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Das Weltsozialforum auf der Suche nach neuem Schwung

Das zwölfte Weltsozialforum (WSF) in der kanadischen Stadt Montréal will bis zum Abschluss am Sonntag genügend Schwung bekommen, um zu verhindern, ein blasser Abklatsch der Treffen im brasilianischen Porto Alegre zu Beginn des Jahrtausends zu werden.

Montreal (afp) > Das zwölfte Weltsozialforum (WSF) in der kanadischen Stadt Montréal will bis zum Abschluss am Sonntag genügend Schwung bekommen, um zu verhindern, ein blasser Abklatsch der Treffen im brasilianischen Porto Alegre zu Beginn des Jahrtausends zu werden. Damals versammelten sich um die 100.000 Globalisierungskritiker unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“. Gewerkschafter, Ureinwohner, Menschenrechtler, Umweltaktivisten und Pazifisten diskutierten über eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Globalisierung.

Die Teilnehmerzahl des diesjährigen – erstmals in einem G7-Industrieland abgehaltenen – Forums nimmt sich bescheidener aus. Zum Protestmarsch beim Auftakt am Dienstag fanden sich etwa 5000 Demonstranten an, die tanzend und singend durch die Innenstadt von Montréal liefen. Bis Sonntag stehen Vorträge und Diskussionen zu Themen wie Armut, Umweltschutz, Klimawandel, Steuerflucht oder Flüchtlingspolitik auf dem Programm.

„Wenn ich mit gewöhnlichen Einwohnern von Montréal spreche, ist keiner über das Forum auf dem Laufenden, und wenige kennen das WSF überhaupt. Davos kennt dagegen jeder“, sagt Henry Mintzberg, Betriebswirtschaftsprofessor an der McGill-Universität in Montréal. Im Schweizer Skiort Davos findet das Weltwirtschaftsforum statt, als dessen Gegenveranstaltung sich das 2001 in Porto Alegre gegründete Weltsozialforum versteht. Außer in der brasilianischen Stadt fand das Forum auch bereits in Mali, Indien, Pakistan und zwei Mal in Tunesien statt. Mit der Wahl des Veranstaltungsorts Montréal wollten die Organisatoren ein Signal zur Überwindung des Nord-Süd-Gegensatzes setzen.

Die geringere Teilnehmerzahl sei kein Zeichen dafür, „dass das Weltsozialforum an Kraft verliert“, sagte Carminda MacLorin vom Organisationsteam. MacLorin verwies darauf, dass das Forum zunehmend auf regionale Treffen rund um die Welt setze. Kritiker hatten die hohen Reisekosten für Montréal beklagt, zudem hatten die kanadischen Behörden rund 230 Gästen nicht rechtzeitig ein Visum ausgestellt, insbesondere solchen aus Afrika und Asien. Eine aus Guinea stammende Teilnehmerin des Eröffnungsmarsches kritisierte, dass die meisten Teilnehmer aus Kanada und anderen reichen Ländern kämen. „Ich sehe hier nicht viele Afrikaner“, sagte Fatouma Chérif von der westafrikanischen Frauenrechtsgruppe Wopod. „Hier gibt es nur Teilnehmer aus den Ländern des Nordens, und ich sehe nicht, wie das ein Weltsozialforum sein kann.“

Raphaël Canet, Koordinator des WSF-Montréal, verweist darauf, dass die Bewegung der Empörten (Indignados) oder von Occupy Wall Street sich nicht dem Weltsozialforum zugewandt, sondern auf die Straße gegangen seien. Mintzberg unterstreicht, dass in Davos Politiker und Unternehmer – bei allen Differenzen untereinander – an einem Strang ziehen. Bei den WSF-Aktivisten sei die „Denke“ dagegen: „Die Leute auf meiner Linken sind Extremisten, und die rechts von mir sind Opportunisten.“ Für den Soziologieprofessor André Drainville von der Universität Laval in Québec ist das WSF ganz einfach nicht mehr so „in“ wie früher. Außerdem gebe es „ständige Spannungen zwischen den Pragmatikern und denjenigen, die im WSF in erster Linie eine soziale Bewegung sehen“.

Chico Whitaker Ferreira, Mitbegründer des Weltsozialforums und ehemaliges Mitglied der brasilianischen Arbeiterpartei (PT), beklagt den Termin des Weltsozialforums in Kanada. Es solle parallel zum Davoser Weltwirtschaftsforum stattfinden und damit allenthalben als „die soziale Alternative“ sichtbar sein, sagt er. Die kanadischen Veranstalter ziehen sich den Schuh von der nachlassenden Attraktivität des WSF nicht an. Mit den beiden Foren in Tunesien 2013 und 2015 sei es gelungen, die Brücke zur arabischen Rebellion und zu neuen sozialen Bewegungen zu schlagen. Für das WSF gebe es weiter eine Zukunft – als Gegenmacht zum Neoliberalismus und zu dessen Folgen.