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„Klima- oder Kohlekanzlerin?“

© Markus Feger, Klima-Kohle-Kohle

Zwei Tage vor Beginn der UN-Weltklimakonferenz in der früheren Regierungsstadt haben mehr als hundert Bündnisse, Initiativen und Entwicklungsorganisationen einen bunten Demoaufzug organisiert.

Von Richard Heister

Bonn (afp) > Der Kopf von Angela Merkel thront auf einer riesigen Erdkugel. Das Gesicht der Kanzlerin ist aschfahl und umgeben von dicken schwarzen Rauchschwaden, die aus Krafwerkstürmen himmelwärts ziehen. „Raus aus der Kohle, Frau Merkel“ lautet die Aufschrift auf der Protestskulptur, die Greenpeace zur großen Klimademo am Samstag in Bonn aufgefahren hat. Zwei Tage vor Beginn der UN-Weltklimakonferenz in der früheren Regierungsstadt haben mehr als hundert Bündnisse, Initiativen und Entwicklungsorganisationen einen bunten Demoaufzug organisiert. Die Klimaschützer, viele von ihnen aus dem Ausland, tragen teils farbenfrohe Kostüme. Fast alle haben Transparente dabei mit Aufschriften wie „Klimaschutz statt Kohleschmutz“, einige tragen grüne Luftballons mit dem Aufdruck „Time to act“ („Zeit zum Handeln“).

Es ist vor allem eine Forderung, welche die nach Veranstalterangaben rund 25.000 Demonstranten an diesem Samstag in Bonn vereint: Raus aus der Kohle. „Kohle stoppen“, skandieren die Teilnehmer auf dem Bonner Münsterplatz, der gerade mal rund 50 Kilometer vom rheinischen Braunkohlerevier im Städtedreieck Aachen-Mönchengladbach-Köln entfernt ist. Dort stehen einige der schmutzigsten Kraftwerke Europas, wie Klimaschützer schon seit Jahren kritisieren. Der deutschen Politikelite um Merkel werfen die Demonstranten vor, trotz aller Bekenntnisse zum Klimaschutz an der Kohle als Klimakiller Nummer eins festzuhalten. „Dem Klima ist nicht durch Worte geholfen, sondern nur durch konsequente Taten“, ruft Hubert Weiger von der Umweltschutzorganisation BUND den Teilnehmern zu. Und Kathrin Schroeder vom katholischen Hilfswerk Misereor macht deutlich: „Klimarhetorik reicht uns nicht mehr.“

Diese Auffassung teilt auch die langjährige Grünen-Spitzenpolitikerin Bärbel Höhn, die sich ebenfalls unter die Demonstranten gemischt hat. „Deutschland muss in Deutschland mehr machen für den Klimaschutz“, sagt die frühere NRW-Umweltministerin zu AFP. Kohleausstieg und Verkehrswende – das seien im Kampf gegen den Klimawandel die zentralen Aufgaben, die endlich angegangen werden müssten. „Deshalb bin ich hier“, sagt Höhn. Mit Beifall bei der Bonner Kundgebung wird der peruanische Kleinbauer Saul Luciano Lluiya empfangen. Lliuya hat in Deutschland den Energiekonzern RWE verklagt. Dem Peruaner gehört ein Haus in der Stadt Huarez in den Anden. Er macht vor Gericht geltend, dass ein See oberhalb der Stadt durch das Schmelzen eines Gletschers überzulaufen droht und in diesem Fall sein Haus beschädigen werde.

Grund des Schmelzens sei der Klimawandel, der durch den CO2-Ausstoß der RWE-Kraftwerke mitverursacht sei. In erster Instanz hat der Peruaner vor dem Essener Landgericht allerdings eine Niederlage hinnehmen müssen, am 13. November soll die Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Hamm stattfinden. Für viele Teilnehmer der Bonner Großdemo scheint klar, wer die Hauptschuldige am so heftig kritisierten Stillstand in der deutschen Klimaschutzpolitik ist: Angela Merkel. „Klima- oder Kohlekanzlerin?“ hat ein Demonstrant auf sein Pappschild geschrieben. Gleich nebenan auf dem Münsterplatz hat der BUND die Kanzlerin sogar symbolisch ins Bett gelegt: Auf einen Anhänger haben die Umweltschützer ein ausrangiertes Krankenhausbett montiert. Auf dem Kopfkissen der Bettwäsche ist Angela Merkel mit einer Schlafmütze abgebildet. Und darüber prangt ein großes Schild: „Frau Merkel verschläft den Klimaschutz.“