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In Kattowitz Dr. Jekyll, zu Hause Mr. Hyde

Der WWF-Klimachef Michael Schäfe wirft der Bundesregierung eine “schizophrene” Klimapolitik vor.

Kattowitz (afp) > Zum Abschluss der UN-Klimakonferenz in Kattowitz hat der Klimachef von WWF Deutschland, Michael Schäfer, die Bundesregierung aufgefordert, nach ihrer positiven Rolle bei den internationalen Verhandlungen auch daheim entschieden gegen den Klimawandel zu kämpfen. Deutschland verhalte sich “wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde”, kritisierte Schäfer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Während es bei den Verhandlungen in Kattowitz “eine gute Rolle” spiele, stehe es bei der Festlegung der EU-Klimapolitik “immer auf der falschen Seite”. Deutschland habe “in der Klimapolitik eine total gespaltene Persönlichkeit”, kritisierte Schäfer. Während die deutschen Verhandler in Kattowitz “einen hervorragenden Job” machten und die Bundesregierung mit ihren großzügigen Finanzzusagen für den Grünen Klimafonds und den Anpassungsfonds “mehr als Symbolpolitik” betrieben habe, habe sie seit zehn Jahren Deutschlands Treibhausgas-Ausstoß nicht mehr gesenkt. “Das ist schizophren”, sagte Schäfer.

Er kritisierte, dass die Bundesregierung sich noch nicht zu dem dringend notwendigen schnellen Kohleausstieg durchgerungen habe. Außerdem habe sie auf EU-Ebene beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei den Zielvorgaben für Energieeffizienz und bei den CO2-Grenzwerten für Neuwagen immer “die ambitionierteste Zielsetzung bekämpft”. Dieser “Spagat” zwischen einer ehrgeizigen internationalen Klimapolitik und der Blockade von Klimaschutzmaßnahmen zu Hause werde “immer größer”, warnte der WWF-Klimachef. “Entweder die Bundesregierung löst den jetzt auf, indem sie mit Klimaschutz zu Hause endlich Ernst macht, oder sie richtet hier eine große Katastrophe an”, sagte Schäfer.

Er rief die Bürger daher auf, “sich an ihre Politiker zu wenden und dafür zu sorgen, dass umfangreiche Klimaschutzmaßnahmen beschlossen werden”. Bei den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Waldes sei deutlich geworden, dass “die Kluft dazwischen, dass wir einerseits die Erderhitzung durch die Zunahme von Dürren, Überflutungen und Orkanen schon spüren, und dem fehlenden Handeln andererseits viele Menschen wütend” mache. Auch sei das Thema Umfragen zufolge wieder wahlentscheidend, betonte Schäfer. “Klimaschutz kann gelingen, wenn immer mehr Menschen das zu einer Priorität machen und sich auch engagieren.”

Die internationale Gemeinschaft verhandelt seit Anfang Dezember in Kattowitz über die konkrete Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. Am Freitag soll die UN-Klimakonferenz offiziell zu Ende gehen, wegen mangelnder Fortschritte wurde ein Überziehen aber nicht ausgeschlossen. Der Weltklimarat IPCC hatte in einem Sonderbericht dargelegt, dass für die in Paris vereinbarte Begrenzung der Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad ein schnelles und entschiedenes Umsteuern der internationalen Gemeinschaft nötig ist.

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