Topnews

Wirtschaftsethische Bildung – die Interviewserie

Sebastian Bernhard / pixelio.de

Professoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich beziehen Position.

Velbert (csr-news) – An Hochschulen und Universitäten werden Verantwortungsträger der Zukunft ausgebildet. Inzwischen hat dort in manchen Fakultäten die Beschäftigung mit der Wirtschaftsethik Einzug gehalten. Das CSR MAGAZIN hat Hochschullehrer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich danach gefragt, wie die Wirtschaftsethik in die Lehre eingebunden sein sollte, was eine Beschäftigung damit bewirken kann und wie es um die Nachhaltigkeit der Hochschulen selbst bestellt ist. Einen Übersichtsbeitrag dazu bringt die März-Ausgabe des CSR MAGAZIN. Hier veröffentlichen wir die Antworten der Hochschullehrenden im Volltext. Den Anfang machen die Antworten auf die Frage:

Wirtschaftsethik: Lassen sich Studierende für dieses Fach begeistern? Wie?

Prof. Markus Beckmann (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): Ja, viele Studierende sind mit wirklich Herzblut dabei. Zwei Dinge erscheinen mir wichtig: Zum einen, WE so aufbereiten, dass Studierende Ansätze sehen, wie sie das, was ihnen normativ wichtig ist – wofür sie brennen, wo sie ihre Identität sehen, worin sie Sinn finden – im Wirtschaftsleben aufgreifen und umsetzen können, und zwar gerade auch in Unternehmen. Zum zweiten, mit WE ein Handwerkszeug entwickeln, dass damit auch reale Probleme des Unternehmens (in der Supply Chain, im Team, im Zusammenspiel mit den Stakeholdern) gelöst werden können.

Prof. Dirk Ulrich Gilbert (Universität Hamburg): Meine Wahrnehmung ist, dass immer mehr Studierende an unserer Hochschule von ganz alleine ein großes Interesse und eine Begeisterung für das Thema mitbringen. Viele junge Menschen nehmen aktuell am gesellschaftlichen Diskurs teil und werden fast täglich in den Medien mit Fragestellungen der Wirtschafts- und Unternehmensethik konfrontiert (z. B. Dieselskandal bei VW oder Kartellverstöße der LKW-Hersteller). Vor diesem Hintergrund wollen die Studierenden sich dann auch in ihrem Studium mit solchen Problemen auseinandersetzen. Ich denke, dass man aber auch Studierende, die nicht von Anfang an ein Interesse an wirtschaftsethischen Themen haben, für das Fach begeistern kann. Wir zeigen diesen Studierenden, dass neoklassische Theorien in der Ökonomie nur unzureichend in der Lage sind, viele der aktuellen Probleme in der Wirtschaft zu beschreiben, analysieren und lösen. Ausgehend von dieser These diskutieren wir dann Theorieangebote aus der Wirtschafts- und Unternehmensethik mit den Studierenden und zeigen, inwiefern diese Ansätze Hilfestellung bei der Lösung aktueller Probleme geben können. Zudem versuchen wir die individuelle Verantwortung der Studierenden im Wirtschaftsprozess herauszuarbeiten (z.B. im Bereich des ethischen Konsums) und dadurch ihr Interesse für das Fach zu wecken.

Prof. Stefan Heinemann (FOM Hochschule): Durch den Ausweis der Praxisrelevanz, Cases und offene Diskussionen. Doch darf nicht erwartet werden, dass sich positive Reaktionen unmittelbar einstellen. Die gemeinsame Reflexion auf die Differenz von Sein und Sollen in der Wirtschaft ist nicht mal so eben zu erledigen.

Prof. Estelle L.A. Herlyn (FOM Hochschule): Durch aktuelle Praxisbezüge, die sich zuhauf finden. Durch eine sehr grundsätzliche Diskussion über die Verantwortung und aktuelle Situation unterschiedlicher Akteure, insbesondere Politik und Unternehmen (Hauptsätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik). In der Folge sieht man all die konkreten Problemstellungen in einem anderen, breiteren Licht. Durch Thematisierung von Nachhaltigkeit, Agenda 2030, auch hier Verantwortung der Unternehmen.

Prof. Markus Huppenbauer (Universität Zürich): Natürlich, wie für jedes andere Fach auch. Es braucht dafür primär begeisterungsfähige und dialogbereite Lehrende. Lehrende, die nicht nur an ihre nächste Publikation in einem international renommierten Journal denken, sondern an die Studierenden, mit denen sie zu einer zeitlich befristeten Lern- und Lehrgemeinschaft zusammengeschlossen sind. Die Studierenden müssen zudem merken, dass das Fach von Bedeutung für ihr eigenes Leben und die Gesellschaft ist. Das impliziert, dass die wirtschaftsethische Reflexion nicht abgehoben sein darf, sondern sich immer wieder auf konkrete Themen und Probleme aus dem Wirtschaftsleben beziehen muss.

Prof. Annette Kleinfeld (Hochschule Konstanz): Das Interesse am Fach selbst hat angesichts der evidenten Praxisrelevanz während der letzten Jahre spürbar zugenommen. “Begeisterung” bei Studierenden zu wecken finde ich persönlich dabei weniger wichtig als die Notwendigkeit ebenso wie die praktische Umsetzbarkeit ethisch reflektierten Handelns von und in Unternehmen zu vermitteln. In beiden Fällen hilft natürlich die eigene berufliche Erfahrung damit und/oder die Tatsache, dass man als “Pionierin” die Entwicklung des Themas in Theorie wie in der Praxis miterlebt und mitgestaltet hat.

Prof. Martin Müller (Universität Ulm): Die Motivation für das Fach Wirtschaftsethik kann am besten durch konkrete Fälle aus der Praxis gewonnen werden. Wenn möglich auch ganz aktuell aus der Tagespresse. Wichtig ist dann, dass man den konkreten Bezug zu den ethischen Ansätzen herstellt und zeigt, dass je nach “Brille” die man aufsetzt, ganz andere Sichtweisen auf den Fall entstehen können.

Dr. Daniela Ortiz (FHWien der WKW): Die Ergebnisse unseres Forschungsprojekts fließen in unsere Lehrtätigkeiten ein, darunter auch die erstellten Fallstudien über KMU. Bei den untersuchten Unternehmen ging es oft um Fragen der unternehmerischen und persönlichen Integrität von starken Führungspersönlichkeiten. In einer unserer Lehrveranstaltungen bekamen die Studierende die Aufgabe gestellt, konkrete Lösungsansätze für realistische Fragestellungen auszuarbeiten. Dadurch konnten sie einen persönlichen Bezug zum Thema gewinnen. Wir gehen davon aus, dass Themen wie Ethik und Nachhaltigkeit nicht nur auf einer theoretisch-kognitiven Ebene, sondern auch auf einer anwendungsorientierten und insbesondere persönlich-affektiven Ebene vermittelt werden. Die Studierenden sollen verstehen, dass ihre Wertvorstellungen und Entscheidungen unser gesellschaftliches Zusammenleben beeinflussen.

Prof. Guido Palazzo (Universität Lausanne): In Lausanne unterrichten wir nicht «Wirtschaftsethik», sondern wir bieten vor allem unseren Master Studierenden, aber auch Studierenden im EMBA und Bachelor, eine Reihe von Kursen an die sich mit Ethik und Nachhaltigkeit befassen. Kursbeispiele aus unserem Master: «Business and Human Rights», «Unethical Decision Making in Organization», «Corporate Social Responsibility»; “Ethics and Finance”, “Ethics and Marketing”, “Environmental Crisis and Societal Change”. Bei uns gehören diese Kurse zu den am meisten besuchten Veranstaltungen.

Prof. Markus Scholz (FHWien der WKW): Unbedingt! Nach anfänglichen Zögern verstehen die meisten Studierenden die unternehmerische Sinnhaftigkeit. Aber der Business Case allein genügt nicht, es geht um die Vermittlung von Integrität.

Prof. im Ruhestand Jürgen Schwalbach (Humboldt-Universität Berlin): Studierende lassen sich für dieses Fach begeistern, wenn die Theorie anhand konkreter Praxisfälle vorgestellt und diskutiert wird.

Prof. Andreas Suchanek (HHL Leipzig): Es kommt darauf an, was die Studenten mitbringen. Einen Teil der Studierenden muss man nicht groß begeistern. Ein weiterer Teil ist unmusikalisch, was das Thema Moral angeht. Der größte Teil hat noch keine Vorstellung davon, worum es bei diesem Thema geht.

In der Lehre erreiche ich die einen mit philosophischer Reflexion, in der sie ihre eigene Betroffenheit von dem Thema entdecken. Für andere ist es wichtig zu erfahren, dass es Instrumente gibt, mit denen Konflikte analysiert werden können. Manche müssen erfahren, dass Manager für ihr unverantwortliches Verhalten im Knast gelandet sind, um sich dann zu fragen, wie sie das für sich verhindern können.

Insgesamt fördern anschauliche Beispiele die Bereitschaft der Studierenden, sich auf ethische Themen einzulassen, denn sie zeigen: Das hat etwas mit Euch und mit dem Berufsalltag zu tun.

Prof. Josef Wieland (Zeppelin Universität Friedrichshafen): Wir sollten unsere Kurse anwendungsorientiert gestalten – mit aktuellen Case-Studies. Dabei sollten wir auch die Ethik des Systems nicht aus dem Blick verlieren, etwa Fragen der Einkommensverteilung oder Gerechtigkeitsfragen. Es geht auch um Themen wie Ehrlichkeit oder das Wertemanagement. Meine Vorlesungen dazu sind stark nachgefragt.

Achten sollten wir auf die Aktivierung der Studierenden und auf abwechslungsreiche Lehrformate mit Vorlesungen, Seminaren, Research und Field Studies.

Hinterlassen Sie einen Kommentar