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Kinderarbeit in globalen Lieferketten beenden

Eigentlich sollten sie in der Schule oder beim Spielen sein, doch für rund 168 Millionen Kinder weltweit sieht der Alltag anders aus. Sie schuften auf Feldern, in Minen oder in Fabriken. Rund 85 Millionen Kinder sind sogar in Arbeitsbereichen eingesetzt, die als gefährlich gelten. Anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit forderte ILO-Generaldirektor Guy Ryder: „Gemeinsames Handeln, für eine Zukunft der Arbeit ohne Kinderarbeit“.

Berlin/Osnabrück (csr-news) > Eigentlich sollten sie in der Schule oder beim Spielen sein, doch für rund 168 Millionen Kinder weltweit sieht der Alltag anders aus. Sie schuften auf Feldern, in Minen oder in Fabriken. Rund 85 Millionen Kinder sind sogar in Arbeitsbereichen eingesetzt, die als gefährlich gelten. Anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit forderte ILO-Generaldirektor Guy Ryder: „Gemeinsames Handeln, für eine Zukunft der Arbeit ohne Kinderarbeit“.

Am Welttag gegen Kinderarbeit soll die Wirtschaft und die Öffentlichkeit jedes Jahr erneut auf ein weltweites Problem aufmerksam gemacht werden. „Kinderarbeit hat keinen Raum in regulierten Marktwirtschaften“, so Ryder. „Bedauerlicherweise wächst jedoch der Anteil an Kinderarbeit in globalen Lieferketten.“ Kinderarbeit tritt vorwiegend in der Landwirtschaft und in den mit der informellen Wirtschaft verbundenen Teilen von Lieferketten auf. Hier finden kaum Kontrollen durch Arbeitsinspektionen statt, der Schutz durch Gewerkschaften oder Verbraucherorganisationen fehlt. Dies alles erhöht das Risiko für Kinderarbeit in Zulieferketten. Kinder sind besonders gefährdet, weil das Einkommen ihrer Eltern unzureichend ist oder weil kleine Familienbetriebe es sich nicht leisten können, die Kinderarbeiter durch angestellte Erwachsene zu ersetzen. Allerdings findet Kinderarbeit nicht nur in den globalen Lieferketten statt, laut ILO müsse das Augenmerk auch auf Bereiche gelegt werden, in denen Produkte für die lokalen und nationalen Märkte hergestellt werden.

Hauptursache von Kinderarbeit ist bittere Armut

Dennoch würde es ermutigende Zeichen geben für die Bereitschaft, Kinderarbeit zu beenden und vorbeugende Maßnahmen einzuleiten. So hätten Regierungen die Notwendigkeit erkannt, dass der Kampf gegen Kinderarbeit kohärente politische Maßnahmenpakete erfordert und würden die notwendigen Gesetze für das Verbot von Kinderarbeit formulieren. Dabei gehe es vor allem um die Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für Kinder, ihren sozialen Schutz, aber auch um menschenwürdige Arbeit für ihre Eltern. Zudem würden global agierende Unternehmen ihre Anstrengungen zur Abschaffung der Kinderarbeit verstärken, indem sie ihre Unternehmenskapazitäten entlang ihrer Lieferkette analysieren. Das ist eine komplexe Aufgabe, die Partnerschaften zwischen Unternehmen einer Branche, Regierungen und Gewerkschaften erfordert. Foren wie die ILO-Child Labour Platform tragen dazu bei, gute Praxisbeispiele bekannt zu machen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu verstärken.

„Die Hauptursache von Kinderarbeit ist bittere Armut!“ sagt Louay Yassin, Pressesprecher der SOS Kinderdörfer. „Deshalb fordern wir Unternehmen, die im Ausland produzieren lassen, auf, ihrer sozialen Verantwortung in armen Ländern gerecht zu werden!“ Schätzungen zufolge erwirtschaften arbeitende Kinder in armen Familien zwischen 15 und 30 Prozent des Haushaltseinkommens. „Deshalb unterstützen wir tausende Familien, die trotz Arbeit ihre Familie nicht ernähren können. Oft sind das Subunternehmer, die für den westlichen Markt produzieren. Das ist ein Skandal!“, so Yassin. Der Vorsitzende der Kinderkommission der Bundesregierung, Norbert Müller: „Mit dem Ziel, noch in diesem Jahr die sogenannten ‚schlimmsten Formen‘ der Kinderarbeit vollständig abzuschaffen, trat im Jahr 2000 das Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit in Kraft. Dazu zählen Sklaverei, Zwangsarbeit einschließlich des Einsatzes Kindersoldaten, Kinderprostitution und Kinderpornographie, kriminelle Tätigkeiten und andere Formen der Arbeit, welche die Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährden. Trotz der engagierten Arbeit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und vieler Initiativen konnte dieses Ziel bisher nicht erreicht werden. Dieses Engagement würdige ich ausdrücklich. Gleichzeitig muss die Bundesregierung bei ihren internationalen Partnern stärker als bisher die Bekämpfung von Kinderarbeit einfordern.“

Kinder arbeiten auf Großbaustellen in den Städten, auf Baumwoll- und Orangenplantagen

Auch in der aktuellen Flüchtlingssituation ist Kinderarbeit ein Thema, dem sich eine Studie der Hilfsorganisation terre des hommes widmet. Immer mehr syrische Flüchtlingskinder müssen arbeiten, um das eigene Überleben und das ihrer Familien zu sichern. Die Kinder arbeiten auf Großbaustellen in den Städten, auf Baumwoll- und Orangenplantagen, aber auch als Bettler auf den Straßen oder als Kämpfer in bewaffneten Gruppen. „Die Ausbeutung syrischer Flüchtlingskinder nimmt im sechsten Jahr des Syrienkrieges dramatische Ausmaße an“, so Albert Recknagel, Vorstandssprecher von terre des hommes. „Die unerträglichen Lebensbedingungen in Syrien wie auch für die in die Nachbarländer Geflüchteten zwingen die Familien, ihre Kinder mitarbeiten zu lassen. Oft sind die Kinder sogar die Hauptverdiener der Familie“. Recherchen durch Mitarbeiter von terre des hommes in Jordanien, Libanon, Irak und der Türkei haben ergeben, dass über die Hälfte der befragten Kinder mindestens sieben Stunden täglich arbeiten. Ein Drittel der befragten Kinder arbeitet an sieben Tagen in der Woche. Die Jüngsten unter ihnen sind erst fünf oder sechs Jahre alt. “Diese Kinder schuften für das eigene Überleben und das ihrer Familien, und ruinieren dabei ihre Gesundheit und ihre Zukunft“, so Albert Recknagel. „Sie tragen keine Schutzkleidung und arbeiten wie Erwachsene. Sie gehen nicht zu Schule und werden in keiner Weise altersgerecht betreut.“

Untersuchungen unter Flüchtlingskindern auf der Balkanroute in den ersten Monaten 2016 haben hingegen keinen Hinweis auf verbreitete Kinderarbeit in Europa erbracht, da die Flüchtlinge zügig weiterreisen und nicht verweilen. Mit dem Schließen der Grenzen könnte sich dies schnell ändern, da sich die Aufenthaltsdauer der Kinder im Erstaufnahmeland erheblich verlängert. In Mazedonien und Griechenland wurden erste Fälle von Kinderarbeit bekannt.

terre des hommes appelliert an die Europäische Union, die Regierungen der Mitgliedsländer sowie an Unternehmen und Gewerkschaften, sich für das Wohl dieser Kinder einzusetzen. „Die EU muss dringend Vorsorge- und Schutzmechanismen für Flüchtlingskinder etablieren, einheitliche Registrierungssysteme schaffen und Inspektionen durchführen“, so Albert Recknagel. „Die Bundesregierung ist aufgefordert, sich insbesondere um die Flüchtlingskinder in Deutschland zu kümmern und den Berichten über verschwundene Kinder nachzugehen. Vor allem brauchen wir zum Schutz der Kinder einen ganzheitlichen Ansatz, der Schulbildung, kindgerechte Betreuung und die direkte Unterstützung der Familien mit Bargeld umfasst.“