CSR_NEWS Lieferkette Titelmeldung

Modeunternehmen stehen in der Pflicht

© Achim Halfmann

[exklusiv] Gewerkschafter aus Indien, Bangladesch und Deutschland fordern H&M und andere Modeunternehmen auf, für bessere Arbeitsbedingungen bei Zulieferern zu sorgen

Berlin (csr-news mit afp) > Niedriglöhne, willkürliche Entlassungen, fehlende Arbeitssicherheit: Gewerkschafter aus Deutschland, Indien und Bangladesch fordern bessere Bedingungen für Beschäftigte bei den Zulieferern internationaler Modekonzerne. “H&M und andere Modeunternehmen stehen in der Pflicht, auf ihre Zulieferer Druck auszuüben, damit sich die Arbeitsbedingungen endlich verbessern”, forderte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger am Freitag in Berlin bei der Übergabe eines Forderungspapiers an die Geschäftsführung des schwedischen Textilunternehmens.

“H&M und andere Modeunternehmen stehen in der Pflicht, auf ihre Zulieferer Druck auszuüben, damit sich die Arbeitsbedingungen endlich verbessern.” Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand

 

H&M sei nicht das einzige Unternehmen, “bei dessen Zulieferern grundlegende Arbeits- und Menschenrechte missachtet werden”, teilte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit. Es sei aber ein Konzern, bei dem Gewerkschafter international eng zusammenarbeiteten, “um Gewerkschaftsstrukturen bei den Zulieferern aufzubauen”. Das Forderungspapier an H&M wird nach Angaben der Gewerkschaft auch vom Verdi-Arbeitskreis Junge Mode und der Betriebsräteversammlung des schwedischen Unternehmens unterstützt. Darin heißt es unter anderem, dass trotz anderslautender Vereinbarungen zur Wahrung von arbeitsrechtlichen Grundrechten, diese in der Praxis nicht eingehalten würden. „Wo ArbeiterInnen bei Zulieferern eine Gewerkschaft gründen und aufbauen und wo engagierte Betriebsräte und GewerkschafterInnen sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen wollen, werden sie unter Druck gesetzt und im schlimmsten Fall gekündigt“, schreiben die Autoren des Papiers, die Betriebsräteversammlung 2017 und das ExChains-Netzwerk. Es sei kein Zufall, dass Verstöße immer dort passieren, wo sich Gewerkschaften und Betriebsräte für gute Arbeitsbedingungen und höhere Löhne und gegen Arbeitsdruck einsetzen würden. In der Bekleidungsindustrie würden die hohen Produktivitätsvorgaben untrennbar mit den Einkaufspraktiken der Einzelhandelsunternehmen zusammenhängen. Diese Bedingungen wolle man mit den Forderungen ändern. Erst wenn H&M darüber mit den Gewerkschaften und Betriebsräten verhandelt, würde es seiner Verantwortung gerecht werden. Man wolle keine Erläuterungen über die CSR-Praxis von H&M hören, sondern konkretes Handeln.

Übersicht einiger Probleme in Zulieferfabriken Bangladeschs, die überwiegend für H&M produzieren.

Factoriesof the Babylon Group

Babylon Garments and Dresses Ltd.(produziert für H&M, BESTSELLER)
Aboni knit wear Ltd (produziert für Inditex, H&M)
BabylonCasualwear &  Aboni Fashion Ltd. (produziert für H&M, Inditex)

konkrete Probleme:

  • Die Unternehmensleitung entlässt Arbeiterinnen, ohne gültige Gründe zu nennen.
  • Sobald die Beschäftigungsdauer fünf Jahre überschreitet, werden Beschäftigte entlassen, ohne dass ihnen zustehende Zuschläge/Boni ausgezahlt werden.
  • Arbeiterinnen werden von Vorgesetzten und angeheuerten Schlägern geschlagen, wenn sie sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren
Factories of the Akh Group

AKH KNITTING & DYEING LTD. (produziert für Tchibo, H&M, ALDI)
AKH ECO APPARELS LTD. (produziert für Primark)
AKH Apparels LTD. (produziert für Primark, ALDI)
AKH Stitch Art LTD. (produziert für C&A, KiK)
AKH Fashion LTD. (produziert für Tchibo)

konkrete Probleme:

  • Die Unternehmensleitung entlässt Arbeiterinnen, ohne gültige Gründe zu nennen.
  • Sobald die Beschäftigungsdauer fünf Jahre überschreitet, werden Beschäftigte entlassen, ohne dass ihnen zustehende Zuschläge/Boni ausgezahlt werden.
  • Arbeiterinnen erhalten keinen Mutterschutz und keine Zuschläge.
  • Arbeiterinnen werden von Vorgesetzten und angeheuerten Schlägern geschlagen, wenn sie sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
AKM Knit wears Ltd

AKM Knit wears Ltd (produziert für H&M, C&A)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Ansprüche auf bezahlte freie Tage werden nicht ausgezahlt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Bei Kündigungen erhalten die Arbeiterinnen keine Abfindungen, die ihnen zustünden.
Body Stretch Bangladesh Ltd

Body Stretch Bangladesh Ltd (produziert für H&M)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne gültige Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Arbeiterinnen erhalten keinen Mutterschutz und keine Zuschläge.
  • Arbeiterinnen werden von Vorgesetzten und angeheuerten Schlägern geschlagen, wenn sie sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren
JK Knit composite Ltd

JK  Knit composite Ltd (produziert für H&M)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
Bando Design Ltd.

Bando Design Ltd. (produziert für H&M)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte vonder Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Arbeiterinnen werden von Vorgesetzten und angeheuerten Schlägern geschlagen, wenn sie sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren
Maxcom International (BD) Ltd.

Maxcom International (BD) Ltd. (produziert für H&M)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Arbeiterinnen erhalten keinen Mutterschutz und keine Zuschläge.
Vertex Wear Ltd.

Vertex Wear Ltd. (produziert für H&M)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Arbeiterinnen erhalten keinen Mutterschutz und keine Zuschläge.
  • Arbeiterinnen werden diskriminiert und körperlich missbraucht.
The Cloth & Fashion Ltd

The Cloth & Fashion Ltd (produziert für H&M, Lidl)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
  • Arbeiterinnen erhalten keinen Mutterschutz und keine Zuschläge.
  • Arbeiterinnen werden gesetzlich vorgesehene Entschädigungszahlungen vorenthalten.
Index Apparels Ltd.

Index Apparels Ltd. (produziert für H&M, KIK)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Beenden Arbeiterinnen von sich aus das Beschäftigungsverhältnis, erhalten sie keinen Zuschlag, der ihnen von Rechts wegen zustünde (resign benefit).
Utah Knitting & Dying Ltd.

Utah Knitting & Dying Ltd. (produzieren für H&M, Primark)

konkrete Probleme:

  • Während der Arbeit werden Beschäftigte von der Fabrikleitung mündlich ohne ersichtliche Gründe gekündigt.
  • Zuschläge werden nicht ausgezahlt.
  • Ansprüche auf bezahlte freie Tage werden nicht ausgezahlt.
  • Arbeiterinnen werden gesetzlich vorgesehene Entschädigungszahlungen vorenthalten.
  • Arbeiterinnen wurden vor dem Fabrikgelände belästigt.

Quelle: National Garment Workers Federation

So fordern die Gewerkschafter, dass in einem ersten Schritt untersucht würde, welche Konsequenzen die Einkaufspraktiken von H&M auf die Arbeitsbelastung und Produktivitätsvorgaben der Fabrikarbeiter haben. Über diese Produktivitätsvorgaben müsse in einem zweiten Schritt gemeinsam neu verhandelt werden. Kurzfristig soll H&M auf seine Zulieferer in Bangladesch und Sri Lanka einwirken, damit lokale Gewerkschaften Zugang zu den Produktionsbetrieben bekommen, um die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren. Bezüglich des Bangladesch-Accord, der nach der Rana Plaza-Katastrophe unterzeichnet wurde, fordern die Gewerkschaften eine Verlängerung über 2018 hinaus und eine Ausweitung auf Indien und Sri Lanka. Zudem solle der Accord nicht nur den Gebäude- und Brandschutz betreffen, sondern auch Regelungen zu Gewerkschaftsrechten, sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz beinhalten. Neben den Forderungen für die Textilfabriken enthält das Papier auch Vorgaben für die Beschäftigten im Einzelhandel. So sollten deren vereinbarte Mindeststunden nicht unterschritten werden und es solle keine sachgrundlose Befristung geben.

Verdi erklärte, sich mit den Forderungen künftig auch an andere Modeunternehmen wenden zu wollen. Denn noch immer würden bei Zulieferern in Indien, Bangladesch und Sri Lanka Arbeiter bedroht, “die Gewerkschaften gründen wollen oder sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen”, erklärte Nutzenberger. “Wir erwarten von H&M und anderen Unternehmen, das den wohlklingenden Versprechungen endlich Taten folgen”, forderte Amirul Haque Amin, Vorsitzender der National Garment Worker Foundation aus Bangladesch. Bis zum 19. Juli erwarten die Unterzeichner der Forderungen eine Stellungnahme von H&M.


Das Netzwerk ExChains

Das 2002 gegründete Netzwerk ExChains zielt darauf, Verbindungen zwischen Arbeiterinnen des Einzelhandels sowie der Textil- und Bekleidungsindustrie aus Europa und Asien herzustellen, die entlang der globalen Zulieferkette arbeiten. Ihr Ziel ist eine Verhandlungsmacht gegenüber den Textilkonzernen aufzubauen. Mitglieder: Free Trade Zones and General Services Employees Union (FTZ&GSEU, Sri Lanka), National Garment Workers Federation (NGWF, Bangladesch), Garment and Fashion Workers Union (GAFWU, Chennai/Indien), Garment and Textile Workers Union (GATWU, Bangalore/Indien) und ver.di (Deutschland).


 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar