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Wirtschaftsethik und Persönlichkeitsbildung

Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Velbert (csr-news) – Das CSR MAGAZIN hat Hochschullehrer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich danach gefragt, wie die Wirtschaftsethik in die Lehre eingebunden sein sollte, was eine Beschäftigung damit bewirken kann und wie es um die Nachhaltigkeit der Hochschulen selbst bestellt ist. Einen Übersichtsbeitrag dazu bringt die März-Ausgabe des CSR MAGAZIN. Hier veröffentlichen wir die Antworten der Hochschullehrenden im Volltext. Heute:

Was kann eine Hochschule zur Persönlichkeitsbildung ihrer Studierenden beitragen?

Prof. Harald Bolsinger (Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt): Dies geschieht optimaler Weise durch die Praktizierung von aktivem Handeln – das ist noch viel wichtiger als entsprechende Lippenbekenntnisse. Dazu sind gezielt Interaktionsräume in den Lehrsituationen zu schaffen, die wie selbstverständlich einen Kontext für Selbst- und Fremdreflexion der Studierenden eröffnen. Wir tun das bei uns in Würzburg auf vielfältige Art und Weise. In all unseren Studiengängen an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften arbeiten wir mit dem Konzept der praxisorientierten Projektlehre, in der Studierende die Konflikte und Herausforderungen des echten wirtschaftlichen Lebens kennenlernen und die Notwendigkeit, echte Verantwortung zu übernehmen. Durch gezielte Teamtrainings gepaart mit der professionellen Reflexion von Teamrollen, erfahren Studierende etwas über ihre eigenen Stärken und lernen Zusammenarbeit in Vielfalt zu bejahen. Hinzu kommt die Forcierung internationaler Vernetzung und die Förderung der Internationalisierung, um globale Verantwortung füreinander mit Bekanntschaften, Freundschaften und echten Menschen spürbar zu machen. Aktuell experimentieren wir im Bereich Service Learning, um ein massentaugliches Konzept für Studierende unserer Fakultät zu entwickeln, das Erfahrungsräume auch außerhalb der Hochschule selbst eröffnet und dann als Standard ins Studienprogramm aufgenommen werden kann. Im Bereich digitaler Lehre etablieren wir derzeit ein verpflichtendes Ethikprogramm, das die Selbst- und Fremdreflexion durch ein Blended Learning Konzept unterstützt. Neben der Lehrsituation, muss eine Hochschule bzw. Fakultät zum Thema Verantwortung mit gutem Beispiel vorangehen – ansonsten wird jeglicher Lehrinhalt zur Farce. Die Bereitschaft zur transparenten Kultur- und Werteentwicklung der Organisation zusammen mit den Studierenden innerhalb und außerhalb der relevanten Gremien ist dazu unabdingbar. Diese Verantwortung ist sozusagen die vornehmste Aufgabe zur Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung. Nur wenn Studierende am eigenen Leib erfahren haben, wie Verantwortung partizipativ organisiert werden kann, ist eine persönliche Umsetzung außerhalb des Systems Hochschule wahrscheinlich. Hochschulen stehen an der Spitze der freiheitlich demokratischen Entwicklung, sind deren Katalysator und haben zu deren Verwirklichung umfangreiche Privilegien. Diesen aus Art. 5 GG ableitbaren Auftrag gilt es für Studierende sichtbar und diskursethisch transparent zu leben. Dazu gehört Verantwortung im eigenen System gemeinsam zu thematisieren, zu diskutieren, wahrzunehmen, Fehlentwicklungen zuzugeben und gemeinsam an der Korrektur dieser zu arbeiten. Auch die Vernetzung durch Verantwortungspartnerschaften in der jeweiligen Region und darüber hinaus ist ein Baustein, der nicht fehlen darf. In wenigen Worten: Verantwortung gilt es im eigenen Bereich gemeinsam zu leben und die Übertragung dieser Erfahrungen in andere Kontexte zu professionalisieren.

Prof. Stefan Heinemann (FOM Hochschule): Das ist eine schwierige Frage. Deskriptiv sicher nicht wenig als akademische Sozialisationsinstanz, normativ ist es eine Frage des Selbstverständnisses. Meines Erachtens muss hier zwischen einer Selbstueberforderung vor allem der Lehrenden und einem zu kühlen Umgang im Methodenreinstraum eine gelingende Mitte gefunden werden.

Prof. Ulrich Holzbaur (Hochschule Aalen): Natürlich muss eine Hochschule im Sinne eines „whole institution approach“ auch das leben, was sie lehrt. Aber das wichtige ist die Lehre, da diese die Studierenden in der Breite erreichen sollte. Dabei ist eine erlebnisorientierte Lehre wirksamer als eine reine Vorlesung.

Zur Persönlichkeitsbildung tragen vor allem relevante Projekte bei. Dabei werden die Studierenden in erlebnisorientierten Formaten direkt mit den Themen CSR und Ethik konfrontiert. Das muss nicht immer ein dediziertes Projekt wie z.B. unsere „Menschliche Seite des Bergbaus“ zu Coltan-Abbau und Globalem Lernen sein. In Projekten und Planspielen tauchen Fragen der Ethik und Verantwortung immer wieder auf und dann müssen und können sie thematisiert werden.

Prof. Markus Huppenbauer (Universität Zürich): Wenn junge Menschen in die Hochschulen eintreten, ist ihre Persönlichkeitsbildung größtenteils abgeschlossen. Der Beitrag der Hochschulen kann demzufolge nicht darin bestehen, aus den Studierenden gute Menschen zu machen. Studierende der Wirtschaftsethik sollten an Hochschulen lernen, mit komplexen wirtschaftlichen Themen sachgemäß umzugehen, Vereinfachungen zu vermeiden und gut begründete Entscheide zu fällen. Aufgabe der Hochschulen ist es also, die reflexiven Kompetenzen der Studierenden zu verbessern. Wenn das Fach Wirtschaftsethik darüber hinaus dazu beiträgt, dass Studierende eine gewisse Sensibilität in Bezug auf moralische Problem in der Wirtschaft entwickeln, bin ich als Wirtschaftsethiker mehr als zufrieden.

Prof. Annette Kleinfeld (Hochschule Konstanz): Leider nicht mehr so viel wie früher, fürchte ich. Denn die zeitlichen Freiräume für hochschulexternes, soziale und ehrenamtliches Engagement sind seit der Bologna-Reform deutlich eingeschränkter. Das Studium als Zeit der Persönlichkeitsbildung und -entwicklung zu verstehen, wie zu meiner Zeit, verträgt sich mit dem systemimmanenten Run auf ECTS-Punkte nur bedingt und nur bei sehr begabten Studierenden. Umso wichtiger scheint es mir, dass wir innerhalb der Lehre mehr Gelegenheit dazu bieten – durch die Inhalte, aber auch durch entsprechend ausgerichtete Projekt- oder Hausarbeiten als Leistungsnachweise anstatt unzähliger Klausuren, die das sogenannte “Bulimie-Lernen” fördern, zur Persönlichkeitsbildung aber jenseits des Überdrusses am Auswendig-Lernen wenig beitragen.

Dr. Daniela Ortiz (FHWien der WKW): Wie bereits erwähnt, durch die Integration von ethischen und nachhaltigen Aspekten in jedem Fach des Curriculums. Auch durch die Förderung von studentischen Initiativen, wie z.B. Sneep, Oikos und dergleichen, in denen Studierende selbst Verantwortung übernehmen und z.B. Gastvorträge oder soziale Projekte organisieren.

Prof. Guido Palazzo (Universität Lausanne): Mit unseren Kursen versuchen wir die Studierenden zum kritischen Denken zu ermuntern, insbesondere in Bezug auf die ideologischen Glaubenssätze, die sie vielleicht in anderen Kursen hören über selbstregulierende Märkte, Homo Oeconomicus etc.

Prof. Stefan Schaltegger (Leuphana Universität Lüneburg): Beim MBA Sustainability Management haben wir neben Modulen, die auf den Auf- und Ausbau der Fachkompetenz zu Nachhaltigkeitsmanagement ausgerichtet sind, insbesondere auch sog. „Soft-skill“-Module, die der Stärkung der Persönlichkeit und der Handlungskompetenz dienen. Hier werden Themenbereiche behandelt wie Zeit- und Selbstmanagement, Teambuilding, Rhetorik, Präsentieren, Gestaltung komplexer interdisziplinärer Prozesse, Führung usw. Die Verbindung von Fach-, Handlungs- und Persönlichkeitskompetenzen werden in realen Workshopsituationen (Real Cases) in Unternehmen trainiert und reflektiert.

Prof. Markus Scholz (FHWien der WKW): Natürlich geht es auch darum, Studierenden die Mittel zu geben, gemäß den eigenen Wertvorstellungen zu handeln. Giving Voice to Values (GVV) ist so ein innovativer wirtschaftspädagogischer Ansatz zur Entwicklung von werteorientierten Führungsfähigkeiten. Das derzeitig von der Darden School of Business der University of Virginia geleitete Programm gilt als das führende didaktische Konzept im Bereich Ethical Leadership. Es wurde unter der Führung von Prof. Mary Gentile entworfen und ich wurde letztes Jahr zum europäischen Botschafter von GVV ernannt. An der FHWien der WKW wird dieser Ansatz insbesondere in Master-Studiengängen und im postgradualen Angebot eingesetzt. Auf der Grundlage von langjähriger praktischer Erfahrung und Forschung füllt GVV eine kritische Lücke in der Entwicklung von werteorientierten Management und Leadership

Prof. i.R. Jürgen Schwalbach (Humboldt-Universität Berlin): Für die Wirtschaftsethik sollte das “Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns” bzw. “Leitbild Ehrbarer Kaufleute” im Mittelpunkt stehen. Das Leitbild blickt auf eine Jahrtausende alte Tradition zurück, ist nach wie vor hoch aktuell und kann auf das heutige Verständnis einer verantwortungsvollen Unternehmensführung übertragen werden. Siehe dazu mein beigefügter Beitrag. Die Tatsache, dass das Leitbild jüngst Eingang in den deutschen Corporate Governance Kodex gefunden hat, belegt, dass das Leitbild Orientierung für verantwortungsvolles Management geben kann.

Prof. Andreas Suchanek (HHL Leipzig): Unsere Studierenden sind erwachsene Menschen mit einer 20- oder 25-jährigen Prägung, die sich nicht einfach über den Haufen werfen lässt. Wir können aber spezifische Kompetenzen stärken, etwa indem wir Tools vermitteln, die ein strukturiertes Denken über ethische Herausforderungen erleichtern. Das beeinflusst das Mindset und ist damit ein kleiner Teil Persönlichkeitsbildung.

Und wir können – etwa in unseren internationalen Klassen – eine Atmosphäre schaffen, die Raum für Beteiligung der Studierenden bietet. Wenn unsere Studierenden aus Russland oder Indien von ihren Erfahrungen berichten, erzeugt das häufig Betroffenheit.

Persönlichkeitsbildung geschieht zudem stark über die Vorbildfunktion, und da muss ich mir als Lehrender meiner Verantwortung bewusst sein.

Dr. Bernd Wagner (Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf): Einerseits über die Lehrformen, die stark fallbezogen und mit eigenen Herausforderungen zur Lösungsorientierung arbeiten und so zur Selbstreflexion und praktisch-differenziertem Kompetenzen anleiten sollten; dann wohl auch über Thematisierung und Reflexion individueller Bezüge (Verantwortung, Integrität, Tugenden…) und Formaten wie Service Learning (auch wenn ich selbst diese Form noch nicht in Seminaren erprobt habe); nicht zuletzt: Eine Hochschule (ink. Dozent/in) sollte Vorbild sein und neben / über die Lehre hinaus für diese Themen stehen und Studierenden entsprechende Beteiligungs- und Entwicklungsmöglichkeiten geben.

Prof. Jürgen Weibler (Universität Hagen): Die Ausgangsfrage ist: Wollen die Studierenden verantwortungsbewusst handeln – oder muss Ethik und Moral erst noch gelehrt werden? Richtig ist in der Regel: Studierende wollen verantwortungsbewusst handeln. Studien zeigen hinreichend, dass prosoziales Verhalten, ein Gefühl für Gerechtigkeit und sogar die Bereitschaft, egoistisches Verhalten Dritter (mit möglichen Nachteilen für die eigene Person) zu sanktionieren, evolutionär mitgegeben ist. Es käme darauf an, dies und die Gründe dafür, zu verdeutlichen sowie aufzuzeigen, wie und wodurch diese prinzipielle Sensibilität für ein ethisches Verhalten im Alltag herausgefordert wird. Dass dann die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung von ihrer gegenwärtigen Herangehensweise mit wenigen Ausnahmen überstark Wettbewerb, Konkurrenz und Opportunismus nicht nur als analytisches, sondern auch normatives Modell von Beziehungen gegenüber Dritten pflegt, diese Logik gar auch auf ursprünglich nicht wirtschaftliche Fragen mindestens implizit empfiehlt, anzuwenden, schafft teilweise erst die Probleme, die durch eine wirtschaftsethische Ausbildung angegangen werden sollen. Generell kommt es darauf an, so genannte Selbstverständlichkeiten der Standardlehre hinsichtlich ihrer Vorfestlegungen, deren Hintergründe und Bedeutungen, und die damit einhergehenden Folgen herauszuarbeiten. Diese wäre eine notwendige theoretische Aufklärungsarbeit mit dem Ziel der Herausbildung eines eigenen Urteilvermögens. Zur praktischen Persönlichkeitsbildung gehört aus wirtschaftsethischer Sicht zwingend anzuerkennen, dass die Bereitschaft, dem eigenen Gewissen nach Beurteilung der Lage zu folgen, realiter wohl nicht immer belohnt wird. Aber warum sollte man auch sonst Ethik in einem Studium der Wirtschaftswissenschaften lehren?

Prof. Josef Wieland (Zeppelin Universität Friedrichshafen): Unsere Leadership-Ausbildung zielt stark auf den Charakter. Dazu gehört ein Blockseminar – eine Woche in einer abgeschiedenen Gegend Dort geht es um Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der „liberal arts“-Tradition – also selbstverantwortlich und gesellschaftlich verantwortlich. Es geht um Charakterbildung plus Professionalität.

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