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“Deutsche Unternehmen tun sich schwer mit Menschenrechten”

Kai Michael Beckmann, Direktor bei der Unternehmensberatung Mazars © Mazars

Die Einhaltung von Menschenrechten hat in Deutschland, anders als der Umweltschutz, einen schweren Stand – das sagt der Nachhaltigkeitsexperte Kai Michael Beckmann von der Unternehmensberatung Mazars im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

Von Florian Müller

Frankfurt (afp) > Vor allem die Unternehmen täten sich schwer damit, denn: “Hierzulande ist ja scheinbar alles in Ordnung.” Tatsächlich gebe es aber auch in Deutschland Menschenrechtsverstöße, sagt Beckmann – allerdings auf einem anderen Niveau als in Entwicklungsländern. “In Deutschland geht es eher um prekäre Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen als um Sklaverei oder Kinderarbeit.” Doch auch der Dieselskandal sei eigentlich ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf saubere Luft.

“Im angelsächsischen Raum war das Verständnis, dass die Verantwortung eines Unternehmens über den eigenen Betriebshof hinausgeht, schon immer stärker”, sagt Beckmann, der seit Jahrzehnten Unternehmen bei deren Nachhaltigkeitsstrategien unterstützt und an internationalen Standards mitarbeitet. “Deutschland und die EU kommen nun relativ spät darauf und müssen in den Unternehmen erstmal ein Bewusstsein dafür schaffen.”

Gesetze sind laut dem Experten ein wichtiger Treiber, um Nachhaltigkeit voranzubringen. Ein erster Schritt war demnach die Pflicht, dass börsennotierte Unternehmen seit 2017 in ihrem Lagebericht auf ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen eingehen müssen. Der nächste Vorstoß der EU-Kommission ist, den Finanzmarkt auf nachhaltige Investments zu verpflichten. Unternehmen, die sich um soziale und ökologische Aspekte kümmern, sollen sich dadurch besser finanzieren können. “Viele Investoren legen bei ihren Investitionsentscheidungen bereits großen Wert auf die Nachhaltigkeit von Unternehmen”, beobachtet Beckmann.

Auch durch die Berichtspflicht habe das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland einen gewaltigen Schub erhalten. Dabei sei der Bericht eigentlich der zweite Schritt. “Unternehmen müssen sich systematisch mit den Risiken für Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten auseinandersetzen”, sagt der Berater anlässlich des Tags der Menschenrechte am Montag. “Dabei geben die großen Endabnehmer den Takt vor.”

Unternehmen seien aber nicht allmächtig. Gerade etwa hat die Regierung von Bangladesch unter scharfem Protest von über 300 Bekleidungshändlern eines europäischen Bündnisses die Arbeit externer Kontrolleure im Land verboten. “Die Regierung unterstützt die Maßnahmen des Bündnisses zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie nicht – dagegen können auch die beteiligten Unternehmen nichts machen”, sagt Beckmann.

Die Zeiten, in denen die deutschen Unternehmen die Bedingungen vorgaben, sind laut Beckmann vorbei. “Heute hat China wegen seiner großen Nachfrage auch großen Einfluss auf die Produktionsbedingungen in anderen Ländern, und die chinesischen Standards sind niedriger.”

Viele Menschenrechtler sehen auch die Verbraucher in der Verantwortung – nicht so Beckmann: “Die deutschen Konsumenten wurden von der Werbung systematisch erzogen, dass man sich für wenig Geld eine schöne heile Welt kaufen kann.” Das Bewusstsein, dass mit einem niedrigen Preis oft aber auch Menschenrechtsverletzungen eingekauft werden, steige erst langsam. Im Gegenteil: “In den Wochen nach den letzten großen Katastrophen in Textilfabriken in Ostasien gingen die Verkaufszahlen bei den Billigketten sogar steil nach oben”, sagt Beckmann. “Die Verbraucher wollten zuschlagen, bevor die Produkte möglicherweise teurer werden.” Doch: “Die junge Generation zeigt ein stärkeres soziales Bewusstsein – und das nicht nur bei Nahrungsmitteln.” Die Hersteller von Markenprodukten für junge Leute reagieren seiner Beobachtung zufolge darauf, indem sie in der Werbung die Nachhaltigkeit betonen. “Das Problem liegt nun eher bei den markenlosen Artikeln.”

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