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Alarmierende Quintessenz

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Es wurde als großer Wurf im Kampf gegen die Erderwärmung gefeiert: Im Pariser Klimaabkommen wurde 2015 erstmals international das Ziel festgeschrieben, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber auf 1,5 Grad, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen.

Von Marlowe Hood und Yvonne Brandenberg

Paris (afp) > Um sich bei der Umsetzung dieses ehrgeizigen Ziels auf den neuesten Forschungsstand stützen zu können, beauftragten die Vertragsstaaten den Weltklimarat IPCC mit einem umfassenden Bericht zum 1,5-Grad-Ziel. Am Montag wird der Bericht veröffentlicht – und schon jetzt ist klar, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine enorme Lücke klafft. Bereits seit Tagen beugen sich Diplomaten aus aller Welt über eine Zusammenfassung des rund 400 Seiten starken IPCC-Berichts, den 86 Wissenschafter, darunter vier deutsche Forscher, zusammengetragen haben. Die Diplomaten gehen das 22-seitige Resümee Zeile für Zeile durch, um es schließlich zu verabschieden. Die Bundesregierung wird durch Christian Müller vom Referat Internationaler Klimaschutz im Bundesumweltministerium vertreten.

IPCC-Chef Hoesung Lee sprach zum Auftakt der Beratungen im südkoreanischen Incheon von einem “der wichtigsten Treffen in der Geschichte” des Weltklimarats.Tatsächlich dürfte der Bericht, für den mehr als 6000 Studien aus anerkannten Wissenschaftspublikationen ausgewertet wurden, einen maßgebliche Einfluss auf die Klimapolitik der kommenden Jahre haben. Zwar versteht sich der IPCC ausschließlich als beratendes Gremium, seine Erkenntnisse können die politischen Entscheidungsträger aber kaum ignorieren.

Der designierte Chef des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Johan Rockström, fasste die Quintessenz des neuen IPCC-Berichts am Freitag so zusammen: “Wie auch immer wir die Daten hin und her wenden, wir haben nur ein Jahrzehnt, um die CO2-Wende zu schaffen und die Menschen noch vor den größten Risiken des Klimawandels zu schützen.” Peter Frumhoff von der US-Wissenschaftlerorganisation Union of Concerned Scientists bewertet den Bericht genauso: „Ich weiß nicht, wie irgendjemand das lesen und es nicht total alarmierend finden könnte.”

Tatsächlich enthält der Sonderbericht die Botschaft, dass selbst eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter die Zunahme gefährlicher Wetterextreme nicht stoppen wird. Schließlich hat die schon erfolgte Erderwärmung um etwa ein Grad bereits für eine deutliche Zunahme von Hitzewellen, Dürren, Superstürmen und Überschwemmungen gesorgt. Um die derzeit drohende Erderwärmung um bis zu vier Grad zu verhindern, bedarf es laut IPCC weltweit eines schnellen und vollständigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbaus. Umweltschützer kritisieren, dass der Weltklimarat in seinen Szenarien dennoch wie selbstverständlich von einer wachsenden Weltwirtschaft ausgehe. “Für eine zukunftsfähige und handlungsrelevante Klimapolitik braucht es mehr radikalen Realismus”, fordert etwa Lili Fuhr, Umweltexpertin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Die IPCC-Wissenschaftler hätten daher die Möglichkeit alternativer Entwicklungsmodelle in Betracht ziehen müssen.

Bei den Beratungen in Incheon könnte die Berichtszusammenfassung überdies auf Betreiben einiger nationaler Delegationen entschärft werden. So hätten Saudi-Arabien und ein paar andere Länder damit gedroht, den IPCC auszubremsen, sagt einer der Berichtsautoren. China soll insbesondere Vorbehalte gegenüber den in dem Bericht genannten politischen Handlungsoptionen für den Klimaschutz haben, und die USA vertreten unter Präsident Donald Trump ohnehin eine klimaskeptische Linie.

Einen klimapolitischen Masterplan für die Regierungen in aller Welt wird der IPCC-Sonderbericht in keinem Fall liefern. Er enthalte auch keine definitive Antwort auf die Frage, ob das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann, sagt der französische Mitautor Henri Waisman. “Der Bericht wird nicht einfach ‘ja’ oder ‘nein’ sagen.” Vielmehr hätten er und seine Kollegen versucht, “so viele Informationen wie möglich in die Hände der Politiker zu legen”. Was diese damit anfangen, wird sich bereits bei der nächsten UN-Klimakonferenz im Dezember in Kattowitz zeigen.

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