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Textilproduktion in Afrika: Entwicklungshilfe oder Ausbeutung?

Jugend - die Zukunft Afrikas (André Platte / CSR NEWS)

Deutschland will die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika voranbringen – gemeinsam mit seinen Unternehmen. Wer wird davon profitieren?

Berlin (csr-news) – „Massenproteste in Bangladesch, blutige Auseinandersetzungen in Kambodscha: Die asiatischen Textilarbeiter wehren sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Die Branche zieht derweil weiter“, hieß es bereits 2014 im Tagesspiegel. Heute – drei Jahre später – sind zahlreiche Unternehmen in Afrika angekommen. Entwicklungshilfe oder Ausbeutung – was bringt die Textilproduktion dem Kontinent?

Ein Kommentar von Achim Halfmann

Zu Wochenbeginn waren Vertreter afrikanischer Staaten im Rahmen der G20-Initiative „Compact with Africa“ in Berlin zu Gast. Mit der Initiative will Europa den wirtschaftlichen Aufbau in Afrika fördern und Rahmenbedingungen für das unternehmerische Engagement schaffen. Der Kampf gegen die Korruption sowie der Aufbau von Rechnungshöfen und Steuerverwaltungen stehen dabei im Fokus. Deutschland wird im Rahmend des „Compact“ erste „Reformpartnerschaften“ mit Tunesien, der Elfenbeinküste und Ghana umsetzen.

Im Vorfeld der Konferenz hatte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller einen Dialogprozess unter dem aufgeladenen Begriff „Ein Marshallplan mit Afrika“ gestartet und verkündet: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel und müssen begreifen, dass Afrika nicht der Kontinent billiger Ressourcen ist, sondern die Menschen dort Infrastruktur und Zukunft benötigen.“ Unzweifelhaft geht es der deutschen und der europäischen Politik auch um die Bekämpfung von Fluchtursachen: Junge Afrikaner sollen in ihren Heimatländern Perspektiven finden und sich nicht auf den riskanten Weg über das Mittelmeer nach Europa machen.

Im Fokus der europäisch-afrikanischen Zusammenarbeit stehen der Energiesektor, die Landwirtschaft, die Infrastruktur – hier ist China kräftig im Geschäft -, Bildung, Gesundheit und der Tourismus. Dabei sollen nicht nur Großkonzerne, sondern mittelständische Unternehmen für ein Afrika-Engagement gewonnen werden.

In Äthiopien boomt bereits die Textilindustrie – und Deutschland ist dabei. Im April eröffnete Minister Müller ein Berufsbildungszentrum im äthiopischen Mekelle. Partner sind der schwedische Textilkonzern H&M sowie die DBL Group aus Bangladesch. Deutschland unterstützt im äthiopischen Textilsektor die Qualifizierung von Arbeitsinspektoren, den Aufbau von Umweltmanagement-Systemen für Industrieparks und den Dialog zwischen Management und Beschäftigten.

Zu den deutschen Textilunternehmen in Äthiopien zählt Kik. Der Handelskonzern ist außerdem in Ruanda, Kenia und Ägypten tätig. Rund 12 Millionen Textilien will Kik in diesem Jahr aus Afrika beziehen – T-Shirts, Jeans, Leggins und Softshell-Jacken. Aus afrikanischer Produktion stammen dann über 4 Prozent des Gesamt-Einkaufsvolumens von Kik – gegenüber 1 Prozent im Jahr 2016. Kik-CEO Patrick Zahn teilt am Montag auf dem Afrika-Gipfel in Berlin mit, sein Unternehmen unterstütze die Afrikainitiative der Bundesregierung aus geschäftlicher Überzeugung und wolle zugleich „dazu beitragen, den Menschen in Afrika eine Perspektive zu bieten und sie damit zum Bleiben zu motivieren“.

Auch Tchibo bezieht Textilien von strategischen Lieferanten aus Äthiopien – zum Beispiel Pyjamas. Das afrikanische Land hat Tchibo in sein WE-Projekt aufgenommen: Das Lieferantentrainingsprogramm zielt auf die Verbesserung von Sozialstandards; WE steht dabei für „Worldwide Enhancement of Social Quality“. Zudem setzt Tchibo auf die Transparenz seiner Lieferkette und hat angekündigt, in diesem Jahr alle Lieferanten für Heimtextilien, Bekleidung und Schuhe offenzulegen.

Leistet die Textilproduktion in Afrika Entwicklungshilfe oder beutet sie Menschen und die Umwelt aus? Die Wirtschaftswelt ist nicht einfach schwarz oder weiß. Unternehmerische Engagement beruht auf wirtschaftlichem Kalkül. Afrika bietet reichhaltige Ressourcen und Millionen aufstrebender junger Menschen – bei allerdings schwacher Nachfrage vor Ort. Andererseits sind politische Strukturen und die Zivilgesellschaft wenig entwickelt und krisenanfällig. Es fehlt an Umweltbewusstsein und die bereits erwähnte Korruption ist allgegenwärtig. Das sind schwierige Bedingungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

Deutsche Konsumenten können die Textilproduktion in Afrika mit dem Interesse begleiten, das sie in den letzten Jahren an Bangladesch gezeigt haben. Transparente Lieferketten sollten – auch politisch – eingefordert werden. Letztlich kann internationales Engagement die politische, zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern nicht ersetzen – aber es kann sie voranbringen. Und hier ist noch wenig darüber zu hören, wie europäische NGOs ihre afrikanischen Partnerorganisationen fördern.

Schreiben Sie mir Ihre Meinung: achim.halfmann@csr-news.net

Übrigens: Die Novemberausgabe des CSR MAGAZIN erscheint mit dem Themenschwerpunkt „Afrika“.

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