CSR-Wissen

Weltethos

Autor des Beitrags: Dr. Friedrich GlaunerCultural Images Wertemanagement


Das Weltethos ist ein Set von Regeln und Werten, die sich kulturübergreifend in allen Weltreligionen herausgebildet haben. Es umfasst das Prinzip der Humanität, demgemäß jeder Mensch eine unveräußerliche und unantastbare Würde besitzt; die Goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ sowie die vier Grunddimensionen eines menschlichen Miteinanders: Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben; Gerechtigkeit und Solidarität; Wahrhaftigkeit und Toleranz sowie viertens gegenseitige Achtung und Partnerschaft auch zwischen den Geschlechtern [1].

1. Universelles Ethos

Wie die Tugendlehren der klassischen Texte der Weltreligion zeigen, etwa die Bhagavad Gita, das Gilgamesch-Epos, die Thora, die Bibel, der Koran oder auch die Texte von Konfuzius oder Lao Tse, wurde dieser Basiskanon eines menschlichen Miteinanders zu allen Zeiten und in allen Kulturen ausgebildet, um den Umgang mit Konflikten zu regeln.

Als universelles Ethos eines menschlichen Miteinanders stehen die Weltethos-Werte zwischen unreflektierten Moralvorstellungen einzelner raum-zeitlich bestimmter Kulturen und den vielfältigen Varianten bewusst gewählter Werte und Tugenden eines partikularen Ethos auf der einen Seite sowie einer reflektierten Ethik auf der anderen. Im Gegensatz zu partikular kulturgeprägten Moralvorstellungen und einem fachlich und sachlich gebundenen Ethos sind die Weltethos-Werte universelle Werte. Im Unterschied zu den vielfältigen Formen einer reflektierten formalen Ethik sind sie materiale Werte. Ebenfalls im Unterschied zu den Werten einer formalen Ethik benötigen sie keine Letztbegründung, da sie als anthropologische Konstanten eines humanen Miteinanders der lebensweltlichen Bedürftigkeit des Menschseins selbst entspringen, d.i. dem existentiellen Faktum, dass wir als Menschen immer schon auf andere angewiesen sind und in unserem Menschsein auch auf diese Anderen hin zugeordnet leben [4]. Deshalb sind sie im Unterschied zu partikularen Moralen und reflektierten Ethiken in allen Kulturen und Lebensbereichen auch lebensweltlich praxiswirksam.

2. Wirksamkeit in der Unternehmensführung

In ihrer Praxiswirksamkeit schreiben die Weltethos-Werte nicht inhaltlich konkret vor, wie in einer konkreten Lebenssituation Fairness, Achtung, Gerechtigkeit oder Partnerschaft umzusetzen sind. Vielmehr leiten sie als Grundprinzipien des menschlichen Miteinanders die situativ angemessene Bewertung, ob eine konkrete Regel oder Handlungssequenz aus Sicht aller Beteiligten – und d.h. hier aus der Perspektive aller Betroffenen – fair und partnerschaftlich ist. Die Weltethos-Werte sind so das voluntative und habituelle Fundament sowohl für menschliches Handeln als auch für eine kognitive Architektur der Ethik. Das macht sie in mehreren Hinsichten für die Unternehmensführung interessant. Als abstrakter materialer Kanon für ein humanes Miteinander sind die Weltethos-Werte nicht nur regulative Leitlinien für menschliches Handeln, sondern zugleich auch praxistaugliche prozedurale Skripte zur situativen Bewertung von Regeln und Handlungssequenzen [5].

Diese Praxistauglichkeit zeigt sich beispielsweise beim Aufbau von Hochleistungsteams, der Erschließung interkultureller Märkte, der Gestaltung stimmiger Unternehmenskulturen, dem Aufbau nachhaltig erfolgreicher Geschäftsmodelle sowie der Möglichkeit „anständig“ zu wirtschaften. Als das kleine Einmaleins eines menschlichen Miteinanders sind die Weltethos-Werte so die Voraussetzung, dass das Unternehmen sein großes Einmaleins, nämlich eine unverwechselbare substantielle Nutzenstiftung, realisieren kann. Hierbei sind die Weltethos-Werte nicht nur das Regulativ für den zwischenmenschlichen Umgang, sondern zugleich der Maßstab dafür, ob die Ausgestaltung des Geschäftsmodells sowie des Nutzenportfolios der spezifischen Unternehmensleistungen ebenfalls ethisch tragfähig sind.

Als tragender Bestandteil eines Wertecockpits [6] sind die Weltethos-Werte daher praxiswirksame Werte, mit denen nicht nur das Verhalten und die Nutzenstiftung eines Unternehmens ethisch qualifiziert werden können, sondern mit Hilfe derer auch das Differenzpotential unterschiedlichster Kulturen und Lebensformen als Quelle für zukunftsfähige Geschäftsmodelle für das Unternehmen erschlossen werden kann. Die Erschließung dieses Potentials erfordert ein Spiel mit unterschiedlichsten Wertevorstellungen und Differenzen. Dies gelingt nur dann, wenn die Weltethos-Werte Teil der Spielregeln sind [5].

3. Literatur

  • [1] Küng, Hans (2012): Handbuch Weltethos. Eine Vision und ihre Umsetzung. (Piper) München, Zürich.
  • [2] Fisher, Roger; William Ury (1981): Getting to Yes. Negotiating an Agreement without giving in. (Random House) London, 15. Auf. 1999 / Fisher, Roger; Danial Shapiro (2005): Beyond Reason. Using Emotions as you Negotiate. (Penguin) London 2006. / Ury, William (1991): Getting past No. Negotiating in difficult situations. (Bantam Books / Random House) New York, Toronto, London, Sydney, Auckland 1993. / Hicks, Donna (2011): Dignity. The essential role it plays in resolving conflict. (Yale University Press) New Haven, London, 2. Aufl. 2013
  • [3] Glasl, Friedrich (1980): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. (Haupt) Bern 2013, 11. Aufl.
  • [4] Levinas, Emmanuel (1999): Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übersetzt, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Nikolaus Krewani (Alber) Freiburg i.Br. / München, 4. Auflage
  • [5] Glauner, Friedrich (2015): Zukunftsfähigkeit. Wertestrategien zu den Wettbewerbsvorteilen von morgen. Erscheint in: Wunder, Thomas (2015): CSR und strategisches Management. (Springer) Berlin, Heidelberg.
  • [6] Glauner, Friedrich (2013): CSR und Wertecockpits. Mess- und Steuerungssysteme der Unternehmenskultur. (Springer) Berlin – Heidelberg 2013.

4. Links