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Umweltbildung beginnt in der Lehrerbildung!

Der Campus als Trainingsfeld für Nachhaltigkeit, © Universität Augsburg

Der Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg übernimmt in Sachen Umweltbildung und Nachhaltigkeit in der Lehrerbildung eine bayerische Vorreiterrolle.

Augsburg (afp) > Mit der Einführung einer zertifizierten Zusatzqualifikation “Umweltbildung und Nachhaltigkeit” für Lehramtsstudentinnen und -studenten aller Schularten will der Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg dort eine Vorreiterrolle übernehmen, wo es darum geht, bereits in der Schule Umweltprobleme konkret anzugehen, anstatt nur über sie zu reden. Der Zertifikatskurs wird im laufenden Wintersemester erstmals angeboten. Zu dem für das kommende Sommersemester vorgesehenen Auftakt der praktischen Projektarbeit, die wesentlicher Bestandteil der Qualifikation ist, will auch der bayerische Wissenschaftsminister Bernd Sibler kommen.

Die wissenschaftlichen Fakten sind alarmierend: Zahlreichen Tier- und Pflanzenarten unserer bayerischen Heimat steht das Wasser bis zum Hals. Fast jede zweite unserer in Bayern vorkommenden Tierarten ist gefährdet, 54 Prozent aller Wildbienen sind bedroht oder bereits verschwunden, ebenso 73 Prozent aller Tagschmetterlingsarten. Auch etliche einheimische Vogel-, Fisch- und Amphibienarten sind betroffen.

Zeitnahe Lösungen sind gefordert

“Die Gefahr, viele von ihnen unwiederbringlich zu verlieren, ist greifbar nah. Hinzu kommen ungelöste gravierende Probleme der Menschheit, wie Klimawandel, Plastikmüll und Elektroschrott, die zeitnahe Lösungen fordern”, sagt Prof. Dr. Klaus Zierer, Inhaber des Augsburger Schulpädagogik-Lehrstuhls und Initiator des neuen Zertifikats.

In der Lehrerbildung bayernweit einzigartig

Aufgrund der Dringlichkeit, über Umweltprobleme nicht nur zu reden, sondern sie auch anzugehen, hat der Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg für alle Lehramtsstudierenden ein eigenes Zertifikat „Umweltbildung und Nachhaltigkeit“ ins Leben gerufen. “Wir sind derzeit der einzige universitäre Standort in Bayern und, soweit ich sehe, in ganz Deutschland, der eine solche Zusatzqualifikation anbietet”, so Zierer.

Theoretische Kenntnisse und praktische Kompetenzen

Seit dem Wintersemester 2018/19 können damit Lehramtsstudierende aller Schularten und aller Fächer bereits in der ersten Phase der Lehrerbildung umfassend auf eine der dringlichsten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte vorbereitet werden. In verschiedenen Modulen erwerben Studierende umfassende Kenntnisse über Umwelt- und Nachhaltigkeitstheorien, empirische Studien und aktuelle Diskussionen. In jedem Sommersemester dienen Projektbänder dazu, die Theorie in die Praxis überführen. Im Sommersemester 2019 wird beispielsweise auf dem Campus der Universität Augsburg von Lehramtsstudierenden, die das Zertifikat erwerben, ein Insektenbiotop geplant, angelegt und zukünftig dann gepflegt. Zierer: “Wir freuen uns, dass der bayerische Wissenschaftsminister unsere Einladung zum ‘Spatenstich’ für unser Biotop bereits angenommen hat.”

Auf die Lehrerinnen und Lehrer kommt es an

Nach erfolgreicher Teilnahme an den Modulen erhalten die Lehramtsstudierenden ein Zertifikat „Umweltbildung und Nachhaltigkeit“, womit sie sich in besonderer Weise für entsprechende Aufgaben im Schulsystem qualifizieren. “Denn eines ist klar”, sagt Zierer: “Nur wenn es gelingt, die Lehrkräfte von morgen mit den notwendigen, umfassenden Kompetenzen und Haltungen auszustatten, können diese in den Schulen vor Ort ihrer immer wichtiger werdenden Rolle gerecht werden.”


Fragen an Prof. Dr. Klaus Zierer vom Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg

(Die Fragen stellte Klaus P. Prem)

Warum, Herr Zierer, ist Umweltbildung und Nachhaltigkeit ein so wichtiges Thema?

Zierer: Nicht nur der letzte Sommer hat darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, dass wir Menschen uns um unsere Lebenswelt kümmern. Ebenso aufrüttelnd waren die Schlagzeilen zum Insektensterben, zum Plastikmüll, zur Licht- und Luftverschmutzung. Dabei müssen wir uns über einen Zusammenhang im Klaren sein: Schmetterlinge, Bienen, Fische und Amphibien brauchen uns Menschen nicht zum Leben, wir aber brauchen sie. Nicht auszudenken, was beispielsweise ein Komplettwegfall unserer Fluginsekten als Bestäuber für die alljährliche Obsternte bedeuten würde.

Warum muss Schule einen Beitrag leisten, damit Umweltbildung und Nachhaltigkeit als gesamtgesellschaftliche Herausforderung gemeistert werden können?

Zierer: Schule hat im Kern eine doppelte Aufgabe: Reproduktion und Innovation. Sie muss also nicht nur bestehende Werte weitergeben und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, sondern immer auch versuchen, diese mitzugestalten. Daraus resultiert die Verantwortung der jeweils entscheidungstragenden Generationen, die nachwachsende Generation auf Schlüsselprobleme der Gegenwart und Zukunft vorzubereiten. Umweltbildung und Nachhaltigkeit gehören zweifelsfrei dazu. Nimmt man allein die großen Herausforderungen der letzten Jahre – Bankenkrise, Fokushima und Fluchtbewegungen nach Europa – so zeigt sich, wie eklatant wichtig die Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblematik in diesem Kanon ist.

Vor diesem Hintergrund ist auch Artikel 131 in der Bayerischen Verfassung zu verstehen – er enthält den Kernauftrag von Schulen: Diese sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. Im Anschluss daran werden explizit die Liebe zur bayerischen Heimat, die Aufgeschlossenheit für das Wahre, Gute und Schöne sowie Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt genannt. Eine Sommerwiese voller bunter Tagfalter, ein von Bienen umsummter blühender Apfelbaum, ein seerosenbewachsener Waldtümpel mit Froschquaken – all das gehört traditionell zu unserer Heimat und kann uneingeschränkt als gut, schön und wertvoll erachtet werden. In diesen Kontext ist übrigens auch eine verantwortungsvolle Anschaffung von digitalen Medien eingeschlossen, die unter dem Nachhaltigkeitsaspekt nicht immer unkritisch gesehen werden darf, nach dem Motto „Nur her damit!“. Kein Zweifel also: Es ist eine der Kernaufgaben von Schule, Umweltbildung und Nachhaltigkeit ins Zentrum von Erziehung und Unterricht zu rücken.

Was muss passieren, damit Schule diesem Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht werden kann?

Zierer: Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen brauchen deutlich mehr Raum und Gewicht an den Schulen. Häufig fristen sie in Form einer „Präambellyrik“ ein Schattendasein – überall wird sich zwar dazu bekannt, aber keiner macht etwas. Ein Ausweg können verbindliche Vorgaben sein, bestimmte Themen in bestimmten Jahrgangsstufen zu bestimmten Zeiten zu behandeln und mit den Kernaussagen einer Umwelt-und Nachhaltigkeitsbildung zu verbinden. Dabei machen die Analysen aus „Visible Learning“, mit über 1400 Meta-Analysen der größte Datensatz der empirischen Bildungsforschung, deutlich: Auch solche Maßnahmen brauchen ein hohes Maß an Professionalität auf Seiten der Lehrpersonen, um erfolgreich werden zu können.

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