, sagt Professor Martin Quaas vom Institut für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität und Leiter der Arbeitsgruppe Nachhaltige Fischerei im Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“. Offenbar, so das Fazit der Autoren, gab es keine effektive Kontrolle der Fänge.

Der MSC weist die Vorwürfe zurück und hält die Interpretation der Daten und Richtlinien des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) schlicht für falsch. So würden einige Fischbestände, die in der Analyse einen besonders hohen Befischungsgrad ausweisen, nicht von MSC-zertifizierten Fischereien befischt oder sie werden von Fischereien befischt, die von ihrer MSC-Zertifizierung suspendiert wurden. Christopher Zimmermann, deutscher ICES-Abgesandter und Mitglied des ICES-Beirats: “Die Forscher behaupten, nur mit offiziellen ICES-Daten zu arbeiten, doch gerade das tun sie nicht! Sie haben stattdessen eigene Referenzwerte aufgestellt um anhand dieser, wie schon in der Vergangenheit, fälschlicherweise zu behaupten, der MSC lasse eine Ausbeutung überfischter Bestände zu“. Das sei nicht richtig, kontern die Wissenschaftler. Die entsprechenden offiziellen Dokumente des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) seien allgemein verfügbar und sowohl Überfischung, wie beispielsweise „fishing pressure“ für die Makrele als auch zu kleine Bestandsgröße, wie beispielsweise „stock size“ beim Hering aus Norwegen seien darin deutlich ausgewiesen und mit rot als mangelhaft gekennzeichnet. „Auf die entscheidende Frage bleibt der MSC bisher eine Antwort schuldig: Warum werden Fischprodukte aus Beständen zertifiziert, die laut aktueller offizieller Bestandsabschätzung über dem maximal nachhaltigen Wert befischt werden oder sich außerhalb sicherer biologischer Grenzen befinden?“, so Rainer Froese.

Klare und strenge Forderungen

„Die Analyse ignoriert den internationalen wissenschaftlichen Konsens in Sachen nachhaltiger Fischerei und verfolgt keine ganzheitliche Betrachtungsweise“, so der Standpunkt des FSC. Zudem verfüge der MSC über den international strengsten und glaubwürdigsten Kriterienkatalog zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Wildfischereien. „Dieser Kriterienkatalog reflektiert den Code of Conduct der FAO und den internationalen wissenschaftlichen Konsens in Sachen nachhaltige Fischerei. Er verfolgt einen strengen, ausgewogenen und umfassenden Ansatz, um die Gesundheit unserer Ozeane sicherzustellen“, heißt es dazu in einer Stellungnahme. Im Zentrum des MSC Kriterienkatalogs steht die Erkenntnis, dass die Gesundheit eines Fischbestands durch eine Kombination der beiden Faktoren „Grad der Befischung“ und „Größe rsp. Biomasse des befischten Bestands“ bestimmt wird. “Der MSC-Kriterienkatalog enthält klare und strenge Forderungen, die dem internationalen wissenschaftlichen Konsens in Sachen nachhaltiger Fischfang entsprechen, wonach Fischbestände um diejenige Bestandsgröße schwanken sollten, die die höchstmögliche nachhaltige Fangmenge liefert“, so David Agnew, Leiter für Wissenschaft und Standards beim MSC. Zudem würden beim MSC außerdem aktuelle Bestandsentwicklungstendenzen, natürliche Bestandsschwankungen sowie die Professionalität und Effizienz des jeweiligen Fischereimanagements berücksichtigt. Nur diese Kombination mehrerer Faktoren erlaube eine Aussage über die Gefährdung von Fischbeständen. Eine isolierte Betrachtung, wie sie in der Untersuchung vorgenommen wird, erlaube keine tragfähige Aussage über die Bestände. Der MSC verweist auf eine Studie, die Anfang Juni erscheinen wird. Danach hat sich der Zustand der Bestände, die von MSC-zertifizierten Fischereien befischt werden, zwischen 2000 und 2014 deutlich verbessert und der Zustand dieser Bestände sei heute besser, als bei Beständen, die von nicht MSC-zertifizierten Fischereien befischt werden.

Bisher mangelt es sowohl auf internationaler als auch auf europäischer Ebene an rechtlich durchsetzbaren Vorschriften für Produkte aus nachhaltiger Fischerei. Die Umsetzung der von der Welternährungsorganisation FAO definierten Standards ist für Unternehmen bisher freiwillig. „Jedes Unternehmen kann demnach den Begriff nachhaltige Fischerei frei verwenden. Kontrollierte Standards für Umweltlabels gibt es in diesem Bereich nicht“, sagt Professorin Nele Matz-Lück vom Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht an der CAU. „Ökosiegel für überfischte Bestände mögen streng genommen ‚legal‘ sein, vertretbar sind sie nicht“, so Matz-Lück weiter. Die Autoren der Studie empfehlen daher, die Richtlinien des MSC dahingehend zu ändern, dass Überfischung und unsichere Bestandsgrößen zur sofortigen Aussetzung der Zertifizierung führen. „Beim Kauf sind Fischprodukte mit MSC-Siegel zwar Produkten ohne Siegel vorzuziehen, doch um das entgegengebrachte Vertrauen der Verbraucher weiterhin zu erhalten, muss der MSC an seiner Glaubwürdigkeit arbeiten,“ so Silvia Opitz vom GEOMAR.

Bereits im Januar geriet der MSC in die Kritik, als Greenpeace seinen aktualisierten Fischratgeber veröffentlichte. Darin wurde vom Verzehr des Alaska-Seelachs, abgeraten. Wenige Tage zuvor hatte der MSC in einer Mitteilung den bedenkenlosen Verzehr für eben diesen Fisch erklärt, vorausgesetzt, dieser würde das MSC-Siegel tragen. Der Alaska-Seelachs ist Deutschlands beliebtester Speisefisch, rund 3 Kilogramm pro Kopf werden jedes Jahr verzehrt, und in zahlreichen Fischprodukten (beispielsweise Fischstäbchen) enthalten.