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Breite Unterstützung für Klimaschutz und Erneuerbare Energien in Europa

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Der neue Chef der US-Umweltbehörde EPA, Scott Pruitt, zieht in Zweifel, dass die Kohlendioxid-Emissionen ein wesentlicher Faktor bei der globalen Klima-Erwärmung sind. Der Einfluss menschlicher Aktivitäten auf das Klima sei sehr schwer zu messen, und es gebe “enorme Meinungsunterschiede” über das Ausmaß ihrer Auswirkungen, sagte Pruitt dem US-Fernsehsender CNBC. Mit seinen Aussagen zum Klimawandel stellte er sich in Gegensatz zum fast einhelligen Konsens von Wissenschaftlern aus aller Welt. Doch wie steht es eigentlich um die Haltung der europäischen Bürger zum Klimawandel. Eine länderübergreifende Studie des Zentrums für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart, des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam und der Wissenschaftsplattform klimafakten.de liefert Antworten.

Berlin (csr-news) > Europas Bürger unterstützen mit großer Mehrheit Erneuerbare Energien, zeigen sich beim Vertrauen in die Politik gespalten und sagen: Der Klimawandel ist bereits heute spürbar – so die zentralen Ergebnisse der Studie “Wahrnehmungen des Klimawandels und Energiepräferenzen in Europa (European Perceptions of Climate Change and Energy Preferences, EPCC)“. In der repräsentativen Befragung äußerten sich jeweils rund 1.000 Bürger in Deutschland, Großbritannien, Norwegen und Frankreich zu den Themen Klimawandel und Energiepolitik. Politische Bedeutung gewinnen die Befunde insbesondere mit Blick auf den Wahlkalender: So stehen in Frankreich, Norwegen und Deutschland Präsidentschafts- bzw. Parlamentswahlen an. In Großbritannien führt der Brexit auch zu Unsicherheit in Bezug auf die künftige Klima- und Energiepolitik. Ortwin Renn, Projektleiter zur Studie am Forschungszentrum ZIRIUS der Universität Stuttgart und Wissenschaftlicher Direktor am IASS: „Ermutigend ist, dass die große Mehrheit der befragten Europäer davon ausgehen, dass es den Klimawandel gibt und seine Folgen bereits heute konkret zu spüren sind.“

Wir hatten nicht erwartet, dass der Anteil derer, die den menschgemachten Klimawandel bezweifeln, in Deutschland so hoch ist.

Eine große Mehrheit der Deutschen (83 %) geht davon aus, dass es einen Klimawandel gibt. Überraschend hoch allerdings ist in Deutschland im Vergleich zu den anderen untersuchten Ländern der Anteil derjenigen, die von der Existenz des Klimawandels nicht überzeugt sind: mit 16 Prozent liegt dieser Wert deutlich höher als in Großbritannien (12 %), Frankreich (6 %) und Norwegen (4%). Ein Grund dafür könnte sein, dass drei von vier Deutschen den Klimawandel in der Wissenschaft für umstritten halten. Die Befragten sollten angeben, inwieweit sie davon ausgehen, dass sich die Klimawissenschaftler über den menschengemachten Klimawandel einig sind. Nur knapp jeder vierte Befragte (24 %) gab dabei an, dass eine überwiegende Mehrheit der Klimaforscher darin übereinstimmt, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt. Tatsächlich stimmen dem aber über 97 Prozent der Klimaforscher zu, wie mehrere Studien ergeben haben (einen Überblick dazu bietet klimafakten.de). „Die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen und die Energiewende ruht in Deutschland ebenso wie in den anderen einbezogenen Ländern auf einem breiten Fundament. Allerdings hatten wir nicht erwartet, dass der Anteil derer, die den menschgemachten Klimawandel bezweifeln, in Deutschland so hoch ist. Das ist ein alarmierendes Zeichen. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Bewegungen Zulauf erhalten, muss die Wissenschaft ihre Erkenntnisse daher verstärkt vermitteln und nachvollziehbar erklären. Das ist auch eine Voraussetzung für den Erfolg der Energiewende“, so Renn.

Klimaforschung ist in der Pflicht, noch stärker den Austausch mit Bürgern zu suchen

Trotz der Schwierigkeiten, den tatsächlichen Erkenntnisstand einzuschätzen: In allen vier Ländern ist der Klimawandel für die Bürger bereits Realität. So stimmen jeweils 60 bis 61 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Folgen des Klimawandels bereits spürbar sind. Carel Mohn, Leiter des Portals klimafakten.de, sieht die Klimaforschung in der Pflicht, noch stärker den Austausch mit Bürgern zu suchen. Bei der Einschätzung der Klimaforschung in der Bevölkerung zeige sich eine problematische Kluft: „Nur ein Viertel der Bevölkerung ist zutreffend darüber informiert, dass in der Wissenschaft über die zentralen Fragen des menschgemachten Klimawandels praktisch völliges Einvernehmen besteht – der Rest geht von einem Dissens aus, den es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt.“

In der Befragung wurden die Bürger auch zu ihren Einstellungen zu verschiedenen Energieträgern, ihrem Vertrauen in verschiedene Institutionen und ihren Wünschen an die staatliche Energiepolitik befragt. Auf große Zustimmung in allen vier Ländern treffen die Erneuerbaren Energien. Jeweils mehr als 70 Prozent der Bürger sehen Solarenergie, Wind- und Wasserkraft positiv. Auf geringe Zustimmung als Energieträger stoßen in Deutschland hingegen Öl, Kohle und Kernkraft, die nur 28 Prozent, 22 Prozent bzw. 14 Prozent positiv einschätzen. Klare Präferenzen äußern die Bürger auch bei ihren Erwartungen an die Energiepolitik. Deutlich sprechen sie sich dafür aus, den Verkauf energieverschwendender Haushaltsgeräte zu verbieten – in Deutschland unterstützen 61 Prozent der Befragten ein solches Verbot, 18 Prozent lehnen es ab. Wenn es um höhere Steuern auf fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas geht, drehen sich die Mehrheitsverhältnisse allerdings um: 53 Prozent der Deutschen lehnen dies ab. Und auch eine Erhöhung der Strompreise wird von über zwei Dritteln (67 %) der Deutschen abgelehnt. Annika Arnold, Projektbearbeiterin am Forschungszentrum ZIRIUS der Universität Stuttgart, sieht in den Daten eine Bestätigung für das positive Image der Erneuerbaren Energien: „Klimafreundliche Energie ist den Bürgern in allen vier Ländern der Studie wichtig. Gleichzeitig wird aber vor allem in Deutschland auch die Atomkraft stark abgelehnt. Nuklearenergie als CO2-neutrale Energieerzeugungsart ist damit, insbesondere in Deutschland, politisch derzeit keine realistische Alternative zu fossilen Energieträgern.“

Bei der Frage nach dem Vertrauen in wichtige Akteure auf dem Feld der Energiepolitik zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und den drei anderen Ländern. So haben die Deutschen deutlich mehr Vertrauen in die Akteure der Energiepolitik als die Bürger Frankreichs, Großbritanniens oder Norwegens: Die EU-Kommission, die Regierung, die Kommunen und auch die Energieunternehmen genießen in Deutschland jeweils mehr Vertrauen als irgendeiner dieser Akteure in Frankreich, Großbritannien oder Norwegen. Absoluter Spitzenreiter in Sachen Vertrauen sind dabei die deutschen Städte und Gemeinden: Nur 5 Prozent der Deutschen haben „gar kein Vertrauen“ in die Kommunen, wenn es um Energiepolitik geht.