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Anzugträger meditieren in Davos

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Es ist ein ungewöhnliches Bild: Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen sitzen mit geschlossenen Augen auf Holzhockern und konzentrieren sich auf die beruhigende Stimme der weiß gekleideten Meditationsleiterin Jayanti Kirpalani.

Von Roland Lloyd Parry

Davos (afp) > Öffnen die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums (WEF) ihre Augen, erblicken sie durch die große Fensterfront verschneite Baumwipfel im Schweizer Skiort Davos. “Noch vor zehn Jahren wären Morgenmeditationen in Davos undenkbar gewesen. Inzwischen ist das in Mode”, sagt der WEF-Teilnehmer und französische Mönch Matthieu Ricard. Auch einige Podiumsdiskussionen thematisieren in diesem Jahr die psychische Gesundheit. Das erklärte Ziel der WEF-Teilnehmer, “den Zustand der Welt zu verbessern”, beginnt für viele beim Zustand von  Gesundheit und Psyche.

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi brachte gar zwei Yoga-Gurus als Teil seiner Delegation mit nach Davos. Bei seiner Rede am Dienstag machte er darauf aufmerksam, dass Yoga und die indische Heilkunst Ayurveda für “physische, psychische und spirituelle Gesundheit und Ausgeglichenheit” sorgen können. Nicht nur in Davos ist psychische Gesundheit in Mode: Große Konzerne wie Google ermutigen ihre Mitarbeiter inzwischen, “Achtsamkeit” zu kultivieren, wie der buddhistische Mönch Ricard aus eigener Erfahrung bestätigt. Als achtsam wird bezeichnet, wer seine Aufmerksamkeit und Gelassenheit regelmäßig bewusst trainiert, und sei es nur für einige Minuten oder Sekunden – etwa mithilfe von Meditationstechniken. Denn inzwischen würden viele Menschen erkennen, welche Auswirkungen Stress bei der Arbeit haben könne: Er könne ein Burn-Out auslösen und die Beziehungen zu anderen Menschen verschlechtern, warnt Ricard.

320 Millionen Menschen weltweit leiden an Depressionen, wie aus in Davos vorgestellten Daten hervorgeht. Laut dem Institut Mindfulness Initiative sind zum Beispiel psychische Probleme in Großbritannien der Grund von 70 Millionen Krankheitstagen von Arbeitnehmern. Zahlreiche wissenschaftliche Studien ergaben jedoch, dass Achtsamkeits-Übungen Depressionen vorbeugen könnten. Auch für die Karriere sei es unmittelbar förderlich, erzählt Parham Vassaiel. Der 32-Jährige arbeitet als führender Manager bei der Autofirma Jaguar Land Rover in Großbritannien und meditiert jeden Morgen für einige Minuten. “Danach fühle ich mich fokussierter und kann klarer über die vor mir liegenden Aufgaben nachdenken”, berichtet Vassaiel. “Ich kann Situationen dadurch schneller erkennen und analysieren, als ich es ohne die Übung könnte.” Derartige Übungen habe er auch in seinem Unternehmen für 3000 Mitarbeiter mitorganisiert.

Jamie Bristow von der Mindfulness Initiative bestätigt, dass Achtsamkeits-Übungen nicht nur Depressionen verhindern würden, sondern aktiv zu mehr Wohlbefinden führen könnten. “Deswegen sind sie so beliebt im Silicon Valley, wo die Menschen erfolgreich und glücklich sein wollen.” Für Unternehmen könnte sich die Sorge um die psychische Gesundheit von Mitarbeitern sogar finanziell lohnen: Bristows Institut verweist auf Studien, wonach Unternehmen und Institutionen hunderttausende Dollar sparen können, wenn sie neben der Leistung auch das Wohlbefinden der Angestellten fördern.

 

 

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