Nachrichten

EU-Kommission stellt Definition für hormonstörende Stoffe vor

– aktualisiert – Nach Jahren des Zögerns hat die EU-Kommission Kriterien zur Definition von hormonstörenden Stoffen in Pflanzenschutzmitteln und Bioziden wie Desinfektions- oder Holzschutzmittel vorgeschlagen. Grundlage für die Einschätzung sollen die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sein, teilte die EU-Behörde am Mittwoch in Brüssel mit.

Brüssel (afp) > Die EU-Kommission hat erstmals Kriterien zur Definition von hormonstörenden Stoffen in Pflanzenschutzmitteln und Bioziden wie Desinfektions- oder Holzschutzmittel vorgeschlagen. Grundlage für die Einschätzung sollen die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sein, teilte die EU-Behörde am Mittwoch in Brüssel mit. Dank der Definition soll es künftig besser möglich sein, Substanzen mit schädlicher hormoneller Wirkung zu erkennen und bei Bedarf zu verbieten.

Die WHO definiert einen Stoff als sogenannten endokrinen Disruptor, wenn er schädigende Wirkung für die menschliche Gesundheit hat, im Blut wirksam wird (endokrine Wirkungsweise) und ein Zusammenhang zwischen der schädigenden Wirkung und der Veränderung im Blut besteht. Um das festzustellen, sollen die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen und einer „robusten systematischen Überprüfung“ unterzogen werden, hieß es von der EU-Kommission.

Weder angemessen noch praktikabel

Die Kommissions-Entscheidung für die WHO-Kriterien stieß sowohl bei Industrievertretern als auch bei Umwelt- und Gesundheitsaktivisten auf Kritik. „Wir sind extrem enttäuscht“, hieß es in einer ersten Stellungnahme des europäischen Dachverbands der Pflanzenschutzindustrie. Ähnlich reagierte der Industrieverband Agrar. Die weitgehende Übernahme einer allgemein gehaltenen Definition der WHO sei „für regulatorische Entscheidungen weder angemessen noch praktikabel“, teilte der Verband in Frankfurt am Main mit. Es stehe zu befürchten, dass durch die Vorhaben der Kommission Stoffe verboten werden könnten, die „gesundheitlich unbedenklich“ seien. „Das ist unglaublich schlecht, ich bin entsetzt“, sagte Lisette Van Vliet von der Umwelt- und Gesundheitsorganisation Heal der Nachrichtenagentur AFP. Der Kommissionsvorschlag gehe nur von Reaktionen auf hormonstörende Stoffe beim Menschen aus. Dadurch würden die Menschen zu lebenden Versuchskaninchen. Normalerweise würden Reaktionen bei Tieren und in der Umwelt getestet.

Abstimmung mit den EU-Mitgliedsstaaten

„Es ist ganz eindeutig, dass die Kommission mit diesen Vorschlägen das Schutzniveau senken wird“, kommentierte Vito Buonsante, Anwalt bei der Umweltschutzorganisation Client Earth. Mit dem Kommissionsverfahren werde es wegen der hohen Beweishürden künftig fast unmöglich sein, Chemikalien für Schäden am menschlichen Körper verantwortlich zu machen. „Es ist peinlich, dass die EU-Kommission die Interessen der Pestizidindustrie über die Gesundheit der Bürger stellt“, urteilte mit einer ähnlichen Argumentation der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling. Forscher weisen seit gut 20 Jahren auf negative Auswirkungen von hormonstörenden Stoffen auf den menschlichen Organismus hin. Die schlechtere Qualität von Spermien oder der frühzeitige Beginn der Pubertät könnten Auswirkungen endokriner Disruptoren sein. Sie kommen neben Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel in Kunststoffprodukten, Baustoffen, Möbeln oder Fußbodenbelägen vor.

Die EU-Kommission war 2010 damit beauftragt worden, wissenschaftliche Kriterien zur Einordnung eines Stoffes als endokriner Disruptor bis Ende 2013 festzulegen, um auf dieser Grundlage die EU-Gesetzgebung zu Pflanzenschutzmitteln und Bioziden richtig anwenden zu können. Der Europäische Gerichtshof rügte die Kommission im Dezember, weil die Kriterien immer noch nicht veröffentlicht waren. Die nun vorgelegten Vorschläge muss die Kommission mit den EU-Mitgliedstaaten in Fachgremien abstimmen.

 

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar