Agenturmeldung Klimaschutz Nachrichten

Verhandlungstexte mit Überlänge und eine Leerstelle

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks auf der Abschlusspressekonferenz © BMUB/Sascha Hilgers

Einige Delegierte können kaum noch die Augen offen halten, als bei der UN-Konferenz in Bonn endlich die abschließenden Entscheidungen verkündet werden.

Von Yvonne Brandenberg

Bonn (afp) > Bis in den Morgen hinein hatten sich Entwicklungs- und Industrieländer bei der Frage nach der Zukunft des Anpassungsfonds verhakt. So wurde es bei der Konferenz, die nur als Zwischenschritt vor den nächsten großen Entscheidungen 2018 gedacht war, doch noch spannend. Trotz einiger Einigungen lassen die Verhandler in Bonn noch viel Arbeit übrig. Und auch Mit-Gastgeber Deutschland hat noch einige Hausaufgaben zu erledigen. “Ich habe noch nie so wenig Adrenalin bei einer COP erlebt”, hatte sich am Freitagnachmittag ein hochrangiger EU-Vertreter noch über die Bonner Konferenz beschwert. In den vergangenen Jahren war es tatsächlich aufregender: 2015 wurde in Paris nach jahrelangem Ringen die Einigung auf ein globales Klimaschutzabkommen gefeiert. Bei der folgenden Konferenz in Marrakesch sorgte die Wahl des Klimaskeptikers Donald Trump zum US-Präsidenten für eine Solidarisierung der restlichen Welt.

In Bonn sollten die Klimaverhandlungen so weit vorangebracht werden, dass bei der nächsten UN-Klimakonferenz Ende 2018 in Kattowitz wichtige Entscheidungen getroffen werden können. So arbeiteten die Teilnehmer in Bonn Textentwürfe für das sogenannte Regelbuch aus, das die genaue Umsetzung des Pariser Abkommens festlegen soll. Bei den hunderte Seiten langen Texten muss in Kattowitz allerdings noch einiges glattgezogen werden. Als Erfolg wurde die Einigung auf den sogenannten Talanoa-Dialog gewertet. Unter dem Vorsitz des Konferenzvorsitzenden Fidschi und seines Nachfolgers Polen soll dabei eine Zwischenbilanz zur Wirkung der derzeitigen Klimaschutzzusagen im Rahmen des Pariser Abkommens gezogen werden – um dann über weiterreichende Maßnahmen zu beraten. Ebenfalls ein Erfolg der fidschianischen Präsidentschaft ist die Einigung, bei den kommenden beiden Weltklimakonferenzen die Klimaschutzanstrengungen bis 2020 gesondert in den Blick zu nehmen.

Fidschi, ein durch den Klimawandel stark bedrohter Inselstaat, wurde immer wieder als besonders glaubwürdiges und engagiertes Gastgeberland gelobt. Das Bemühen von Regierungschef Frank Bainimarama und seiner Delegation um Ausgleich machen manche Beobachter allerdings mitverantwortlich, dass es beim Thema Verluste und Schäden durch den Klimawandel nicht über die Finanzierungsfrage geredet wurde. Die Industrieländer blockierten dieses Ansinnen der Entwicklungsländer. Dies sei “die große Leerstelle in Bonn” gewesen, kritisierte BUND-Klimaexpertin Ann-Kathrin Schneider. Großes Interesse erregte in Bonn das Verhalten der USA. Das Land sei hier “unfreiwillig mit drei Teams” aufgetreten, sagt der Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig. Die US-Delegation verhielt sich laut Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) “konstruktiv und neutral”. Das Weiße Haus organisierte allerdings eine Art Werbeveranstaltung für fossile Energieträger, die durch lautstarke Protestgesänge von Aktivisten unterbrochen wurde. Für Begeisterung sorgte hingegen das Bündnis “We are still in” aus zahlreichen Bundesstaaten, Städten und Unternehmen der USA, die trotz US-Präsident Donald Trump einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung des Pariser Abkommens leisten wollen.

Der technische Gastgeber Deutschland verhielt sich wie üblich konstruktiv und machte einige Finanzzusagen in dreistelliger Millionenhöhe. Doch dass Deutschland sein Klimaschutzziel für 2020 nach jetzigem Stand nicht erreicht, warf einen Schatten auf Bonn. Sie habe “noch nie erlebt, dass Deutschland dieses Schmuddelkind-Image hatte”, sagt Schneider. Sie und andere Umweltaktivisten forderten während der Konferenz von Deutschland immer wieder lautstark einen Kohleausstieg – nicht zuletzt angesichts der Gründung einer globalen Allianz für den Kohleausstieg am vorletzten Konferenztag. Doch so weit wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Rede vor dem Konferenzplenum nicht gehen. Nun schauen alle auf Kattowitz. Die scheidende Umweltministerin Hendricks prophezeite zum Abschluss in Bonn, spätestens dort werde die Bundesregierung mit einem Plan für den Kohleausstieg anreisen.