CSR_NEWS Management Titelmeldung

Ethischer Wandel tut not

© kaleen/CCO

Nachhaltigkeitsberichte präsentieren die unternehmerische Verantwortung gegenüber der Umwelt und Gesellschaft und werden in zahlreichen Varianten als vorbildliches Kommunikationsmittel genutzt. Neu sind sie jedoch nicht mehr. Viele Unternehmen hangeln sich an teils standardisierten Fragen entlang, um ihr Wirken für die Gesellschaft transparenter zu machen. Die Gemeinwohlbilanz hingegen geht nicht nur einige Schritte weiter, sondern bohrt auch in der Tiefe nach – und genau dort kann es auch schon mal wehtun. In der Gemeinwohlbilanz wird der Unternehmenserfolg nicht monetär gemessen, sondern als Beitrag zum Gemeinwohl. Diesen Weg ist auch die B.A.U.M. Consult GmbH aus Hamm gegangen. Hanna Yabrbroudi mit einer Analyse der Bilanz und den gemachten Erfahrungen auf dem Weg dorthin.

Von Hanna Yabroudi

 Diagnose: Ethischer Wandel tut not

Auch Papst Franziskus setzt sich vehement für einen ethischen Wandel unserer Wirtschaft und Gesellschaft ein und fordert eine stärkere Gemeinwohlorientierung, um die gravierenden sozialen Ungerechtigkeiten und die ökologische Ausbeutung unseres Planeten zu stoppen und spitzt dies in seiner Aussage „Diese Wirtschaft tötet“ zu. Damit spricht er einer wachsenden Anzahl von Menschen aus der Seele. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010 im Angesicht der Finanzkrise wünschen sich 88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der ÖsterreicherInnen eine „neue Wirtschaftsordnung“. Und auch der Club of Rome empfiehlt in seinem aktuellen Bericht alternative Wirtschaftsformen: Er identifiziert das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie als zentrale Säule zur Zukunftsfähigkeit.

Der gesamte Beitrag als PDF zum Download.

Nachhaltiges Handeln kann im Angesicht der ökologischen und sozialen Herausforderungen keine Option unter vielen sein. Der verantwortungsvolle Umgang mit Mensch und Natur ist längst in vielen europäischen Verfassungen verankert, die Mehrung des Gemeinwohls soll demnach das oberste Ziel des Wirtschaftens sein. Diesen Kerngedanken in der Wirtschaft zu verankern und zur Handlungsmaxime zu erheben, ist das Anliegen der seit 2010 bestehenden und von globalisierungskritischen österreichischen Unternehmern sowie dem Autor Christian Felber initiierten Gemeinwohl-Ökonomiebewegung.

Rezept für Zukunftsfähigkeit: Die Gemeinwohlbilanz

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine alternative Wirtschaftsordnung, die sich an 20 Grundbausteinen orientiert. Diese 20 Bausteine werden in der Gemeinwohl-Matrix, einem Modell zur Organisationsentwicklung und Bewertung der unternehmerischen Gemeinwohlorientierung, zusammengefasst. Die Matrix bildet das Herzstück der Gemeinwohlbilanz. In der Matrix werden europäische Grundwerte wie Menschenwürde, Solidarität & Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz & Mitbestimmung mit den klassischen Berührungsgruppen von Organisationen wie Lieferanten, Eigentümer, Finanzpartner, Mitarbeitenden, Kunden & Mitunternehmen sowie dem gesellschaftlichen Umfeld verschränkt.

Der Erstellungsprozess setzt auf intensive Mitarbeiterpartizipation und ein hohes Maß an Transparenz gegenüber den Berührungsgruppen. Das Matrix-Gebilde ist nicht statisch, sondern kann und wird in demokratischen Prozessen von interessierten Akteuren in Zivilgesellschaft und Wirtschaft kontinuierlich weiterentwickelt.

Eine Gemeinwohlbilanz kann von Unternehmen jeglicher Größe und Branche erstellt werden. Im ersten Schritt setzen sich Unternehmen in einem Gemeinwohl-Bericht mit allen 20 Themen systematisch, intensiv und kritisch auseinander und bewerten sich selbst. Pro Thema können maximal 50 Gemeinwohlpunkte erreicht werden. Das ergibt in der Summe maximal 1.000 Punkte. Gemeinwohlschädigendes Handeln wird mit Negativpunkten quittiert (z.B. für die Verhinderung eines Betriebsrates, Menschenrechtsverletzungen oder Steuerflucht) – bis zu -3.600 Negativpunkte können vergeben werden. Die Zahl 0 stellt die Basislinie dar und repräsentiert marktübliches Verhalten, also rechtskonformes Handeln. Erreicht ein Betrieb mehr als diese null Punkte, kann von einer gemeinwohlorientierten Organisation gesprochen werden. Die Bandbreite ist hier natürlich entsprechend hoch.


Umfrage zur Gemeinwohlökonomie auf Facebook.


Diese Eigenbewertung wird in jedem Fall von externen GWÖ-Auditoren qualitativ geprüft und damit objektiviert. Die Matrix bildet am Ende des Bilanzierungsprozesses die leicht verständliche Gesamtbewertung des Berichts/Unternehmens ab und macht für die jeweiligen Berührungsgruppen das Engagement des Unternehmens auf einen Blick sichtbar. Dieses Fazit ermöglicht so auch die Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen und schafft damit eine belastbare Grundlage für gezieltes Benchmarking im Nachhaltigkeitsbereich.

Der Standard ist anwendbar für alle Branchen und Unternehmensgrößen. Bei der Bewertung wird entsprechend gewichtet. Ein detailliertes und gut verständliches Arbeitsbuch erleichtert anhand von Leitfragen und Bewertungsstufen die erste Selbsteinschätzung. Mehr als 2000 Unternehmen unterstützen die GWÖ. Rund 400 davon sind Mitglied oder haben bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

Wege zur Gemeinwohlbilanz.

Einblick in die DNA von Unternehmen

Mit der Gemeinwohlbilanz lässt sich eine ehrliche und selbstkritische Bestandsaufnahme vornehmen: Welche ökologischen und sozialen Auswirkungen haben das unternehmerische Handeln konkret? Die Bilanz bietet im Vergleich zu den herkömmlichen Nachhaltigkeitsberichtsstandards am Markt einen „ungeschönten“ Einblick in die DNA der berichtenden Organisation. So wird unter der Prämisse des Gemeinwohls beispielsweise auch nach dem Sinn und der gesellschaftlichen Wirkung der angebotenen Produkte & Dienstleistungen gefragt. Trägt das jeweilige Geschäftsmodell zum Gemeinwohl bei oder schädigt es dieses sogar? Alle Matrixthemen werden gleichrangig behandelt und berichtet. Belohnt wird ein ethischer Umgang mit den Berührungsgruppen, denn kooperatives Verhalten, „gelingende Beziehungen“ sollen im Modell der GWÖ das vorherrschende Konkurrenzdogma in der Wirtschaft ersetzen.

Wertvoller Beitrag zur Organisationsentwicklung

Der hohe Anspruch des Standards bringt weitere Vorteile mit sich: Der 360-Grad-Blick auf die unternehmenseigenen Kernwerte, Prozesse und Strukturen birgt großes Potential für die Organisationsentwicklung. Viele Unternehmen profitieren von der „Innenschau“, indem eine Werteorientierung wieder stärker vergegenwärtigt, in den Fokus gerückt und mit Leben gefüllt  wird. Die Mitarbeiterbindung kann damit gestärkt und die Suche nach qualifiziertem Personal erleichtert werden. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ein nicht unerhebliches Argument. Zudem ermöglicht die Veröffentlichung der Gemeinwohlbilanz heute noch eine Positionierung als Vorreiter im Nachhaltigkeitskosmos.

Wie andere Standards auch, stößt die Gemeinwohlbilanz einen kontinuierlichen Veränderungsprozess an. Selbst nachhaltig orientierte Unternehmen werden feststellen, dass noch Luft nach oben besteht. Unternehmen wie VAUDE oder die Sparda Bank München nehmen diese Herausforderung an und wachsen an ihr. Und nicht zuletzt tragen sie durch ihr aktives Handeln zu einer globalen Entlastung von Umwelt & Klima, zu mehr Gerechtigkeit, zu regionaler Wertschöpfung und sinnvollen, langlebigeren Produkten bei.

Die Gemeinwohl-Matrix ist die Basis für die Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts.

Erfahrungsbericht: B.A.U.M. Consult und seine Gemeinwohlbilanz

Das Geschäftsmodell von B.A.U.M. Consult GmbH in Hamm fußt auf dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung und findet dementsprechend auch im Unternehmensleitbild seinen Niederschlag. Gelingende menschliche Beziehungen stehen im Fokus des unternehmerischen Handelns. Damit decken sich die Unternehmenswerte mit den Ansprüchen der Gemeinwohl-Ökonomie. Die Erstellung einer Gemeinwohlbilanz ist daher eine logische Konsequenz der täglichen Arbeit, der Werte und Überzeugungen der B.A.U.M. Consult. Zudem will B.A.U.M. den hohen Anspruch einer Gemeinwohlbilanz authentisch an seine Kunden weitergeben und hat sich unter anderem deshalb dazu entschlossen, den Erstellungsprozess einer GWÖ-Bilanz selbst zu durchlaufen.

Seit 2016 offizieller Schulungspartner des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), hat B.A.U.M. Consult im zweiten Quartal 2017 die DNK-Entsprechenserklärung für das Berichtsjahr 2016 veröffentlicht. Dieser Bericht bildet ein gutes Fundament für die erste eigene Gemeinwohlbilanz für das Jahr 2016.

Der GWÖ-Berichterstellungsprozess hat offenbart, dass selbst nachhaltig ausgerichtete Unternehmen wie B.A.U.M. Consult großes Entwicklungspotenzial auf dem Weg hin zu einem Gemeinwohl-Unternehmen aufweisen – und dies oftmals in überraschenden Bereichen. Wie sehr die intensive Beschäftigung damit auch den durchaus schon geschulten Blick ändert und nochmals nachhaltig schärft, konnten die Mitarbeiter in der etwa acht Monate dauernden Berichtserstellung erleben.

Der Prozess begann im Rahmen der Weiterbildung der B.A.U.M.-Mitarbeiterin Hanna Yabroudi zur Gemeinwohlberaterin. Die Erstellung einer Gemeinwohlbilanz ist eine wesentliche Voraussetzung zur Erlangung des Beraterscheins. Eine Peergroup von weiteren in Ausbildung befindlichen Beratern unterstützt duch intensivem Austausch den Prozess.

Zunächst wurde das Konzept der Gemeinwohlbilanz im Team vorgestellt. In der Folge fanden mehrere interne Arbeitstreffen und Meetings zwecks Kommunikation des Zwischenstands und gemeinsamer Bewertung statt:

  • Kick-Off: Vorstellung der GWÖ und ihrer Ziele
  • Auswertung von Selbsttests zur groben Ersteinschätzung des Gemeinwohlstatus durch alle Mitarbeitenden
  • Regelmäßiges Reporting zum Status Quo in Teambesprechungen
  • Mitarbeiterworkshop zur Bewertung der einzelnen Aspekte
  • Datenabfragen bei den Mitarbeitenden

Das anwenderfreundliche Arbeitsbuch mit präzisen Berichtsfragen und verpflichtenden Indikatoren (Kennzahlen) diente als Leitfaden. Entsprechend der vorgegebenen Struktur begann die Arbeit mit der sukzessiven Betrachtung der einzelnen Berührungsgruppen. Die erste Herausforderung bestand in der Datenerhebung. Trotz der umfangreichen Datensammlung für die vorab erstellte DNK-Entsprechenserklärung mussten etliche zusätzliche Daten erhoben werden. An dieser Stelle ist der deutlich höhere Anspruch der GWÖ offensichtlich geworden.

Berührungsgruppe: Lieferanten

Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der ersten Berührungsgruppe „Lieferanten“ ist die Erhebung des Gesamtbeschaffungsvolumens sowie die prozentuale Darstellung der Sachaufwendungen – nach den für Unternehmensberatungen relevanten Bereichen wie Mobilität, EDV, Miete, Energie etc. geclustert. Zusätzlich werden die wichtigsten Lieferanten angegeben. Auf dieser Basis können wesentliche Beschaffungsbereiche identifiziert und auf Entwicklungspotentiale untersucht werden.

Sehr intensiv ist bei der GWÖ die Auseinandersetzung mit den Lieferanten selbst:  Hier wird explizit nachgefragt und – soweit möglich – Recherchen zum Nachhaltigkeitsstatus von Lieferanten und deren Sublieferanten gefordert.  Daran wird deutlich, dass an etlichen Stellen in der Wertschöpfungskette Lieferantenbeauftragt werden, z.B. im Versicherungssektor, die wenig sozial oder ökologisch verträglich handeln. Dann gilt es, zunächst mit den Lieferanten in den Dialog zu treten oder nach Alternativen zu suchen.

Über die Einbindung von Stakeholdern in der Nachhaltigkeitsberichterstattung hinaus wird die Frage der konkreten Mitentscheidung der Berührungsgruppen in der GWÖ stärker hinterfragt. In der Gemeinwohlbilanz wird beispielsweise offengelegt, ob bestimmte Gruppen rechtzeitig und ernsthaft in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Berührungsgruppe: „Eigentümer & Finanzpartner“

Auf Ebene dieser Berührungsgruppe gilt es das Finanzmanagement nach möglichst ethischen Gesichtspunkten zu organisieren und durch ausreichende Eigenmittel für ökonomische Resilienz zu sorgen. Ein hoher Eigenkapitalanteil der B.A.U.M. Consult führt hier zu einer entsprechend höheren Bewertung.

Berührungsgruppe: Mitarbeitende

Gute Bewertungen erlangt die B.A.U.M. Consult auf Ebene der Mitarbeitenden: Seit jeher wird eine Unternehmenskultur gelebt, die sich stark an den Mitarbeitenden orientiert. Mitbestimmungsmöglichkeiten, Gesundheitsförderung, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie das Fördern eines selbstorganisierten und eigenverantwortlichen Arbeitens prägen den Arbeitsalltag. Die Berechnung der innerbetrieblichen Gehaltsspreizung von 1:4 unterstreicht ebenfalls das gemeinwohlorientierte Handeln. Ausbaufähig sind die Arbeitslastverteilung, das Fördern des ökologischen Verhaltens der Mitarbeitenden (z.B. durch gesunde Snacks in Besprechungen) und vor allem die innerbetriebliche Transparenz hinsichtlich kritischer Daten oder der Legitimierung der Führungskräfte. Fragen hierzu führen zu Reflexionen bezüglich mehr Mitbestimmung, z.B. durch Mechanismen wie Führungskräfte-Feedback o.ä. Die damit verbundenen internen Diskussionen sind wertvolle Beiträge zur Stärkung der Mitarbeiterbindung und-partizipation.

Berührungsgruppe: Kunden & Mitunternehmen

Aufschlussreich ist auch der Blick auf den Umgang mit Kunden: Wirbt das Unternehmen ethisch um Neukunden, z.B. durch Verzicht auf unlautere Werbung? Steht der Kundennutzen vor dem Umsatzstreben? Stehen Mitarbeitende unter Erfolgsdruck bzw. werden umsatzabhängig bezahlt? Ist die Kommunikation mit den Kunden barrierefrei? Fazit für die B.A.U.M. Consult: Ein ethischer und barrierefreier Umgang mit Kunden wird an vielen Stellen gepflegt wie z.B. durch Preisstaffeln für benachteiligte Kundenkreise, ein überschaubares Werbebudget und informative Werbung, allerdings noch nicht systematisch. Die Erstellung einer Ethikrichtlinie soll hier in Zukunft Handlungsoptionen aufzeigen.

Besondere Stärken weist die B.A.U.M. Consult nachweislich bei der Frage von Kooperation & Solidarität mit Mitunternehmen auf. Kooperation wird seit Gründung der einzelnen B.A.U.M. Consult-Gesellschaften großgeschrieben: Die Standorte arbeiten eng zusammen, entwickeln gemeinsame regionale und überregionale Projekte, tauschen regelmäßig Wissen aus und führen Kundenaufträge in Kooperation durch. In vielen Verbundprojekten wird intensiv mit Marktbegleitern kooperiert.

Neben Stärken werden in einer Gemeinwohlbilanz insbesondere auch die Verbesserungsansätze deutlich. So punktet die B.A.U.M. Consult durch seine Geschäftstätigkeit im Bereich Umweltberatung zwar mit Angeboten zur Reduzierung negativer ökologischer Auswirkungen. Schwerpunktmäßig geschieht dies allerdings vorrangig auf Ebene der Effizienz und Konsistenz. Die von der Gemeinwohl-Ökonomie propagierte Suffizienzförderung hingegen ist noch unterrepräsentiert.

Berührungsgruppe: Gesellschaftliches Umfeld

Ein Alleinstellungsmerkmal der Gemeinwohlbilanz ist vor allem die Frage nach dem Sinn und der gesellschaftlichen Wirkung der angebotenen Produkte & Dienstleistungen eines Unternehmens. Dieser Aspekt berührt das Geschäftsmodell und ist daher entsprechend hoch zu werten. Gefragt wird, ob das Unternehmen zum guten Leben aller beiträgt, den Grundbedarf möglichst vieler Menschen deckt und ökologische, soziale und gesundheitliche Risiken vermeidet. Die Bewertung des Nutzens erfolgt anhand der UN-Entwicklungsziele und definierter Grundbedürfnisse nach Max-Neef und Rosenberg.

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Wirkung weist B.A.U.M. Consult sehr konkret nach, inwiefern und wie viele Menschen direkt oder indirekt von den Nachhaltigkeitsberatungen profitieren. Ein nicht unwesentlicher Aufwand, der jedoch die spannende Erkenntnis bringt, dass mit 29 Aktivitäten und Maßnahmen direkt 370 Menschen (als Projektteilnehmer) und indirekt (Unternehmensbeschäftigte & Bürger) geschätzte 76.500 Menschen erreicht werden konnten.

Unter dieses Kapitel fällt auch die Bewertung des freiwilligen Beitrags zur Stärkung des Gemeinwesens, zum Beispiel durch Spenden oder Mitarbeiterengagement. Intern soll geprüft werden, ob das Corporate Citizenship-Modell zur Förderung des gesellschaftlichen Engagements der Mitarbeitenden geeignet ist.

Im Themenfeld „Reduzierung ökologischer Auswirkungen“ punktet B.A.U.M. Consult bei der Datenerhebung für die Umweltkonten. Interessant: Für Unternehmen mit wesentlichen Umweltauswirkungen in den Standardwirkungskategorien CO2-Äquivalent der ausgestoßenen Gase oder Feinstaub werden für die Bewertung der gefährlichsten Umweltbelastungen zusätzlich Wertungspunkte vergeben.

Die B.A.U.M.-Erkenntnisse

Die Gemeinwohlbilanz bohrt auch in der Tiefe nach und genau dort kann es auch schon mal wehtun. Die intensive Beschäftigung mit neuen oder ganz anders gestellten Fragen regt zum Nachdenken an und stößt wirkliche Veränderungen an. Die entstandenen Diskussionen haben zu neuen Einsichten geführt, die den Blick erheblich weiten und das Prinzip der GWÖ verstehen lassen: In der Gemeinwohlbilanz wird der Unternehmenserfolg nicht monetär gemessen, sondern als Beitrag zum Gemeinwohl. Der Erstellungsprozess eines Gemeinwohlberichtes setzt auf intensive Mitarbeiterpartizipation und ein hohes Maß an Transparenz gegenüber den Berührungsgruppen.

An mancher Stelle mag der Prozess mühsam oder langwierig erscheinen – durch die kontinuierliche Organisationsentwicklung und gemeinwohlorientierte Innovationsimpulse können Unternehmen jedoch eine ganz neue Flughöhe in Sachen Berichterstattung erzielen und sich als Pionier positionieren.


Hanna Yabroudi ist angehende Gemeinwohlberaterin und Consultant bei B.A.U.M. Consult GmbH Hamm,
h.yabroudi_at_baumgroup.de,
Tel. 02381-30721-188


 

Zum Thema:

Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber (überarbeitete Auflage)
Erschienen am 01.03.2018
256 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31236-3

Gemeinwohl-Ökonomie im Vergleich unternehmerischer Nachhaltigkeitsstrategien (GIVUN)
Ergebnisse des Forschungsprojekts

 

 

Kommentar

  • Wir stimmen bei der Problemanalyse überein, prima. Ich vermute, auch beim Bezug auf die ethischen Begründungen? Die Intention der GWÖ, die Unternehmenspraktiken in den öffentlichen Diskurs zu bringen, empfinde ich auch als einen der wichtigsten Beiträge. Ich hoffe auf den demokratisch inspirierten Diskurs über die Frage, welche Unternehmenspraktiken sich unsere Gesellschaft leisten will – und welche nicht. Meine Frage an Sie wäre: stimmen wir auch im Ziel überein, die Entscheidungen und Strategien in Unternehmen mit demokratischen Prinzipien anzureichern?
    Dazu macht die GWÖ einige meines Erachtens diskussionswürdige Vorschläge.
    Die Verstaatlichung strebt die GWÖ allerdings nicht an. Christian Felber schreibt auch im o.g. Buch auf Seite 99/100: “Staatseigentum, das von Regierungen verwaltet wird, löst bei vielen Menschen zu Recht Unbehaben aus”. Das steht auch wortgleich in der Ausgabe von 2010. Die drei Bedenken, die Sie äussern, halte ich auch für stichhaltig. Ich finde diese Passagen von Christian Felber im o.g. Buch bedenkenswert: “Besser wäre ein von der Regierung unabhängiges Organ der Gesellschaft, das die Unternehmen mitlenkt. Denkbar wäre ein regionales Wirtschaftsparlament, das als Vertretung des Souveräns fungiert und in allen Großunternehmen einer Region im Aufsichtsrat sitzt.” S. 100 Dazu gibt es sicherlich noch einiges zu diskutieren und zu überlegen. Eine weitere Idee ist, die Stakeholder-Dialoge, die einige Großunternehmen durchführen, verbindlich mit Biss und Entscheidungskompetenz auszustatten, z.B. zu Fragen der Lieferkette, Erneuerbare Energien, Emissionen, Abfall sprich alles, was Commons betrifft. Ich verstehe die GWÖ so, dass sie Vorschläge macht und einen öffentlichen, demokratischen Dialog zu diesen Fragen anregt. Wäre das ein Thema für eine künftige Ausgabe der CSR News?

  • Achim Halfmann hat die Gemeinwohl-Ökonomie vor Jahren als ‘Soft-Sozialismus’ bezeichnet und ich hatte den Eindruck, er meinte das nicht anerkennend. Daher freut mich jetzt diese kompetente und gut nachvollziehbare Erläuterung der GWÖ. Bei vielen Betrachtern kommt die Assoziation zu Sozialismus auf, weil in der ganzheitlichen Betrachtung des Unternehmens tatsächlich das Nachdenken über die gesellschaftlichen Wirkungen auftaucht. Dieses Element des Sozialismus wird aufgegriffen und verbunden mit der unternehmerischen Freiheit, umsichtig und zukunftsorientiert zu handeln. Insofern tatsächlich ‘soft’ und ‘sozialistisch’. Sehr sympathisch und verantwortungsvoll. So wird die Prosperität des Unternehmens mit der Prosperität der Gesellschaft verbunden. Klasse!

    • Tatsächlich stehe ich Elementen der Gemeinwohl-Ökonomie kritisch gegenüber. Dies bezieht sich auf Überlegungen, wie sie Christian Felber formuliert: “Bei Großunternehmen gehen ab einer bestimmten Größe (zum Beispiel 250 Beschäftigte) Stimmrechte und Eigentum teil- und schrittweise an die Beschäftigten und die Allgemeinheit über.” (https://www.christian-felber.at/schaetze/gemeinwohl.pdf, Zugriff 17.9.18) Hier fehlt mir zum einen die ethische Begründung für diese schrittweise Enteignung. Und zum zweiten bin ich nicht davon überzeugt, dass die Allgemeinheit der bessere Unternehmer ist.

      • Hier erstmal einige Gedanken von meiner Seite. Mehr findet sich im Buch von Christian Felber.
        Ich finde es nützlich, bei der Eigentumsfrage die systemische Perspektive und die des Unternehmens zu unterscheiden.
        In systemischer Perspektive wird sichtbar, dass 80 % der Bürger kein Eigentum haben. 1 % der Menschen besitzen 80 % der Vermögen. Diese Konzentration in der Wirtschaft wird in Konzentration politischer Macht überführt und bedroht die demokratischen Rechte. Mit-Eigentum in der Hand von Mitarbeitern soll diese Verletzung des Prinzips der sozialen Gerechtigkeit ausgleichen. Das ist die erste ethische Ableitung.
        Die zweite ethische Ableitung: In gesamtwirtschaftlich-systemischer Perspektive wird deutlich, dass Unternehmen, die im ausschliesslichen Interesse der Eigentümer handeln, ihre Entscheidungen auf das Finanzielle konzentrieren und reduzieren. Gesellschaftliche und natürliche Belange werden bei Entscheidungen nur untergeordnet berücksichtigt und vielfach beschädigt (Ethische Werte: Menschenwürde und ökologische Nachhaltigkeit). Die Gesellschaft braucht eine Wirtschaft, die schon im Entscheidungsprozess der Unternehmen die Lebensbedürfnisse aller Menschen und der Natur angemessen berücksichtigt. Das ist bei Unternehmen mit 250 MA keine große Sache und kann in kleinen Lernschritten stattfinden, aber bei Unternehmen wie Google oder Bayer ist klar, dass die gesellschaftlichen Belange in den Aufsichtsrat und in die Vorstandsentscheidung hinein müssten. Da müssten die Lernschritte beherzter sein.
        Auf der zweiten, der Unternehmensebene gedacht, ist die Steuerung eines Unternehmens unter Berücksichtigung der Expertise von Lieferant*innen, Kund*innen und der organisierten Zivilgesellschaft in vieler Hinsicht ein Vorteil und wird auch heute schon von vielen Unternehmen praktiziert (Betriebsräte, Kundenfocusgruppen, Umwelt-Beiräte), aber ist noch der Profitmaximierung untergeordnet. Bei Aktiengesellschaft sind die kurzfristigen Aktienbesitzer bekanntermaßen nicht die besten Stewards des Unternehmens. Es ist im Interesse des Unternehmens, die Expertise der Partner in der Wertschöpfungskette – inkl. von Repräsentat*innen der Natur – in Entscheidungen gelten zu lassen. Bei Unternehmen mit Gemeinwohl-Bilanz findet das schon statt.
        Das sind alternative Vorschläge für wünschenswerte Veränderungen, die im Kontext einer menschengerechteren Transformation unseres Wirtschaftssystems gelernt, geprobt und mit Feedback-loops verfeinert werden müssen. Dass unser derzeitiges Wirtschafts-System und die Unternehmenssteuerung grundsätzlich überprüft und reformiert werden ist ein ziemlich verbreiteter Konsens.
        Die Gemeinwohlsökonomie bringt dazu ihren Beitrag ein und schlägt vor, das Verhalten der Unternehmen und Ziele der Wirtschaft kompatibel mit den Werten der demokratischen Verfassungen zu gestalten.

        • In Bezug auf die Problemanalyse stimme ich Ihnen vollkommen zu. Ich denke aber, dass der von der Gemeinwohlökonomie vorgeschlagene Weg der Überführung des Eigentums an Großunternehmen auf die Allgemeinheit (“Verstaatlichung”) nicht der richtige Weg ist:

          So wichtig etwa die Mitarbeiterperspektive bei Unternehmensentscheidungen ist: In einer fluiden und globalisierten wirtschaftlichen Situation müssen auch Entscheidungen möglich sein, die den Interessen vieler Mitarbeiter entgegenlaufen – um den Bestand eines Unternehmens als Ganzes zu sichern.

          Und wer sagt denn, dass sich in Zeiten nationaler Egoismen eine Gesellschaft dafür entscheidet, die Interessen von weit entfernt lebenden Bevölkerungen und deren Umwelt zu wahren? Oder tatsächlich kurzfristige den langfristigen Interessen unterzuordnen?

          Historisch hat sich die Bundesrepublik als Konzerneigner nicht bewährt (Stichworte: Post, Bahn). Und auch in den wenigen verbliebenen sozialistischen Staaten läuft das Konzernmanagement nicht gerade vorbildlich …

          Sehr begrüßenswert finde ich den Ansatz der Gemeinwohlökonomie, über eine stark differenzierte Gemeinwohlbilanz den Beitrag eines Unternehmens für die Allgemeinheit in den öffentlichen Diskurs zu stellen! In solchen Diskursen sehe ich einen gangbaren Weg. Diese sollten wir stärken – und damit auch die demokratische Basis für die dringend notwendigen gesetzlichen Rahmungen wirtschaftlichen Handelns.

Hinterlassen Sie einen Kommentar