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Mein Chef und Vermieter

Nonnendamm-Nord, Berlin Siemensstadt © Alexrk2, CC BY-SA 3.0

Stadtteilnamen wie Siemensstadt in Berlin, Siemenssiedlung in München oder Bahnsiedlung in Duisburg und Frankfurt weisen noch darauf hin: Dass Unternehmen für ihre Mitarbeiter Wohnungen bauen, war früher gang und gäbe.

Von Florian Müller

Frankfurt am Main (afp) > Diese Zeiten sind vermeintlich vorbei. Siemens und die Bahn haben sich in den vergangenen Jahrzehnten wie viele Unternehmen von ihren Wohnanlagen getrennt. Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Die Stadtwerke München und Köln, die Dax-Konzerne BASF und Bosch und auch das Legoland stellen in großem Stil Wohnraum für ihre Angestellten bereit – und sie bauen wieder. “In einzelnen Gebieten ist das durchaus ein Trend”, erklärt Simon Wieland vom Beratungsunternehmen RegioKontext, der das Thema für sich entdeckt hat. Wieland und seine Kollegen beraten Kommunen mit angespannten Immobilienmärkten dabei, wie sie zusätzlichen Wohnraum erschließen können.

Zu Spitzenzeiten in den 70er Jahren gab es in Deutschland laut Wieland bis zu 450.000 Werkswohnungen. “An die Zahl werden wir nicht mehr rankommen”, sagt er. Viele Unternehmen hätten ihre Bestände verkauft, um sich auf das Kerngeschäft konzentrieren zu können. Das habe betriebswirtschaftlich durchaus Sinn gemacht, sagt etwa ein Sprecher des Klinikkonzerns Asklepios. Dieser hat im Zuge der Privatisierung von Krankenhäusern meist nur die Kerngebäude, nicht aber die Pflegerwohnheime übernommen. Diese haben die Kommunen gewinnbringend an Investoren weiterverkauft. Heute stellt den Konzern genau das vor Probleme.

Denn während die Löhne im Pflegebereich branchenweit niedrig sind, steigen die Mieten in den Ballungsgebieten kräftig. Wer da bei den Löhnen nicht mitziehen kann oder will – wie Asklepios – der hat Probleme, an die begehrten Fachkräfte zu kommen. Da können günstige eigene Wohnungen durchaus ein Argument im Werben um Mitarbeiter sein. So bietet Asklepios etwa auf der Touristeninsel Sylt 100 Wohnungen für Mitarbeiter. Allerdings merkt der Konzern dort auch, dass es in angespannten Immobilienmärkten gar nicht so leicht ist, an neue Grundstücke und Baugenehmigungen zu kommen. Asklepios diskutiert mit der Inselverwaltung seit langer Zeit über den Bau weiterer Wohnungen, die endgültige Genehmigung steht aber noch aus. Die örtlichen Politiker knüpfen daran nämlich Bedingungen für die Gesundheitsversorgung, gegen die sich Asklepios sträubt. Es geht allerdings auch einfacher, sagt Wieland, und verweist etwa auf die Stadtwerke München. Diese bebauen eigene Flächen ganz im Sinne der Stadt. “Das Mitarbeiterwohnen kann mitunter Flächen des Unternehmens aktivieren, mit denen die Gemeinde vorher nicht gerechnet hat”, erklärt Wieland.

Doch selbst wenn Chefs motiviert sind, ihren Mitarbeitern neben dem Arbeitsplatz auch einen Schlafplatz zu stellen, kann das Probleme geben. “Wohnt ein Mitarbeiter kostenlos, ist das ein geldwerter Vorteil, auf den Einkommensteuer bezahlt werden muss”, sagt Wieland. “Viele Unternehmen schrecken da vor dem Verwaltungsaufwand zurück.” Bisher zeigten sich die Finanzämter da aber kulant. Um dennoch Probleme zu vermeiden, vermieten viele Unternehmen auf dem Niveau des örtlichen Mietspiegels, der wegen der Altverträge oft deutlich niedriger ist als aktuell angebotene Wohnungen. “Wenn die Mieten in den Städten aber so weiter steigen wie bisher, werden auch die Vergleichsmieten steigen”, warnt Wieland.

Regeln müssen die Unternehmen laut dem Experten auch die Frage, wie sehr der Schlafplatz an den Arbeitsplatz gekoppelt ist. Denn selten ist es so wie früher, dass ein Arbeitnehmer sein ganzes Berufsleben bei einer Firma verbringt. Einige Unternehmen haben demnach eine Frist, bis zu der scheidende Mitarbeiter ausziehen müssen. Andere lassen die Ex-Mitarbeiter weiter bei sich wohnen, verlangen aber einen höheren Preis. “Viele Unternehmen zeigen sich dabei kulant”, sagt Wieland.

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