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Der Vorkämpfer für flexiblere Arbeitszeiten

© IG Metall

Wer sich den Chef der größten Industriegewerkschaft Europas im Blaumann vorstellt, mit Schmieröl an den Händen und Helm auf dem Kopf, der wird von Jörg Hofmann enttäuscht sein. Der 62-jährige Schwabe erinnert bei seinen Auftritten eher an einen Professor.

Von Florian Müller

Frankfurt (afp) > Hofmann ist jemand, der sich beim Vortrag über Tarifverträge wohler fühlt als beim Drehen eines Werbe-Videos für seine Gewerkschaft. Nun will er im Tarifkonflikt der Metaller einen letzten Verhandlungsversuch wagen. Hofmann hat nicht wie viele seiner Vorgänger an der IG-Metall-Spitze eine Industrieausbildung gemacht, er ist gelernter Landwirt. Danach studierte er Wirtschaft und Soziologie und protestierte an der Universität gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem. Seine Forschung lenkte der Diplom-Ökonom schon bald auf gewerkschaftliche Arbeit, um schließlich Ende der 80er in seiner Heimatregion Stuttgart in die IG Metall einzusteigen. Dort machte Hofmann schnell in der Tarifpolitikabteilung Karriere. Der Gewerkschafter wandert gern und spielt Tennis, hört Jazz, Klassik, aber auch die Toten Hosen. Er heiratete eine Portugiesin, sie haben eine gemeinsame Tochter und sprechen zu Hause Französisch.

Wie kaum ein anderer kennt Hofmann die Verästelungen der komplizierten Vertragswerke, die in ewigen Verhandlungen entstehen und dann doch erst in einer nächtlichen Kraftanstrengung durchgesetzt werden. Ob Verträge zu Beschäftigungssicherung, Alters- und Bildungsteilzeit oder Zeitarbeit: Er kann auf unzählige Marathon-Verhandlungen zurückblicken, die die Arbeitsbedingungen der Branche und darüber hinaus prägen. Hofmann hat auch Begrifflichkeiten mitgeprägt: Im sogenannten Entgelt-Rahmenabkommen half er mit, die Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten zu beenden. Sie heißen nun einfach Beschäftigte. Statt Lohn und Gehalt heißt es in offiziellen Texten nun Entgelt. Was simpel klingt, bedeutete eine Revolution in der Tarifwelt.

Arbeitszeiten müssen zum Leben passen

Bei vielen dieser schwierigen Verhandlungen saß ihm Jan Stefan Roell gegenüber. Er war Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, als Hofmann den wichtigen Gewerkschaftsbezirk Baden-Württemberg leitete. Roell beschreibt Hofmann als jemanden, “der nicht über Details hinweggeht”, sich “extrem präzise” ausdrückt und “keine Schnellschüsse” macht. Gleichzeitig achte Hofmann aber auf “große Linien” und handle im “Interesse seiner Mitglieder”. Ein ehemaliger Vorgesetzter fügt der Beschreibung noch “Eigenbrötler” hinzu. 2004 zeigte Hofmann, dass er für seine Mitglieder auch zurückstecken kann: In einer Zeit, als die deutsche Metall- und Elektroindustrie in einer schweren Krise war, ließ er erstmals zu, dass einzelne Betriebe vom Tarifvertrag komplett abweichen, um Jobs und Standorte zu sichern. Viele sehen darin einen Grund, warum Deutschland die Wirtschaftskrise so gut überstand.

Doch die Krisenzeiten sind lange her. Aus gewerkschaftlicher Sicht haben die Öffnungsklauseln mittlerweile überhand genommen. So will Hofmann, seit Oktober 2015 IG-Metall-Chef, die Gunst der Stunde sprudelnder Unternehmensgewinne nutzen. Eine seiner Leitlinien ist, dass Arbeitszeiten zum Leben passen sollten. Moderne Familien wollten nicht unbedingt mehr Geld, sie wollten Zeit füreinander. Die will Hofmann ihnen mit seiner Forderung nach einer phasenweisen 28-Stunden-Woche nun verschaffen. Sollte es bis Samstagmittag in den entscheidenden Punkten keine Einigung geben, droht eine Eskalation des Konflikts – unter anderem 24-Stunden-Streiks.

 

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