Agenturmeldung Politik Topnews

Die Wirtschaft entdeckt das Plastiksparen

© BMU/Sascha Hilgers

Umweltministerin Svenja Schulze setzt auf freiwillige Vereinbarungen mit Industrie und Handel.

Berlin (afp) > Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich am Mittwoch mit Supermarktketten, Lebensmittelkonzernen und Umwelt- sowie Verbraucherverbänden zum Gipfel gegen Plastikmüll getroffen. Um Einwegplastik zu vermeiden, setzt Schulze vor allem auf freiwillige Initiativen der Unternehmen. Tatsächlich gibt es in der Wirtschaft bereits einige vielversprechende Ideen, um unnötige Kunststoff-Abfälle zu vermeiden.

So bauen Discounter ihr Angebot an unverpacktem Obst und Gemüse aus. Supermärkte haben Mehrwegnetze für die Frischeabteilung eingeführt. Eine Kette hat bei Avocados und Süßkartoffeln getestet, wie sich Preisaufkleber durch Laser-Etiketten ersetzen lassen. Einige Läden testen Mehrwegbehälter an den Frischetheken für Käse und Fleisch. Viele Einzelhändler haben zudem angekündigt, Geschirr, Trinkhalme und Einwegbecher aus Plastik künftig nicht mehr zu verkaufen.

Darüber hinaus wird die Branche dieses Jahr bei Verpackungen ihrer Eigenmarken den Materialeinsatz reduzieren und die Recyclingfähigkeit verbessern, verspricht der Handelsverband HDE. Zudem wollen die Händler mehr recycelten Kunststoff verwenden – sofern sie dabei nicht Probleme mit hygienerechtlichen Vorgaben bekommen.

„Ich bin beeindruckt von der Vielzahl der heute gezeigten Initiativen, die ernsthaftes Nachhaltigkeitsengagement dokumentieren“, sagt Christian Köhler, Hauptgeschäftsführer des Markenverbandes. „Die Markenunternehmen stehen zu ihrer Verantwortung in der Kreislaufwirtschaft und werden auch bei dem Thema Vermeidung von Plastikabfällen ihren Beitrag leisten.“ Einig waren sich alle Beteiligten, dass zur Lösung dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gerade auch die Verbraucherinformation eine wesentliche Rolle spielt.

Der Verzicht auf Plastik ist allerdings mit Aufwand verbunden, wie ein Beispiel von Kaufland zeigt: Ab Anfang März will der Supermarkt Salatgurken ohne Folie verkaufen. Jährlich will das Unternehmen allein dadurch rund 120 Tonnen Kunststoff einsparen. Dafür musste der Konzern die gesamte Lieferkette optimieren, um die Gurken schneller und heil vom Bauern in den Laden zu bekommen. “Wir haben zahlreiche Tests durchgeführt, um zu garantieren, dass wir auch ohne Folie Salatgurken von bester Qualität anbieten”, erklärte Kauflands Leiter für den Obst- und Gemüseeinkauf, Dietmar Frötscher.

Der Plastikverzicht hat aber auch Grenzen: “Die Vermeidung von Lebensmittelabfällen hat höchste Priorität, dafür sind Verpackungen oft unverzichtbar”, erklärt der HDE-Nachhaltigkeitsexperte Kai Falk. Wenn der Verpackungsmüll also nicht immer vermieden werden kann, dann soll er wenigstens sinnvoll wiederverwendet werden. Laut dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) wird immer noch mehr als die Hälfte der Kunststoffverpackungen verbrannt. Diese Ressourcenverschwendung könnten Unternehmen minimieren, indem sie Verpackungskunststoffe standardisieren, was wiederum die Entsorgung erleichtert.

Vor allem Verbrauchsgüterkonzerne wie Nestlé verwenden viel Plastik in ihren Verpackungen und Behältern. Bis zum Jahr 2025 sollen laut Vorstandschef Mark Schneider 100 Prozent der Nestlé-Verpackungen recyclingfähig oder wiederverwendbar sein. Dafür will der Konzern Plastikarten vermeiden, die nicht recyclingfähig sind und Verpackungskombinationen wie Papier und Plastik vermeiden. Laut BSVE machen es Papierummantelungen für die Sortiertechnik schwierig bis unmöglich, Kunststoffverpackungen zu erkennen. Diese würden dann einfach mit aussortiert und verbrannt.

Zudem plant Nestlé, die Farben der Verpackungen zu verändern, dass sie in der Recyclinganlage besser zu unterscheiden sind. Laut BVSE ist die Farbe entscheidend, “denn schwarze Kunststoffe können von optischen Trennsystemen nicht oder nur sehr schwer gemäß des Kunststofftyps sortiert werden”.

Schließlich können auch alle anderen Unternehmen zum Umweltschutz beitragen: Wer seinen Mitarbeitern Wasserspender mit Leitungswasseranschluss zur Verfügung stellt, spart Einwegflaschen und -behälter auf anderen Wasserspendern. Auch eine kleine Küche hilft: So können die Mitarbeiter ihre Mahlzeiten von Zuhause mitbringen und aufwärmen. Weniger gekaufte Fertigmahlzeiten bedeuten weniger Plastikmüll.

Freiwillige Initiativen der Unternehmen reichen aber nicht aus, um das Plastikproblem zu lösen, meinen Umweltverbände. Schließlich ignorierten weite Teile des Handels die Mehrwegquote für Flaschen von 70 Prozent, aktuell seien nur 43 Prozent erfüllt, moniert die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Stattdessen fordert die DUH mehr staatliche Vorgaben und Anreize. “Neben deutlich höheren Lizenzentgelten für Verpackungen ist vor allem ein Abfallvermeidungsziel notwendig”, erklärt die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz.

Hinterlassen Sie einen Kommentar