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Klimawandel verschärft Ausbeutung von Kindern

Renate-W.-Fotolia

Der aktuelle terre des hommes-Kinderarbeitsbericht 2017 zeigt, wie sich Klimawandel und Umweltzerstörung auf Kinderarbeit auswirken.

Osnabrück (csr-news) > Weltweit müssen rund 168 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren jeden Tag mehrere Stunden arbeiten, rund die Hälfte von Ihnen unter ausbeuterischen Bedingungen. Darauf hat der jährliche Tag gegen Kinderarbeit erneut aufmerksam gemacht. Ein Grund für Kinderarbeit ist in den Auswirkungen des Klimawandels begründet, wie der Kinderarbeitsbericht 2017 der Hilfsorganisation terre des hommes zeigt. Vor allem in den Entwicklungsländern sind die Folgen für die Menschen spürbar. Wetterextreme und Umweltzerstörung verschärfen ihre Armut und sind oftmals die Ursache für ausbeuterische Kinderarbeit. „Kinder leiden besonders unter sich verschlechternden Umweltbedingungen“, sagt Jörg Angerstein, Vorstandssprecher von terre des hommes. „Unser diesjähriger Kinderarbeitsreport zeigt, dass der Klimawandel die Ausbeutung von Kindern verschärft. Statt einer Klimapolitik à la US-Präsident Trump brauchen wir eine Umkehr in Richtung Ressourcenschutz und nachhaltigem Wirtschaften. Das wäre auch ein Beitrag zum Schutz von Kindern vor ausbeuterischer Arbeit.“

Gezwungen alternative Einnahmequellen zu suchen.

Für den Bericht wurde die Situation in Nepal, Indien, Burkina Faso, Peru und Nicaragua exemplarisch untersucht. Der Fall Burkina Faso zeigt, dass der Klimawandel in der Sahelzone zu nicht vorhersehbaren Wetterbedingungen und immer mehr einer Auslaugung der Böden führt, so dass Familien gezwungen sind, alternative Einnahmequellen zu suchen. „Die Kombination aus ärmlichen Lebensverhältnissen, geringen Bildungschancen und fehlenden guten Arbeitsbedingungen für junge Menschen und Erwachsene sowie der jüngste Goldrausch haben dafür gesorgt, dass immer mehr Kinder unter gefährlichen und schädlichen Bedingungen in Goldminen arbeiten müssen“, so Antje Ruhmann, Kinderrechtsexpertin von terre des hommes. In Indien zeigte sich beispielweise, dass sich die Dauer der saisonalen Migration aufgrund des Klimawandels von drei auf sechs Monate verlängerte. Das hat zur Folge, dass dort viele Kinder arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Zudem zeigt das Beispiel, dass die Gruppe der Migranten kaum von Entwicklungs- und Regierungsprogrammen erreicht wird. Sie fallen durch das Raster, obwohl das Gebiet generell eine positive Entwicklung mit sinkenden Kinderarbeitszahlen aufweist.

Oftmals ausbeuterische Arbeitsverhältnisse

Am Beispiel von Nepal werden die Auswirkungen durch allmählich auftretende Ereignisse beginnender Klimaveränderungen (wie abweichende Niederschlagsmuster) deutlich. Dies bedroht vor allem die Menschen, die im landwirtschaftlichen Sektor arbeiten. Diese sehen sich dadurch oft gezwungen, ihre Kinder nach anderen Einkommensquellen suchen zu lassen, um ihre Familien zu unterstützen. Am Beispiel Nicaragua lässt sich zeigen, dass durch Umweltzerstörung auch neue Formen von Arbeit entstehen können. Große Mülldeponien stellen eine lukrative Einnahmequelle für diejenigen dar, die aufgrund extremer Witterungsbedingungen keine verlässliche Ernte erzielen. Gleichzeitig ist die Arbeit der Müllsammler Teil der Lösung – sie tragen mit ihrer Arbeit zu einer sauberen und gesunden Umwelt bei. Peru ist ein Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft. Lokale Subsistenzbauern verfügen nicht über die geeigneten Mittel, um Einkommensverluste, die durch den Klimawandel entstehen, auszugleichen, so dass sie Alternativen suchen und vermehrt in Städte abwandern, wo sie ihre Kinder (zum Beispiel in Ziegeleien) arbeiten lassen, um das Überleben der Familie zu sichern. „Saisonale oder permanente Migration scheint länderübergreifend die häufigste Strategie der Familie im Umgang mit den Folgen des Klimawandels zu sein“, fasste Jörg Angerstein die Ergebnisse zusammen. „In den meisten von uns untersuchten Fällen führt das dazu, dass die Kinder in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen landen.“

Weitere Untersuchungen erforderlich

Der Kinderarbeitsreport 2017 zeigt klar, dass der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kinderarbeit mehr Beachtung finden muss. So würden zwar Daten und Fakten zu Kinderarbeit vorliegen, der Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung, Klimawandel und der Ausbeutung von Kindern hingegen wurde bisher kaum untersucht. Die Folge ist eine unzureichende Datenlage, um allgemeingültige Aussagen treffen zu können. Über die Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltzerstörung als solche hingegen liegen bereits zahlreiche Daten vor, allerdings beziehen sich diese hauptsächlich auf Gesundheitsfragen. Nötig sind genauere Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen, mehr gezielte Präventionsprogramme sowie eine stärkere Verzahnung der beiden Politikfelder Umwelt und Kinderrechte. Insbesondere die Situation von Migrantinnen und Migranten muss stärker ins Blickfeld nationaler und internationaler Politik rücken, damit Bildungszugänge für Kinder geschaffen und langfristige Perspektiven ermöglicht werden.

Empfehlungen von terre des hommes:

Allgemeine Empfehlungen
  • In allen Ländern müssen Untersuchungen und Datenerfassungen zum Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Umwelt durchgeführt werden. Die Informationen sind zu analysieren, um Richtlinien auszuarbeiten und zu bestätigen, die sich an den örtlichen Gegebenheiten und den internationalen Standards orientieren.
  • Personen, die in den Bereichen Kinderarbeit oder Umweltschutz arbeiten, sind so zu schulen, dass sie die Kernpunkte für Strategien, Richtlinien und Umsetzungen berücksichtigen (einschließlich der Implementierung der Sustainable Development Goals (SDG), des Übereinkommens von Paris und der Empfehlungen der UN-Vertragsorgane).
  • Alle Interessenvertreter müssen gemeinsam daran arbeiten, Anpassungsstrategien zu finden, mit denen insbesondere Subsistenzbauern dem Klimawandel entgegentreten können. In bestehende Strategien, Programme und Tätigkeiten sind die relevanten Ergebnisse einzubeziehen.
  • Adäquate und altersgerechte Informationen zu Umwelt- und Arbeitsfragen müssen entwickelt und Kindern zur Verfügung gestellt werden. Kinder sind an Diskussionen zu Umweltfragen und deren Auswirkungen auf ihre Rechte zu beteiligen. Entsprechende Möglichkeiten müssen geschaffen werden.
  • Zudem müssen Strategien und Aktivitäten zu Kinderarbeit und Umwelt, an denen mehrere Interessenvertreter beteiligt sind, sowohl auf gesamtpolitischer als auch auf regionaler Ebene erweitert werden (dazu gehören auch Partnerschaften im öffentlich/privaten Sektor und Beteiligte an der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen).
Empfehlungen an die internationale Gemeinschaft
  • Die normativen und institutionellen Rahmenbedingungen zum Schutz von ökologischen Kinderrechten müssen durch die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen den Kinderrechtskonventionen und den SDG gestärkt werden. Kinder sind bei internationalen und nationalen Klimastrategien, einschließlich im Rahmen der internationalen finanziellen Hilfen, ins Zentrum zu rücken. Internationale Richtlinien zur Ausmerzung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit müssen Umweltfaktoren als potenzielle Ursachen einbeziehen.
  • Es sind praktische Werkzeuge zu entwickeln, die helfen, die entsprechenden Behörden und die Industrie aufzuklären und anzuleiten, damit diese Kinderrechte in Umweltrichtlinien und Folgenabschätzungen berücksichtigen und Möglichkeiten schaffen, Richtlinien und Programme zu Kinderarbeit und Umwelt zu entwickeln und umzusetzen.
Empfehlungen an die Regierungen
  • Bestehendes internationales und nationales Umwelt- und Arbeitsrecht, einschließlich der Konventionen der IAO zu Kinderarbeit, und Richtlinien müssen implementiert, überwacht und durchgesetzt werden. Nationale Richtlinien zum Umweltschutz, einschließlich derer zum Klimawandel und Katastrophenschutz, müssen unter Berücksichtigung der Kinderrechtskonventionen besser in Kinderschutzrichtlinien, einschließlich derer zur Kinderarbeit, eingebunden werden. Bei der Gestaltung, Implementierung und Überwachung von Umwelt- und Arbeitsrichtlinien und der Entwicklung von Bekämpfungs- und Anpassungsstrategien müssen die Interessen der Kinder an erster Stelle stehen.
  • Der Zugang zu Bildung muss für Kinder saisonaler und dauerhafter Migranten verbessert werden, um das Problem unregelmäßiger Schulbesuche zu vermeiden. Bildungsrichtlinien müssen anerkennen, dass Schulen auf Betriebsgelände, informelle Bildung oder berufliche Ausbildungsstätten in angemessener Entfernung von Flüchtlingscamps oder Arbeitsplätzen zur Lösung des Problems der Kinderarbeit unerlässlich sind. Sprachbarrieren von Flüchtlingskindern, Registrierungsprobleme und unterschiedliche Lehrpläne im Land müssen berücksichtigt werden.
  • Für die Entwicklung von Katastrophenhilfeprogrammen sind humanitäre Faktoren wie die Migration aus vom Klimawandel betroffenen Gebieten und die Notlage von Kindern zu berücksichtigen. Eine wesentliche Entlastungsmaßnahme muss die Schaffung alternativer Arbeitsmodelle für Erwachsene sein.
  • Das vielschichtige Problem der Kinderarbeit muss ganzheitlich angegangen werden. So müssen Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut getroffen, soziale Absicherung von Familien und angemessene Arbeitsmöglichkeiten für Erwachsene geschaffen und die zugrundeliegenden Ursachen für Kinderarbeit und Arbeitsmigration aufgrund von Umwelteinflüssen berücksichtigt werden.
  • Unternehmen müssen verpflichtet werden, Verantwortung unter Einhaltung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte zu übernehmen. Die soziale Unternehmensverantwortung muss bereits im Verfahren zur Registrierung von Unternehmen eingebunden werden und Due Diligence bei Kinderrechten muss verpflichtend für alle sein.
  • Regierungen sollten verpflichtet werden, die Implementierung von Umwelt- und Sozialstandards in allen Branchen zu forcieren, dazu gehört auch der informelle Sektor, der sich durch eine starke Ausbreitung von Kinderarbeit und hohe Risiken für Umweltschäden auszeichnet.
Empfehlungen an die Wirtschaft
  • Nationale und internationale Unternehmen müssen sich verpflichten, die Due Diligence für Menschenrechte unter Berücksichtigung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie die Risiken in Lieferketten, einschließlich bei Tochterfirmen, Vertragsnehmern und Lieferanten zu bewerten, um Auswirkungen auf Kinder zu verhindern.
  • Gemeinsam mit lokalen Partnern müssen Verhaltenskodizes entwickelt, implementiert und überwacht und Produktionstechniken und Geschäftspraktiken modernisiert werden, um Umweltbelastungen am Arbeitsplatz zu verhindern und Kinder vor ökologischen Schäden zu schützen.
Umweltpolitische Empfehlungen
  • Nationale Richtlinien zum Umweltschutz sollten in Kinderschutzrichtlinien integriert werden. Kinder müssen in Forschung und Praxis ausdrücklich als gefährdete Gruppe genannt und bei der Implementierung von Richtlinien aktiv beteiligt werden.
  • Es müssen Werkzeuge für Sensibilisierungsaktivitäten und die Risikobewertung entwickelt werden, die sich an Kindern und Familien in von der Umwelt beeinträchtigten Gebieten orientieren. Kinder müssen unterstützt werden, so dass sie sich in jeder Phase eines Projekts für den Umweltschutz und die Auswirkungen ihrer Rechte einsetzen können.
Weitere Empfehlungen
  • Der Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Umwelt muss durch Forschung und Datenerfassung untersucht werden. Dazu gehören auch die Bereiche Migration und Bildung. Zudem sind Strategien, Programme und Werkzeuge für die Risikobewertung zu entwickeln, um die Probleme auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene anzugehen. Die Landbevölkerung benötigt Möglichkeiten, die Natur zu schützen und nachhaltig zu leben.
  • Die Zusammenarbeit zwischen Menschenrechts-, Umweltschutz- und Arbeitsschutzorganisationen muss auch hinsichtlich der Kinderrechte verbessert werden. Städte- und Unternehmenspartnerschaften können helfen, Bereiche zu erkennen, in denen Überschneidungen oder Lücken bestehen und einen regelmäßigen Dialog zu schaffen, der übergreifende Zusammenhänge erkennen lässt.
  • Damit Kinder, insbesondere organisierte Bewegungen arbeitender Kinder, sich wirksam für den Umwelt- und Arbeitsschutz einsetzen können, müssen praktische Instrumente entwickelt werden.