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Datenökologie bietet Wettbewerbsvorteile

[exklusiv] Das Gespräch mit Prof. Petra Grimm, Institut für Digitale Ethik, Stuttgart

Stuttgart (csr-news) – Die kommende Ausgabe des CSR MAGAZIN beschäftigt sich in einem Beitrag mit der digitalen Ethik. Dazu führte Achim Halfmann eine Serie von Interviews mit Medienwissenschaftlern und Medienkritikern. Prof. Petra Grimm leitet das Institut für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

CSR MAGAZIN: Frau Prof. Grimm, wie erleben Sie die aktuelle Diskussion um die Digitalisierung?

Prof. Dr. Petra Grimm: Über Digitalisierung wird vorwiegend in zwei Narrativen gesprochen: Beim „Prometheus-Narrativ“ stehen die Chancen der Digitalisierung im Vordergrund: etwa Arbeit 4.0, die Minimierung von Gesundheitsrisiken, die Ressourcenschonung und der globale Austausch. Das „Pandora-Narrativ“ dagegen erzählt von einer drohenden Auflösung stabiler Strukturen durch den Verlust von Privatsphäre oder – im Zuge der Entwicklung der künstlichen Intelligenz – von Autonomie.

Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Wie kann sie verantwortungsvoll gestaltet werden?

Es bedarf eines reflektierten Umgangs mit dem Thema. Dazu müssen wir uns die Fragen stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie kann ein gutes Leben im digitalen Zeitalter aussehen? Wie kann die Digitalisierung – zum Beispiel im Blick auf automatisierte Entscheidungen – diskriminierungsfrei gestaltet werden? Deshalb gehört heute die datenökologische Verantwortung in den Diskussionsfokus – so wie vor 35 Jahren der Umweltschutz zu einem bedeutsamen Thema wurde.

Was meinen Sie, wenn Sie von Datenökologie sprechen?

Es geht um nachhaltiges Datenwirtschaften mit einer Sensibilisierung für relevante Themen, Transparenz, dem Schutz der Privatheit und einem werteorientierten Design. Nehmen Sie etwa den sehr wichtigen Bereich der Privatsphäre und das autonome Fahren: Beim autonomen Fahren werden eine Fülle von Daten über den Fahrzeughalter erzeugt. Was geschieht damit? Wir brauchen Entwicklungsprozesse, die den verantwortungsvollen Umgang mit Daten bereits mitdenken – ein wertebasiertes Design oder, mit dem englischen Begriff, eine „privacy by design“. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten berücksichtigt die Fragen: Welche Daten sind nötig? Und: Wie entsteht Transparenz?

In Deutschland tätige Unternehmen sind rechtlich auf den Datenschutz verpflichtet.

In ihrer Konkurrenzsituation zu den Global Playern sollten deutsche Unternehmen aber nicht nur den gesetzlichen Datenschutz berücksichtigen. Viel zu wenig im Blick ist bisher, welche Wettbewerbsvorteile eine datenökologische Verantwortung bietet. Gerade deutsche Konsumenten sind gegenüber dem Thema „Big Data“ sehr kritisch eingestellt. Unternehmen aus dem Bereich der sozialen Medien, der Telekommunikation, aber auch Banken und selbst öffentliche Verwaltungen tun gut daran, das Vertrauen ihrer Kunden und Geschäftspartner herzustellen. Dazu dienen eine öffentliche Kommunikation der unternehmerischen Datenökonomie, eine entsprechende Geschäftspolitik und etwa auch Allgemeine Geschäftsbedingungen in einer verständlichen Sprache. Vertrauen ist ein hohes Gut; First Mover unter den Unternehmen bietet die Datenökologie erhebliche Wettbewerbsvorteile.

Nicht nur Kunden, sondern auch Arbeitnehmer werden durch die Möglichkeiten von Big Data immer gläserner.

Face Analytics bieten die Möglichkeit, den emotionalen Zustand des Mitarbeiters zu erfassen. Im Büro lassen sich Tastaturanschläge und Pausenzeiten mühelos erfassen. Versicherungen empfehlen Gesundheitsapps. Was aber passiert, wenn sensible Gesundheitsdaten in die Hände des Arbeitgebers fallen? Aus solchen Überwachungen spricht aus meiner Sicht ein totales Misstrauen. In Zeiten einer massiven Transformation von Arbeitsprozessen erzeugt dies einen enormen Druck auf Mitarbeiter, die um die Zukunft ihrer Arbeit bangen. Auch in Bezug auf Arbeitnehmer ist Vertrauen ein hohes Gut. Und ein solches Vertrauen wird gefördert, wenn Unternehmer die Arbeitgeberseite an der Entwicklung digitaler Strategien beteiligen. Natürlich kann die Digitalisierung Effizienz und Effektivität von Arbeitsprozessen steigern. Entscheidend ist, dass solche Prozesse nicht von außen aufgesetzt, sondern mit den eigenen Mitarbeitern entwickelt werden. Der öffentliche Sektor könnte hier übrigens eine Vorreiterrolle einnehmen.

Zum öffentlichen Sektor gehören Schulen und Hochschulen. Wird der ethische Diskurs zu den Themen der Digitalisierung hier ausreichend gefördert?

Noch ist ein solcher ethischer Diskurs in allen Bereichen marginalisiert. Zu häufig wird die Auffassung vertreten, zu viel Datenschutz sei ein Innovationshindernis. Aber es geht nicht um Fortschrittsfeindlichkeit, sondern um die Entwicklung von Technologien, mit denen sich ein Schutz der Privatheit bestens umsetzen lässt. Dazu brauchen wir eine Sensibilisierung etwa in den IT-Studiengängen, aber nicht nur dort. Es geht um den Aufbau einer werteorientierten Digitalkompetenz, und da sind alle Ausbildungsinstitutionen gefragt. So sind junge „Smartphone-Natives“ häufig nur oberflächliche Experten für die IT-Nutzung: Bei allem Wissen um die Nutzung von Apps und selbst bei Programmierkenntnissen ist vielen nicht bewusst, was hinter der Oberfläche passiert.

Deshalb brauchen wir eine Politik, die Datenökologie fördert und fordert. Und wir brauchen Unternehmen, die darin enthaltene Wettbewerbsvorteile erkennen und nutzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Link: Das Institut für Digitale Ethik (IDE)

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