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Täuschung von Abgeordneten

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Foodwatch hat der Zuckerlobby vorgeworfen, Bundestagsabgeordnete durch Falschaussagen über Zucker zu täuschen. Damit gehe die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) erneut gegen gesundheitspolitische Initiativen vor, die einen Rückgang des Zuckerkonsums zur Folge hätten, erklärte die Verbraucherorganisation.

Berlin (afp) > Konkret verwies Foodwatch auf ein Rundschreiben des Lobbyverbandes an Bundestagsabgeordnete, in dem dieser unter anderem erklärt habe, dass „die Deutschen heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien aufnehmen als früher“. Trotz Nachfrage habe der Verband diese Aussage nicht belegen können. Foodwatch zufolge ist nach Angaben der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Kalorienaufnahme in Deutschland seit den 1960er Jahren vielmehr deutlich gestiegen; auch die EU-Kommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigten dies.

Seit Jahren fordern demnach Mediziner im Kampf gegen Übergewicht gesetzliche Maßnahmen wie Werbeverbote, eine verbesserte Nährwertkennzeichnung und Sondersteuern für Zuckergetränke. „Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabak-Konzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert“, kritisierte Oliver Huizinga von Foodwatch. „Jetzt belügt die Lobby sogar Abgeordnete des Deutschen Bundestags, um ihr Geschäftsmodell zu verteidigen.“ Die Organisation kritisierte, dass in der Debatte um Übergewicht und Zucker zahlreiche Mythen verbreitet würden. Das treffe sowohl auf führende Vertreter der Lebensmittelwirtschaft als auch auf Spitzenpolitiker zu.

Eine der sieben größten „Zucker-Mythen“ sei die Aussage, wonach der Mensch einen Zuckerbedarf habe. Sogar Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) habe in einer Fernsehsendung behauptet, dass „jeder Mensch Zucker“ brauche, erklärte Foodwatch. Es gebe aber „keinen Bedarf, Zucker als Lebensmittel aufzunehmen“, erklärte die Organisation weiter. Das menschliche Gehirn benötige zwar eine bestimmte Menge Glukose am Tag. Der Körper sei jedoch in der Lage, diese Glukose beispielsweise aus Stärke aufzuspalten, die etwa in Brot und Nudeln enthalten ist. Auch die Aussage, wonach Zuckergetränke nicht dick machten, sei falsch. „Es herrscht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke die Entstehung von Übergewicht fördert – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern“, erklärte Foodwatch.

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) forderte eine Versachlichung der Debatte und veröffentlichte ihrerseits „sieben Fakten zu Zucker und Ernährung“. „Zucker ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern als Lebensmittel Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung“, erklärte Hauptgeschäftsführer Günter Tissen. Nach Ansicht des Lobbyverbandes ist demnach die Kalorienbilanz entscheidend. Wer mehr Kalorien aufnehme als er verbrauche, nehme zu. „Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten“, heißt es in der Mitteilung. Es ergebe „keinen Sinn“, über einzelne Zutaten zu reden. Auch sei es fraglich, ob eine Strafsteuer auf Zucker ihr Ziel, Kalorien zu sparen, erreicht. Wichen Verbraucher beispielsweise auf preiswertere Varianten eines Lebensmittels aus, würden keine Kalorien gespart.

Die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Niole Maisch, erklärte, ihr sei in mehr als zehn Jahren als Bundestagsabgeordnete „keine Gruppe begegnet, die penetranteres und irreführenderes Lobbying betreibt als die Zuckerindustrie“. Fakten würden verdreht und Abgeordnete würden mit „pseudowissenschaftlichen Publikationen umgarnt“, erklärte Maisch in Berlin.

 

Sieben Fakten zu Zucker und Ernährung
(veröffentlicht von der Wirtschaftsvereinigung Zucker):

Entscheidend ist die Kalorienbilanz

Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Ganz gleich, woher diese Kalorien stammen. Sich bei der Diskussion um Übergewicht auf eine Zutat zu fokussieren, macht keinen Sinn. Denn letztlich entscheidet die Kalorienbilanz über das Gewicht. Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten. Wir müssen aufhören, über einzelne Zutaten zu reden. Allein der Blick auf die Kalorienbilanz kann effektiv etwas gegen Übergewicht ausrichten.

Die Deutschen nehmen heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien auf als früher

In den Jahren 1985-1989 haben Frauen im Durchschnitt pro Tag 1.838 kcal aufgenommen. In den Jahren 2005-2007 waren es nur noch 1.683 kcal. Ähnlich bei den Männern. Die nahmen in den Jahren 1985-1989 im Durchschnitt 2.422 kcal auf. 2005-2007 waren es nur noch 2.252 kcal.[1 Doch viele Menschen bewegen sich heute weniger in Beruf oder Freizeit. Deshalb geht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) seit einigen Jahren davon aus, dass der Energiebedarf der Deutschen gesunken ist.

Zuckerabsatz und Zuckerverzehr dürfen nicht verwechselt werden

Pro Jahr und pro Kopf werden in Deutschland 18 bis 20 Kilogramm Haushaltszucker (Saccharose) verzehrt. Das zeigen Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie II (NVS II). Zuckerabsatz ist nicht gleich Zuckerverzehr. Zucker ist ein vielseitig einsetzbares Produkt aus der Natur. Er wird nicht nur als Lebensmittel verwendet, sondern kommt zu einem erheblichen Anteil auch im Non-Food-Bereich zum Einsatz. Dort wird Zucker als nachwachsender Rohstoff in der Fermentationsindustrie, bei der Erzeugung von Bioethanol sowie der Herstellung chemischer Produkte genutzt.

Die Zahngesundheit der Deutschen ist so gut wie nie zuvor
Die Zahngesundheit der Deutschen ist so gut wie nie zuvorIn Deutschland hat sich die positive Entwicklung der letzten Jahre weiter fortgesetzt. Acht von zehn 12-jährigen Kindern (81,3 Prozent) sind heute vollkommen kariesfrei. Die Zahl der kariesfreien Gebisse hat sich demnach in den Jahren 1997 bis 2014 praktisch verdoppelt. Damit steht Deutschland an der Weltspitze. Das zeigt: Erreicht wurden diese Erfolge durch Prophylaxemaßnahmen, wie regelmäßiges Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta und Fissurenversiegelungen. Eine Regulierung des Zuckerkonsums kann nicht der richtige Ansatz sein, Karies vorzubeugen.
Strafsteuern machen niemanden schlank

Sie helfen im Kampf gegen Übergewicht nicht weiter. So ist es laut einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studie mehr als fraglich, ob eine Strafsteuer auf Zucker ihr Ziel, Kalorien zu sparen, erreicht. Weichen Verbraucher beispielsweise auf preiswertere Varianten eines Lebensmittels aus, werden keine Kalorien gespart.

Auch die Erfahrungen aus dem Ausland – beispielsweise in Frankreich, Dänemark oder Mexiko – geben keinen Anlass zu der Annahme, dass Steuern ein geeignetes Mittel zur Prävention von Zivilisationskrankheiten sind. Bis heute gibt es keine Antwort auf die Frage, ob die Menschen in diesen Ländern heute tatsächlich weniger Übergewicht haben. Sicher ist nur eins: Eine Strafsteuer auf Zucker – darauf weist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hin – würde insbesondere sozial schwache Familien treffen. Sie wäre daher, so die NGG[5, diskriminierend.

Zucker ist transparent ausgewiesen

Versteckten Zucker gibt es nicht. Zucker gehört wie Stärke zu den Kohlenhydraten und wird in der Nährwerttabelle gesondert aufgeführt („davon Zucker“). Diese Angabe informiert über den „Gesamtzuckergehalt“ eines Lebensmittels, unabhängig davon, ob „Zucker“ bei der Zubereitung und Herstellung eines Lebensmittels zugesetzt wurde oder ob er bereits von Natur aus in anderen Zutaten enthalten ist. Die Zutatenliste gibt darüber Auskunft, ob und wenn ja welche Zuckerarten dem Produkt zugesetzt wurden.

Zuckerreduktion ist Zuckerersatz - Macht weniger Zucker vielleicht sogar dick?

Wer Zucker in festen Lebensmitteln reduziert, muss ihn durch andere Stoffe ersetzen. Die bringen auch Kalorien mit – manchmal sogar mehr als Zucker. Weniger Zucker heißt also nicht automatisch weniger Kalorien. Viele Verbraucher werden getäuscht, weil sie glauben, dass sie Kalorien sparen und deshalb mehr von einem Lebensmittel essen können. Macht weniger Zucker die Menschen vielleicht sogar dick?

 

Die sieben größten „Zucker-Mythen“
(veröffentlicht von Foodwatch):

Mythos 1: „Der Mensch hat einen Zuckerbedarf.“

Bundesernährungsminister Christian Schmidt behauptete in einer ARD-Talkshow, dass „jeder Mensch Zucker“ brauche. Tatsache ist: Es gibt keinen Bedarf, Zucker als Lebensmittel aufzunehmen. Das menschliche Gehirn benötigt zwar eine bestimmte Menge an Glukose am Tag. Der Körper ist jedoch in der Lage, diese Glukose beispielsweise aus Stärke aufzuspalten, die etwa in Brot und Nudeln enthalten ist.

Mythos 2: „Zuckergetränke machen nicht dick.“

Zwischen dem Konsum zuckergesüßter Erfrischungsgetränke und Übergewicht „besteht keine Kausalität“, sagt die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg). Das ist falsch: Es herrscht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke die Entstehung von Übergewicht fördert – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Zahlreiche medizinische Fachgesellschaften teilen diese Auffassung, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die British Medical Association und die internationale Adipositas Gesellschaft „World Obesity“.

Mythos 3: „Der Zuckerverbrauch ist konstant.“

Die Lebensmittellobby behauptet, dass die Absatzzahlen für Zucker seit Jahrzehnten konstant seien. Deshalb könne Zucker gar keine wesentliche Ursache für den Anstieg von Übergewicht sein. Doch das ist nicht richtig: Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Haushaltszucker (Saccharose) seit etwa 1985 konstant bei 30 bis 35 kg im Jahr. Doch diese Statistik lässt andere Zuckerarten außen vor, darunter Glukose, deren Verbrauch sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr als versechsfacht hat. Insgesamt ist der Pro-Kopf-Verbrauch der Zuckerarten Saccharose, Isoglukose, Glukose und Honig im Zeitraum von 1960 bis 2012 um mehr als 30 Prozent gestiegen.

Mythos 4: „Ernährungsbildung ist das beste Mittel gegen Übergewicht.“

Ernährungsbildung „schon im Kindesalter“ sei „das beste Gegenmittel“ gegen Fehlernährung und die gesundheitlichen Folgen, so der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Ähnlich äußerte sich auch Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der Lebensmittelwirtschaft (BLL). Fakt ist: Nach Auswertung zahlreicher Studien kommt Professor Manfred James Müller, einer der Vorstandssprecher des staatlich geförderten Kompetenznetzes Adipositas, zu dem Schluss, dass mit Ernährungsbildung die Häufigkeit von Übergewicht bei Kindern lediglich um ein Prozent gesenkt werden kann. „Diese Strategie ist gescheitert, die steigende Zahl chronisch Kranker zeigt dies deutlich“, folgert die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), ein Zusammenschluss aus 17 medizinisch-wissenschaftlichen Fachorganisationen. Sie fordert stattdessen, eine gesunde Lebensweise zu erleichtern, beispielsweise durch eine Änderung des Lebensmittelangebots, der Kennzeichnung oder des Marketings an Kinder.

Mythos 5: „Wir nehmen heute nicht mehr, sondern weniger Kalorien auf als früher.“

„Die Deutschen nehmen heute nachweislich nicht mehr Kalorien auf als früher“, so Günter Tissen, Geschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ). Daten der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigen allerdings: Die Kalorienaufnahme in Deutschland ist seit den 1960er-Jahren deutlich angestiegen. Zu diesem Schluss kommen auch die EU-Kommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Mythos 6: „Lebensmittelsteuern zeigen nicht die gewünschte Wirkung.“

Ist eine Zuckersteuer oder eine Hersteller-Abgabe auf überzuckerte Getränke ein Mittel gegen Übergewicht? Führende Politiker meinen „Nein“. Die „Erfahrungen in anderen Ländern“ zeigten, dass „Strafsteuern auf zucker-, fett- und salzhaltige Produkte bzw. Verbote keinen nachhaltigen Erfolg“ hätten, so Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Doch das Gegenteil stimmt: In Mexiko, Finnland, Berkeley oder auch Frankreich ging der Zuckergetränke-Konsum nach Einführung einer Limo-Steuer zurück. In Ungarn änderten 40 Prozent der Hersteller nach Einführung einer Steuer ihre Rezepturen. Es sei bewiesen, so die WHO, dass eine 20-prozentige Sondersteuer einen etwa 20-prozentigen Rückgang im Konsum zur Folge hat.

Mythos 7: „Jeder ist selbst für sein Gewicht verantwortlich. Wer staatliches Handeln fordert, hält die Verbraucher für unmündig“

„Verantwortung für seine Gesundheit hat jeder selbst“, sagt Bundesernährungsminister Christian Schmidt. Was logisch klingt, hat einen Haken: Wir leben in einer Welt, die dick macht. Es wird uns erschwert, die gesunde Wahl zu treffen. Die frühere Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, hat dies in einer Rede im Jahr 2013 auf den Punkt gebracht: „Kein einziger Staat hat es geschafft, die Fettleibigkeits-Epidemie in allen Altersgruppen zu stoppen. Hier mangelt es nicht an individueller Willenskraft. Hier mangelt es am politischen Willen, sich mit einer großen Industrie anzulegen.“

Rund ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland – 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen – ist laut Robert-Koch-Institut fettleibig (BMI ≥ 30). Adipositas bei Kindern sowie Erwachsenen hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Das verursacht nicht bloß individuelles Leiden der Betroffenen, sondern auch erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten: Allein durch Adipositas entstehen in Deutschland jährlich etwa 63 Milliarden Euro Folgekosten.  Die WHO und die OECD  sprechen von einer „globalen Adipositas-Epidemie“. Ein Zusammenschluss von deutschen Fachgesellschaften warnt vor einem „Tsunami chronischer Krankheiten“, denn Adipositas erhöhe nachweislich das Risiko für die Entstehung von zahlreichen chronischen Krankheiten, darunter Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes sowie diverse Krebsarten.

 

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