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Aus den Augen, aus dem Sinn?

Prof. Berta Martín-López, Leuphana Universität Lüneburg © Marion Stange

Prof. Berta Martín-López von der Leuphana Universität Lüneburg warnt in internationaler Studie vor „Whack-a-mole“-Nachhaltigkeit

Lüneburg (csr-news) >  Es ist ein Match, das einen zur Verzweiflung bringen kann. Im Video- bzw. Computerspiel „whack-a-mole“ taucht in kurzen Abständen an wechselnden Orten ein Maulwurf auf, der Spieler versucht ihn mit einem Knüppel in sein Loch zurückzudrängen. Doch das Tier erscheint immer wieder, nur an anderer Stelle. Dieses Bild nutzen Prof. Berta Martín-López vom Institut für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung und ein internationales Forscherteam, um ein großes Problem zu beschreiben: Wenn Umweltbelastungen an einem bestimmten Ort erfolgreich angegangen werden, tauchen oftmals neue an anderer Stelle wieder auf.

In Deutschland und Europa haben nachsichtiges Handeln in den zurückliegenden Jahren zu spürbaren Erfolgen geführt. Doch diese Medaille kann ihre Kehrseite haben, machen die Wissenschaftler deutlich und nennen Beispiele: Dadurch, dass die EU Fangquoten für bestimmte Fischarten eingeführt hat, konnten sich in Europa vereinzelt Bestände erholen. Dafür aber wird verstärkt auf westafrikanische Gewässer ausgewichen, was dort wiederum die Fischbestände gefährdet. Oder: Europäische und chinesische Wälder sind bzgl. der Abholzung streng reguliert. Das allerdings führt zu stärkerem Import und dadurch zu einer Entwaldung in den Tropen. „Das hat nicht nur globale ökologische Konsequenzen, sondern auch soziale, da die Lebensgrundlagen der Menschen in diesen entfernten Orten oft negativ beeinflusst werden“, betont Leuphana-Professorin Martín-López.

Off-stage Belastungen berücksichtigen

Aus den Augen, aus dem Sinn – dieser Ansatz kann beim Umgang mit komplexen sozial-ökologischen Herausforderungen zu großen Problemen führen, warnt das internationale Forscherteam aus Deutschland, Spanien, Kanada, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich in einer kürzlich publizierten Studie (veröffentlicht in der Zeitschrift Environmental Research Letters). Darin haben die Lüneburgerin und ihre Kollegen untersucht, wie Ökosystem-Beurteilungen oft das übersehen, was sie als „entfernte, diffuse und verzögerte“ Folgen beschreiben. Diese Auswirkungen mit der Bezeichnung „off-stage ecosystem service burdens“ können für die globale Nachhaltigkeit äußerst kritisch sein und stellen somit ein Risiko für die von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitsentwicklungsziele dar. „Wir haben große Fortschritte gemacht und verstehen heute, wie das menschliche Wohlergehen von Ökosystemen an vielen verschiedenen Orten beeinflusst wird“, so Martín-López. „Aber in unserer eng verknüpften Welt können wir eine nachhaltige Entwicklung insgesamt nur dann erreichen, wenn wir die off-stage Belastungen berücksichtigen, die woanders oder in Zukunft zu spüren sind.“

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen nach Meinung der Forscher Belastungen besser erkannt werden und diese in die gesamte Ökosystembeurteilung aufgenommen werden. Vorbild dafür sind Institutionen wie „Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services “ und „Intergovernmental Panel on Climate Change “. Denn nach Meinung des Forschungsteams benötigt die Bewertung von Nachhaltigkeit einen weiteren Blick. „Um globale Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen Wissenschaft und Politik Auswirkungen auf das Ökosystem und den Menschen an mehreren Standorten und in verschiedenen Zeiträumen berücksichtigen“, erklärt der Hauptautor der Studie Unai Pascual. Aktuell sei das allerdings schwierig: Die mangelnde Aufmerksamkeit auf Off-stage-Belastungen liege zum Teil an den methodischen Schwierigkeiten, den hohen Kosten und dem Fehlen effektiver Institutionen. „Aber auch daran, weil sie bisher nicht als wichtige Komponente im Bewertungsrahmen von Ökosystemen erkannt wurde“, ergänzt der Forscher.

Auswirkungen auf Ökosystemdienstleistungen berücksichtigen

In der Studie legen Prof. Martín-López und ihre Kollegen der Wissenschaft und den Entscheidungsträgern verschiedene Lösungsvorschlage vor. Ein wichtiger Punkt: Die Bewertung von Risiken und Umweltauswirkungen muss verknüpft und um die Beurteilung von Auswirkungen auf Ökosystemdienstleistungen erweitert werden. Hierbei ist es essentiell, für die Bewertung verschiedene zeitliche und räumliche Skalen zu berücksichtigen. Die daraus resultierenden Ergebnisse sollen dann in politische Handlungen einbezogen werden. Darüber hinaus können mit Hilfe bereits bestehender Ansätze Belastungen gemessen und visualisiert werden. Das Konzept „virtuelles Wasser“ beispielsweise erfasst, wie konsumierte importierte Waren an einem Ort die Wasserversorgung in den Regionen beeinflusst, in denen diese Waren produziert werden, beeinflusst. In ihrer Studie waren die Wissenschaftler davor, die off-stage Belastungen zu vernachlässigen: „Wenn man sie ignoriert, werden die wissenschaftlich-politischen Anstrengungen für den Übergang zur globalen Nachhaltigkeit behindert“, argumentieren sie.

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