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Die Alpenregion soll nachhaltiger werden

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Die Alpenregion will zu einer Modellregion für ressourcenschonendes und klimafreundliches Wirtschaften werden. Wie das gehen kann, zeigt der sechste Alpenzustandsbericht.

Rosenheim (csr-news) > Die Alpen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen: Gletscher schmelzen, Schneegrenzen verschieben sich, Artenvielfalt geht verloren. Die Region ist daher auf den weltweiten Klimaschutz angewiesen und muss selbst zahlreiche Schutzmaßnahmen ergreifen. Gleichzeitig ist der Alpenraum wirtschaftlich stark und innovativ, die Region zählt zu den am besten entwickelten Regionen Europas. Deshalb hatte die XIV. Alpenkonferenz am 13. Oktober 2016 auf Vorschlag von Bundesministerin Hendricks Empfehlungen beschlossen, wie die Alpen zu einer Modellregion für eine klimafreundliche und ressourcenschonende Entwicklung in Europa werden können.

Von einer „wahrhaft grünen, ökologisch verträglichen Wirtschaft noch weit entfernt

Der unter Leitung des Umweltbundesamtes erstellte Alpenzustandsbericht „Grünes Wirtschaften im Alpenraum“ zeigt, dass in der Region bereits viele innovative Praxisbeispiele für nachhaltiges Wirtschaften existieren. Darauf wollen die Alpenstaaten nun aufbauen – zum Beispiel in Bezug auf einen nachhaltigen Tourismus, den naturverträglichen Ausbau erneuerbarer Energien, die Vermarktung lokaler, nachhaltiger Produkte oder die Zusammenarbeit von Akteuren aus Wirtschaft und Naturschutz. „Diese grüne Wirtschaft muss durch Treibhausgasreduktionsziele spezifiziert werden“, heißt es im Bericht. Es braucht einen integrierten Ansatz, der sowohl Anpassungen an den Klimawandel vorsieht, aber auch Ressourceneffizienz beinhaltet und das somit Naturkapital, Ökosystemleistungen und die Artenvielfalt erhält und ständig verbessert. „Diese Ziele müssen in langfristige Wirtschaftsstrategien übertragen werden, um die Rahmenbedingungen für grünes Wirtschaften zu schaffen.“ Der 6. Alpenzustandsbericht informiert anhand ausgewählter Indikatoren und Praxisbeispielen, über den aktuellen Stand und die derzeitige Entwicklung der Grünen Wirtschaft im Alpenraum. So werden die positiven Entwicklungen deutlich, es zeigt sich aber genauso, dass der Alpenraum von einer „wahrhaft grünen, ökologisch verträglichen Wirtschaft noch weit entfernt“ ist.

Mit einem ehrgeizigen Aktionsprogramm für Grünes Wirtschaften im Alpenraum sollen aus den politischen Empfehlungen des 6. Alpenzustandsberichts konkret umsetzbare Aktionen und Initiativen entstehen. „Grünes Wirtschaften bedeutet, dass wirtschaftliche Entwicklung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit nicht nur miteinander vereinbar sind, sondern einander unterstützen können“, so Markus Reiterer, Generalsekretär des Ständigen Sekretariats der Alpenkonvention. „Mit diesen Bemühungen machen wir unsere wirtschaftlichen Ansätze ein Stück weit grüner und damit zukunftstauglicher.“ In einem intensiven Dialog von Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Regionen, Kommunen, Wissenschaft, Verbänden und Initiativen soll es gelingen, für das Aktionsprogramm konkrete Impulse für die Umsetzung einer grünen Wirtschaft in der Region zu erzeugen. Das Aktionsprogramm wird der XV. Alpenkonferenz unter Vorsitz Österreichs im Herbst 2018 zur Verabschiedung vorgelegt.

Empfehlungen für grünes Wirtschaften in den Alpen (Schlussfolgerungen aus dem Alpenzustandsbericht):

Grünes Wirtschaften als Motor für die regionale Entwicklung nutzen
  • Das Gebiet der Alpenkonvention ist reich an natürlichen und kulturellen Ressourcen sowie Energiequellen. Diese bieten die wirtschaftliche Grundlage für eine regionale Wirtschaftsentwicklung. Für ein nachhaltiges Management dieser Ressourcen muss das Natur- und Kulturkapital der Region bewertet und einkalkuliert werden.
  • Innovative grüne Unternehmen und Start-ups müssen auf regionaler Ebene gefördert werden, um ökologische Innovationen für technologische und nicht technologische Lösungen zu erleichtern.
  • Das grüne Wirtschaften sollte in regionale Strategien aufgenommen werden, indem zum Beispiel Nachhaltigkeitskonzepte für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Energie, Tourismus oder Verkehr entwickelt werden.
Klima- und Energieherausforderungen als Triebkraft für ökologische Innovationen nutzen
  • Es sind zunehmende Anstrengungen der Alpenländer bei Maßnahmen zur Treibhausgasminderung sowie der Entkopplung von Treibhausgasemissionen und Produktion notwendig. Energieeinsparungen und die Entwicklung von emissionsarmer Produktion, Energie und Verkehr sind Kernbestandteile des grünen Wirtschaftens. Der Alpenraum sollte Klimaneutralität als ideales Ziel anstreben.
  • Das Wachstum der Produktionskapazitäten von erneuerbaren Energien, vor allem – wo angemessen – die nachhaltige und umweltfreundliche Nutzung von Biomasse, Wasserkraft und erfolgversprechenden Technologien wie Sonnen- und Windenergie sollten im Einklang mit Naturschutzbelangen und einer nachhaltigen Flächennutzung gefördert werden. Für die Entwicklung von Energiespeichern und intelligenten Stromnetzen besteht Förder- und Innovationsbedarf.
  • Eine konsequente Implementierung innovativer, kohlenstoffarmer und energieeffizienter Technologien, insbesondere in den Bereichen Verkehr, Energieerzeugung, Baugewerbe, Tourismus und Landwirtschaft, wird benötigt.
Ökosysteme und Biodiversität als Vermögenswert im Alpenraum betrachten
  • In Strategien und Programmen sollte der Wert von Landschaften, Naturkapital, Ökosystemleistungen und Biodiversität auch in wirtschaftlicher Hinsicht beachtet und integriert werden. Dies ist besonders wichtig, da der Alpenraum ein europäischer Hotspot für die Arten- und Lebensraumvielfalt ist.
  • Die Vorteile innovativer Konzepte wie Natur- und Kulturkapital und Ökosystemleistungen müssen eingeführt und Entscheidungsträgern erklärt werden. Die Forschung muss unterstützt und ein gemeinsamer Ansatz bei der Beurteilung, Überwachung und Bewertung alpiner Ökosystemleistungen entwickelt werden.
  • Externe Kosten müssen mit Hilfe innovativer Konzepte und Instrumente in den Marktpreisen berücksichtigt werden. Beispiele hierfür sind grüne Rechnungssysteme auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene oder auch Zahlungen für Ökosystemleistungen (Payments for Ecosystem Services). Letztere könnten beispielsweise auch Dienstleistungen umfassen, die von Land- und Forstwirtschaftsunternehmen für die Gesellschaft insgesamt erbracht werden.
Maßnahmen ergreifen, um den Alpenraum in eine ressourcenschonende und kostengünstige Kreislaufwirtschaft zu verwandeln
  • Die Ressourceneffizienz muss verbessert werden, vor allem in Bezug auf Wasserverbrauch, Energie, Material, Flächenverbrauch und Verlust fruchtbarer Böden. Ferner sollten mögliche Maßnahmen und Instrumente in diesen Bereichen gefördert werden. Diese umfassen intelligente, energieeffiziente Netzwerke, Beratungsprogramme und freiwillige Systeme für Unternehmen. Strategien und Programme zur Ressourceneffizienz sollten unterstreichen, dass Anstrengungen in diesem Bereich zu Kosteneinsparungen führen und somit wirtschaftliche Vorteile schaffen.
  • In Bezug auf die Effizienz sollte die Nutzung von regional verfügbaren, erneuerbaren Ressourcen wie Holz als Ersatz für nicht erneuerbare Ressourcen in Betracht gezogen werden.
  • Entscheidungen zum Flächenverbrauch sollten, gesteuert durch die bestehenden und innovativen Instrumente in der Raumplanung und im Flächenmanagement, auf einer ganzheitlichen Berücksichtigung der Flächennutzungsziele und dem Schutz des Umwelt- und Kulturerbes beruhen. Raum- und Stadtplanung sollten den Flächenverbrauch und Bodenverlust verringern, indem ein effizientes Flächenmanagement zur Anwendung kommt, das sich auf die innerstädtische Entwicklung konzentriert, Brachflächen neu nutzt, Kosten-Nutzen-Bewertungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen durchführt und sicherstellt, dass es tatsächlich eine Nachfrage gibt, bevor Flächen erschlossen werden. Die regionale Verantwortung und die Zusammenarbeit über die Grenzen der lokalen Gebietskörperschaften hinaus für ein ressourcenschonendes Flächenmanagement müssen verstärkt werden.
Grünes Wirtschaften zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit im Alpenkonventionsgebiet nutzen
  • Die Antizipation zukünftiger Herausforderungen und die Entwicklung einer grünen Wirtschaft stellen eine wirtschaftliche Chance für Unternehmen und Regionen dar.
  • Unternehmen sollten ermutigt werden, ein umfassendes Umweltmanagementinstrument zu nutzen, das alle Umweltaspekte in Betracht zieht, wie z. B. EMAS und ISO 14001. Aspekte der Energieeffizienz können auch durch die Einführung von Energiemanagementsystemen wie ISO 50001 angegangen werden. Zusätzlich sollte zur Nutzung von Instrumenten wie glaubwürdigen Nachhaltigkeitslabels aufgefordert werden. Zudem sollten konsolidierte Methoden wie die Ökobilanz (Life Cycle Assesment, LCA) gefördert werden, indem auch die laufenden Bemühungen auf EU-Ebene (Umweltfußabdruck von Produkten – Product Environmental Footprint, PEF) berücksichtigt werden.
Chancen für die Schaffung grüner Arbeitsplätze nutzen
  • Der Übergang zum grünen Wirtschaften bietet zahlreiche Chancen für positive Beschäftigungseffekte im Alpenraum, durch Schaffung neuer grüner Arbeitsplätze und Stärkung der regionalen Entwicklung. Dies sollte durch eine angemessene Politik unterstützt werden.
  • Eine solche Politik sollte die Förderung von Innovationen in kleinen und mittelständischen Unternehmen, den Aufbau von Netzwerkstrukturen unter allen Stakeholdern einer grünen Wirtschaft, die Förderung nachhaltiger Investitionen und die Schaffung von Anreizen zur Ankurbelung der Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten, Technologien und Dienstleistungen auf öffentlicher und privater Ebene umfassen.
  • Angemessene Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für derzeitige und zukünftige Arbeitskräfte sollten umgesetzt werden, um grüne Fertigkeiten, die für die zukünftigen Arbeitsplätze gebraucht werden, zu entwickeln und um in Bezug auf berufliche Qualifikationen auf den Bedarf einer grünen Wirtschaft einzugehen.
  • Die Potenziale für grüne Arbeitsplätze liegen insbesondere in den Bereichen Baugewerbe, Energie, Verkehr, Tourismus, Industrie und Dienstleistung. Deshalb sollten sektorspezifische Strategien entwickelt werden, um diese Potenziale zu erschließen.
Lebensqualität und Wohlergehen der Alpenbewohner durch grünes Wirtschaften verbessern
  • Durch Innovation und Effizienzgewinne in Landwirtschaft, Verkehr, Energie und Industrie sollten Schadstoffemissionen weiter verringert und die Gesundheit und das Wohlergehen der Bewohner verbessert werden. In der Folge können die negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Emissionen verringert werden.
  • Fortschritte in der Energie- und Ressourceneffizienz sollten auch zu Kostenvorteilen für die Bewohner führen.
  • Die Entwicklung des Arbeitsmarktes hin zu grünen Arbeitsplätzen sollte neue wirtschaftliche Wohlstandschancen mit sich bringen und eine Entwicklung mit verstärkter sozialer Integration einleiten.
  • Die Förderung nachhaltiger regionaler Produkte sollte unterstützt werden. Der Konsum dieser Produkte kann zum Wohlergehen der Bewohner beitragen und gleichzeitig regionale Erzeuger und Ökonomien unterstützen.
Datenverfügbarkeit und -überwachung verbessern
  • Die im Rahmen des Alpenzustandsberichts zusammengetragenen Daten und Gute-Praxis-Beispiele werden für interessierte Stakeholder zugänglich sein.
  • Relevante und vergleichbare Daten und Indikatoren zur Messung des grünen Wirtschaftens müssen in Zukunft zunehmend zur Verfügung gestellt und regelmäßig auf regionaler Ebene in Abstimmung mit dem Alpenbeobachtungs- und Informationssystem (ABIS) der Alpenkonvention und bestehenden internationalen Indikatoren fortgeschrieben werden. Dies ist insbesondere erforderlich, um Erfolge bei der CO2-Reduktion, der installierten Leistung aus erneuerbaren Energien, bei Verbesserungen von Energie- und Ressourceneffizienz, bei regionalen grünen Arbeitsplätzen sowie neuen, über das BIP hinausgehende Indikatoren zu beurteilen.
  • Es sollte ein Wissenspool für grünes Wirtschaften im Alpenraum eingerichtet und gepflegt werden, da dies ein wesentlicher Schritt für die Förderung dieses Konzepts ist. In dieser Hinsicht spielt das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention eine Schlüsselrolle.
Ein umfassendes und ehrgeiziges Aktionsprogramm für grünes Wirtschaften im Alpenraum bis 2018 vorbereiten
  • Dieses Aktionsprogramm sollte die oben angeführten Empfehlungen weiter ausarbeiten und spezifische Handlungsfelder sowie die maßgeblichen Akteure identifizieren.
  • Die Entwicklung eines solchen Aktionsprogramms sollte alle maßgeblichen Stakeholder im Alpenkonventionsgebiet einbinden, insbesondere Unternehmen, Städte und Gemeinden, NGOs und die Zivilbevölkerung.

 

 

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