Nachrichten Unternehmen

Recht auf Freizeit

Aramanda - Fotolia

[exclusiv] In Frankreich wird jetzt gegengesteuert: Ein zum Jahreswechsel in Kraft getretenes Gesetz verpflichtet größere Unternehmen, ihren Mitarbeitern ein “Recht auf Abschalten” einzuräumen. Doch die Wirksamkeit der Maßnahme ist umstritten.

Paris (afp) > In Frankreich wird jetzt gegengesteuert: Ein zum Jahreswechsel in Kraft getretenes Gesetz verpflichtet größere Unternehmen, ihren Mitarbeitern ein “Recht auf Abschalten” einzuräumen. Doch die Wirksamkeit der Maßnahme ist umstritten.

Von Sandra Lacut

In der modernen Arbeitswelt ist die ständige Erreichbarkeit von Angestellten schon lange eine Realität. Laut einer im vergangenen Herbst veröffentlichten Umfrage nutzen 37 Prozent der Berufstätigen in Frankreich fast täglich außerhalb ihrer Arbeitszeit Handy oder Laptop für berufliche Zwecke. 62 Prozent von ihnen sprachen sich für eine Regulierung aus. “Es gibt eine echte Erwartungshaltung, dass die Unternehmen das Recht auf Abschalten als Schutz einrichten”, sagt der Arbeitssoziologe Xavier Zunigo. “Die digitale Welt kann eine Gefahr für die berufliche Existenz und ein Stressfaktor werden.”

Regeln zu Dienstmails außerhalb der Bürozeiten

Einige französische Konzerne wie der Versicherungsriese Axa und das Atomunternehmen Areva haben bereits eigene Regeln zu Dienstmails außerhalb der Bürozeiten aufgestellt, in Deutschland sind unter anderem die Autobauer Volkswagen und Daimler Vorreiter. Beispielsweise werden die E-Mail-Konten von Mitarbeitern nach Feierabend vom Server getrennt oder während des Urlaubs eingehende Dienstmails automatisch gelöscht. Doch französische Gewerkschaften rechnen vor, dass bislang weniger als ein Prozent der Unternehmen solche Vorgaben aus eigenem Antrieb festgeschrieben haben. Deswegen wurde die sozialistische Regierung aktiv: Sie verankerte das Recht auf Abschalten in der im vergangenen Jahr beschlossenen Arbeitsmarktreform. Die sorgte insbesondere wegen der Lockerung der 35-Stunden-Woche und des Kündigungsschutzes für Aufregung und Proteste, über die neuen Regeln zur Trennung von Berufs- und Privatleben wurde viel weniger gesprochen. Doch auch wenn jetzt zumindest theoretisch das Recht festgeschrieben wurde, berufliche E-Mails außerhalb der festen Arbeitszeiten zu ignorieren – in der Praxis gibt es viele Schwierigkeiten.

So sieht die gesetzliche Regelung vor, dass Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten mit den Arbeitnehmervertretern eine Vereinbarung zum Recht auf Abschalten aushandeln sollen. Eine Verpflichtung auf eine Einigung oder eine Frist für einen Kompromiss gibt es aber nicht. Vielmehr kann die Unternehmensführung bei einem Scheitern der Gespräche ein eigenes Regelwerk vorlegen. Strafen für säumige Firmen sieht das neue Gesetz nicht vor. Arbeitgeberverbände beklagen trotzdem, die Regelung bedeute “neue Zwänge” für Firmen. Außerdem könnte sie die Spannungen zwischen Management und Belegschaft vergrößern und neue juristische Auseinandersetzungen nach sich ziehen.

Schwierig ist die Umsetzung des Rechts

Denn Angestellte können vor ein Arbeitsgericht ziehen, wenn sie ihr Recht auf Abschalten verletzt sehen. Allerdings sei das auch schon bislang möglich gewesen, sagt Juraprofessor Emmanuel Dockes. Im französischen Arbeitsrecht sei bereits eine tägliche Ruhezeit von mindestens elf Stunden festgeschrieben – und von Ausruhen könne keine Rede sein, wenn jemand online bleiben müsse. Schwierig ist die Umsetzung des Rechts auf Abschalten auch in einer zunehmend internationalen Arbeitswelt, wo Kunden, Kollegen oder Geschäftspartner häufig auf einem anderen Kontinent und damit in einer ganz anderen Zeitzone sitzen. Außerdem sind es nicht nur Unternehmen, die von ihren Mitarbeitern Flexibilität verlangen. Viele Angestellte selbst sehen darin einen Vorteil. “Manche wollen jeden Abend zwei Stunden arbeiten, sich dafür aber am Nachmittag ausklinken, ihre Kinder abholen und das Abendessen kochen”, sagt Anna Cox vom University College London. Einen Kompromiss zwischen dem Schutz der Mitarbeiter und der gewollten Flexibilität zu finden, sei ein schwieriger Spagat, sagt die Expertin für Work-Life-Balance. Das neue Gesetz in Frankreich biete aber einen guten Rahmen, die unterschiedlichen Vorstellungen auszuhandeln.

 

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar