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Sechs Lebensmittelkonzerne stellen eigene Lebensmittelampel vor

Matty Symons - Fotolia

[exklusiv] Im Kampf gegen ungesunde Ernährung und Übergewicht kommt seit Jahren immer wieder die Lebensmittelampel in die Diskussion. Auf europäischer und bundespolitischer Ebene hat diese bislang keine Chance auf Umsetzung. Auch die Industrie zeigte sich bislang eher ablehnend. Nun haben die Lebensmittelkonzerne Unilever, Mars, Nestlé, Coca-Cola, Pepsico und Mondelez einen eigenen Vorschlag präsentiert.

Brüssel (csr-news) > Wieviel Zucker, Fett oder Salz stecken in den einzelnen Produkten, die im Lebensmittelhandel angeboten werden und wie hoch ist der Nährwert? Auf den ersten Blick ist dies für Verbraucher schwer zu erkennen. Die Lösung, so fordern es Verbraucherschützer seit langer Zeit, soll eine schnell erkennbare Ampel sein – von Rot für ungesund über Gelb bis Grün für eher gesund. Gegen diese offensichtliche Kennzeichnung hat sich die Lebensmittelindustrie immer gewehrt. Gleichzeitig werden sie für ungesunde Ernährung mitverantwortlich gemacht und haben dieses Thema auch in ihren Nachhaltigkeitsstrategien adressiert. Ein eigener Vorschlag soll nun ein Kompromiss sein. Was auf den ersten Blick wie ein gemeinsames Ziel aussieht, hat aus Sicht der Verbraucherschützer einen Haken.

Denn, im Gegensatz zu den bisherigen Ansätzen, die eine Kennzeichnung auf Basis von beispielsweise jeweils 100 Gramm vorsahen (analog zur bereits existierenden Nährwerttabelle auf den Verpackungen), wollen die Unternehmen die einzelne Portion bewerten. Sie erklären die auffällig sichtbare Kennzeichnung sei geeignet, um Verbrauchern eine bessere Konsumentscheidung für eine gesunde Ernährung zu treffen. Auf Basis der bereits in Großbritannien und Irland eingeführten Ampelsysteme will man nun eine portionsbasierte, für ganz Europa einheitliche Kennzeichnung vorantreiben.

„Auch, wenn die Hersteller sich erfreulicherweise nicht länger dem Prinzip einer Ampelkennzeichnung verschließen, ist der heute vorgestellte Ansatz der Hersteller auf Basis von Portionsgrößen aus Verbrauchersicht nicht akzeptabel“, kritisiert Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). „Es gibt kein einheitliches Verständnis darüber, was „eine Portion“ ist – Menschen essen nicht immer gleich große Portionen. Die von den Herstellern vorgeschlagene Systematik ist daher nicht geeignet, Verbraucher nachvollziehbar über den Nährstoffgehalt eines Lebensmittels zu informieren. Im Gegenteil: Der Vergleich des Nährstoffgehalts verschiedener Lebensmittel wird sogar erschwert und kann in die Irre führen.“

Professor Michael Gibney von der irischen UCD’s School of Agriculture and Food Science sieht dagegen die Portion als sinnvolle Basis für eine Kennzeichnung. Auch wenn es bislang keine einheitlichen europäischen Standards über Portionsgrößen gäbe, so sollte dies nicht davor abhalten ein wirksames, europaweites Kennzeichnungssystem einzuführen. Gibney verweist auf die, 2016 erschienene, Studie „Food4ME“, die ähnliche Konsum- und Essengewohnheiten in Europa belegt. Die Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch (Bündnis 90/Grüne) sieht das Problem, dass die Unternehmen die Portionsgrößen selber festlegen und damit den Vorteil der Ampel umgehen. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Unternehmen regelmäßig zu kleine Portionsgrößen nennen, um den Eindruck einer geringeren Kalorienaufnahme zu erzeugen“, so Maisch. Verbraucherstudien hätten aber belegt, dass immer größere Portionen und somit auch mehr Kalorien zu sich genommen würden. Maisch: „Zudem orientieren sich Unternehmen an den laschen Vorgaben der EU Kennzeichnungsverordnung. Der EU-Bezugswert liegt bei Zucker beispielsweise bei 90 g pro Tag, obwohl die WHO nur einen Verzehr von höchstens 50 g pro Tag empfiehlt. Die aktuell geltende EU-Regelung führt auch in Kombination mit Portionsgrößen also dazu, dass selbst stark gezuckerte Produkte nicht mit rot gekennzeichnet werden müssten.“ Doch soweit sind die Unternehmen noch gar nicht, konkrete Angaben wurden noch nicht gemacht. Zunächst soll in Zusammenarbeit mit Lebensmittelexperten, NGOs und weiteren Stakeholdern ein funktionierendes Kennzeichnungssystem erarbeitet werden. Wichtig ist den Unternehmen, eine europaweit einheitliche Lösung zu finden.

 

 

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