CSR-Wissen

„Chancenkontinent Afrika“: Unternehmen gestalten Wandel

Achim Halfmann

Deutsche Firmen auf andere Kontinente locken will das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Dies soll dort die Entwicklung fördern und deutschen Unternehmen neue Geschäftsfelder eröffnen.

Von Achim Halfmann mit Mark Birech

Afrika ist im Moment der Chancenkontinent”, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin des BMZ, Gudrun Kopp, im Februar bei einer Veranstaltung in Dortmund. Doch was sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Risiken?

Die Länder Sub-Sahara-Afrikas erreichten in den letzten zehn Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von sechs Prozent. Das macht diese Märkte auch für westliche Investoren interessant. Wer sich dort unternehmerisch engagiert, muss dabei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Blick behalten. CSR MAGAZIN sprach darüber mit internationalen Akteuren, die seit vielen Jahren in Kenia tätig sind.

„Kommen Sie nach Afrika und gestalten Sie den Wandel mit“, fordert Bob Okello deutsche Unternehmer auf. Auch der Public-Affairs-Manager von Coca-Cola für Zentral-, Ost- und Westafrika ist überzeugt: Der hohe Anteil junger Menschen und die wachsende Mittelschicht in Afrika bieten ausländischen Investoren große Chancen auf ein erfolgreiches geschäftliches Engagement – und die Mitgestaltung der Gesellschaft. Der Getränkekonzern nimmt für sich in Anspruch, in diesem Wandlungsprozess bereits heute eine wichtige Rolle zu spielen.

Wasser- das existenzielle Thema

„Wir sind ein wasserbasiertes Unternehmen und ein Großverbraucher“, sagt Okello. Zugleich sind Dürreperioden und der mangelnde Zugang zu sauberem Trinkwasser Geißeln für die Menschen in Afrika. Der Getränkekonzern will den eigenen Wasserverbrauch bis 2020 signifikant reduzieren: Das soll bei der Bewässerung auf den Zuckerrohrfeldern beginnen und sich in den Fabriken mit einem effektiven Wasser- Recycling fortsetzen. Die 2001 gegründete Coca-Cola Africa Foundation investiert etwa die Hälfte ihrer Mittel in Wasserprojekte, kooperiert mit Partnern wie UN-Institutionen und hat eine eigene Wasserinitiative gegründet: Die Replenish Africa Initiative, kurz RAIN, soll bis 2015 über zwei Millionen Afrikanern Zugang zu Trinkwasser ermöglichen. RAIN unterstützt Brunnenbohrprojekte, den Bau von Auffanganlagen für Regenwasser und die Errichtung hygienischer Schultoiletten. 30 Millionen US Dollar hat das Unternehmen der 2009 gegründeten Initiative zur Verfügung gestellt. Und was die Erreichung des angestrebten Ziels betrifft, sagt Okello: „Wir liegen im Plan.“

Ein weiterer Bereich der Stiftungsarbeit beschäftigt sich mit der Gesundheit. Dabei engagiert sich Coca-Cola insbesondere für die Prävention von HIV- und Malaria-Infektionen. Im Rahmen einer Partnerschaft mit NetsForLife stellt die Stiftung mit Insektiziden präparierte Moskitonetze zur Verfügung Und bereits 2002 führten Coca-Cola und seine Bottler ein HIV /AIDS-räventionsprogramm für ihre Mitarbeiter ein. Jugendkampagnen unter dem Motto „responsible life“ fördern die Aufmerksamkeit zu diesem Thema und setzen auf sexuelle Abstinenz oder die Nutzung von Kondomen sowie auf die Bereitschaft zu HIV-Tests.

CSR statt Korruption

Nah an den geschäftlichen Interessen des Unternehmens ist die Förderung junger Entrepreneure angesiedelt. Es sind die Kleinhändler und Kioskbesitzer, die ihre Softdrinks häufig noch mit dem Handkarren transportieren und die dafür sorgen, dass die Coca-Cola-Produkte immer nur „eine Armlänge“ von den Interessenten entfernt sind. Entrepreneurship-Programme wie „Students In Free Enterprise“ fördern das Kleinuntemehmertum, indem sie grundlegendes betriebswirtschaftliches Wissen sowie ein Mentoring bieten und junge Leute dabei unterstützen, mit eigenen Geschäftsideen unabhängig zu werden.

Mit der Initiative „5 by 20“ werden junge weibliche Entrepreneure gefördert. Fünf Millionen Frauen sollen bis 2020 als Junguntemehmer in den Handelsketten des Getränkeherstellers tätig werden. In Kenia wurden dazu mithilfe der NGO TechnoServe 100 junge Schulabbrecherinnen mit Coca-Cola-Produkten, einer transportablen Kühlbox und Arbeitskleidung ausgestattet und bei der Erlangung einer Lizenz für ihre gewerbliche Tätigkeit unterstützt. Etwa 70 Teilnehmerinnen fanden erfolgreich in die Selbstständigkeit.

Noch einen interessanten und nicht unwichtigen Aspekt erfüllen die CSR-Programme: Korruption ist ein landesweites Problem, dem schwer beizukommen ist. Auf den Dörfern sind es die einflussreichen „Chiefs”, die Dorfältesten und Bürgermeister, die öfters einmal die Hand aufhalten. Coca-Cola prägt eine strikte Anti-Korruptions-Kultur. Ein „Bakschisch” für den „Chief” kommt nicht infrage. Coca-Cola-Mitarbeiter könnten jedoch ein Brunnenbohrprojekt oder die Restauration von Klassenräumen für ein Dorf anregen und dem Dorfältesten die Möglichkeit geben, damit in seiner Gemeinde zu punkten. Das ist dann auch ein Gewinn für den „Chief, mehr noch ist es aber ein Gewinn für die Gemeinschaft.

Ortsrand von Kabiyet (Achim Halfmann)

Das Milchdorf Kabiyet

Seit 53 Jahren ist Nestlé in Afrika vertreten, seit 45 Jahren in Kenia. Und seit fünf Jahren gibt es in dem ostafrikanischen Land eine nationale CSR-Strategie – als Teil des globalen Programms „Creating Shared Value”. In Kenia bricht sich diese auf ein interessantes Projekt herunter: Kabiyet, eine abgelegene dörfliche Gemeinschaft im Hochland von Eldoret, die mit der Unterstützung von Nestlé eine professionelle Milchwirtschaft aufgebaut hat.

Das kenianische Milchprojekt kommt einem Grundsatz des Unternehmens entgegen: Rohstoffe seiner Produkte möglichst aus den Regionen zu beziehen, in denen diese Produkte vertrieben werden. In Kenia benötigt Nestlé qualitativ hochwertige Milch für die Herstellung von Milchpulver. Unter den kenianischen Farmern ist die Haltung von Milchkühen zwar weit verbreitet, allerdings ist deren Milchertrag gering.

Der Gemeinschaft dienen

Für die Beratung der Kabiyet-Bauern hat Nestlé extra einen Milchvieh-Experten aus Pakistan eingeflogen: Tahir Mahmood bringt ein hohes Maß an Fachkenntnissen mit und eine hohe Motivation: In Kabiyet könne er mit seiner Arbeit dem Unternehmen dienen, aber auch der Gemeinschaft und Gott, sagt Mahmood. Gemeinsam mit der Managerin, der jungen Chemieingenieurin Belinda Kobgei, bringt e das Projekt voran.

Um die Milchproduktion zu steigern, ist eine Kontrolle der Lebensbedingungen der Kühe erforderlich: Sauberes Wasser, eine ausgewogene Ernährung und die Pflege der Euter nach dem Melken gehören dazu. Das ermöglicht die Stallhaltung der Herde. Ein weiterer Vorteil: So lässt sich der Dung der Tiere einfacher einsammeln und zu Biogas verarbeiten. Einige Biogasanlagen hat Nestlé gesponsort, um die Bauern zum Einsatz weiterer Anlagen anzuregen. Das schützt die Umwelt, denn die Suche nach Feuerholz hat in Kenia wesentlich Anteil am Verschwinden der Wälder. Und zudem ist der Einsatz von Biogas-Brennern in der Küche deutlich angenehmer als das Kochen auf dem offenen Feuer in den sogenannten „Schwarzküchen”, die als Extrabauten vor dem Wohnhaus stehen und aus deren Türöffnung beim Kochen dichter Rauch quillt.

Milchkontrolleurin in Kabiyet (Achim Halfmann)

Frauen als Unternehmerinnen

Im Rahmen seiner CSR-Strategie arbeitet Nestlé in Afrika gerade mit den kleinen Farmern zusammen. In Kabiyet sind das Landwirte mit zwei oder drei Kühen, etwas Mais und anderen Anbauprodukten für den Eigenverbrauch oder den lokalen Markt. Kabiyet gilt als Modelldorf, das sich mit Unterstützung von Nestle, dem East Africa Dairy Development Project, der Bill & Melinda Gates Stiftung und weiteren Partnern zu einer hochmodernen Milchsammelstelle entwickelt. Am 1. Januar 2009 nahm dort die Kabiyet Dairies Company ihre Arbeit auf und sammelte an ihrem ersten Tag 1.623 Liter Milch ein. Heute sind es täglich 20.000 Liter. Von den 6.000 Farmern im Einzugsgebiet der Milch-Company beteiligen sich etwa 3.000 an dem Projekt, mit dem Nestlé nicht nur die Menge der erzeugten Milch, sondern auch deren Qualität steigern will.

Frauen sind Profiteure und Treiber der nachhaltigen Landwirtschaft. Sie machen zwei Drittel der dort Tätigen aus. Elizabeth Cgelel ist mit drei Kühen an dem Kabiyet-Projekt beteiligt. Die Kenianerin betreibt heute eine Biogasanlage, besitzt einen innovativen Wasserbrunnen mit Keilriemenantrieb – eine Eigenentwicklung der Region – und baut zudem andere landwirtschaftliche Produkte an. Zu dieser Diversifizierung rät Nestle den Farmern; der Anbau von Kaffee, Tee und Gemüse oder die Hühnerzucht machen sie unabhängiger. Ihr Gemüse hat Elizabeth Cgelel bisher auf dem örtlichen Markt verkauft. Nun will sie es kochen, um mit einer fertigen Speise einen höheren Preis zu erzielen. Aus der Farmerin ist eine Unternehmerin geworden.

Vernachlässigte Tropenkrankheiten

In Afrika leiden 200 Millionen Menschen an Bilharziose. Jedes Jahr sterben 200.000 an den Folgen der in Gewässern übertragenen parasitären Krankheit In Kenia sind elf Millionen Menschen – überwiegend Kinder – betroffen. Über 100 Millionen Tabletten gegen Bilharziose hat der Pharmakonzern Merck bisher gespendet, Ende 2012 hat auch in Kenia die Verteilung des Praziquantel begonnen. Das Medikament entwickelte Merck in 70er-Jahren gemeinsam mit Bayer. Es ist patentfrei, aber einen Markt gibt es dafür kaum, die Betroffenen sind arm. Dabei wird das Praziquantel dringend benötigt: Unbehandelte Frühinfektionen von Kleinkindern haben gravierende Auswirkungen, die Jungen und Mädchen bleiben aufgrund des Parasitenbefalls klein und gehen nicht zur Schule.

Bisher hat Merck jährlich bis zu 25 Millionen Praziquantel-Tabletten hergestellt und der W HO zur Verteilung überlassen. Diese Zahl soll in den kommenden fünf Jahren verzehnfacht werden: Merck hat sich gemeinsam mit acht anderen Pharmakonzemen einem von Bill Gates initiierten Runden Tisch zur Ausrottung vernachlässigter Tropenkrankheiten angeschlossen und dabei die Verantwortung dafür übernommen, das die Krankheit Bilharziose bis zum Jahr 2020 beherrschbar wird.

Merck hat sich zuerst humanitär auf dem afrikanischen Kontinent engagiert, inzwischen zählen aber auch die geschäftlichen Interessen. In elf Ländern Afrikas will der Konzern seinen Umsatz ausbauen, Kenia zählt dazu. „Afrika ist ein wachsender, sehr interessanter Markt”, so Stefan Oschmann, für den Pharma-Bereich verantwortliches Geschäftsleitungsmitglied von Merck, beim Start des Praziquantel-Programms in Kenia. Ich freue mich darauf, in Zukunft auch afrikanische Talente in unserer Führung zu haben.”

Registrierung für die Tablettenausgabe (Achim Halfmann)

„quick wins“ für Kleinstfarmer

Wichtige kenianische Importprodukte sind Kaffeebohnen und Teeblätter. Sie stammen nicht nur von großen Farmen, sondern von vielen tausenden Kleinbauern, deren Anwesen nur zwischen 2.000 und 6.000 qm groß sind. Diese Bauern berät die niederländische NGO Solidaridad in Bezug auf einen nachhaltigen und profitablen Anbau. Der Zusammenschluss kleiner Farmer in Kooperativen ist ein erster wichtiger Schritt hin zu einem verbesserten und nachhaltigen Anbau, sagt Programmmanager Joseph Kamanu, verantwortlich für TeeFarmen in Ost- und Zentral-Afrika. Kooperativen gelten als ein eigenständiger Anbieter, der die für einen Marktzugang erforderliche Größe besitzt. Solidaridad entwickelt Schulungsmaterialien und bildet Berater sowie sogenannte Promotor Farmer – vorbildliche Landwirte – aus, die solche Kooperativen über ein dreistufiges System bis zum Erhalt von Nachhaitigkeitszertifikaten führen:

In der ersten Beratungsstufe geht es um die „quick wins“, um schnelle Erfolge. Die Berater vermitteln „gute landwirtschaftliche Praktiken“, die durch Ertrags- und Qualitätssteigerung sowie einen optimierten Mitteleinsatz den finanziellen Ertrag steigern. Gesellschaftliche Themen und Umweltschutz gehören zur zweiten Stufe: Für den Schutz fruchtbarer Böden, den verantwortlichen Umgang mit Wasser, Abfallbehandlung, den sicheren Einsatz von Agrochemikalien, Arbeitssicherheit oder die Gesundheit investieren die Farmer einen Teil des Umsatzplus aus Stufe 1. In einer dritten Beratungsphase geht es um die Zertifizierung der landwirtschaftlichen Kooperationen nach Standards wie UTZ Certified, Rainforest Alliance oder anderen. Der Anstoß zu solchen Nachhaltigkeitszertifizierungen kommt häufig von den Handelsketten über die Produzenten zu den Farmern – Top-down also.

CSR im Radio

Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung ist für die Menschen in Kenia kein fremder Gedanke, allerdings dominieren noch die Erwartungen an ein philanthropisches Engagement. In den kenianischen Medien gewinnt die Berichterstattung über CSR an Bedeutung. Das Radio gilt als reichweiten-stärkstes Medium und wird von privaten Anbietern dominiert. Berichtet wird etwa über das Engagement von Bidco, einem führenden Markenunternehmen der Lebensmittelbranche, gegen die Weiterverbreitung von HIV und Aids. Dabei wendet sich Bidco zugleich an seine Mitarbeiter und Kunden. Aids steht auch bei der Standard Chartered Bank im Fokus des gesellschaftlichen Engagements, die Bank setzt dabei auf Peer to Peer Education, auf die Weitergabe von Informationen innerhalb der Jugendkultur. Die Kenya Commercial Bank widmet sich dem Thema Wasser und evaluiert die drängendsten Nöte kenianischer Bevölkerungsgruppen, um dafür dann Unterstützung zu mobilisieren.

Nachhaltige Chancen für Deutschland

Erneuerbare Energien wie Photovoltaik, Biomasse oder Geothermie könnten zu wichtigen Geschäftsfeldern für deutsche Unternehmen in Kenia werden, sagt der Repräsentant des Deutschen Industrie- und Handelstages in Nairobi, Ingo Badoreck. Auf den deutsch-kenianischen Wirtschaftsforen erlebt Badoreck ein wachsendes Interesse deutscher Firmen an dem ostafrikanischen Land.

Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit, die wie das Programm developPPP den Markteintritt von Unternehmen erleichtern, seien im Mittelstand wenig bekannt. Der Markteintritt deutscher Unternehmen erfolge in der Regel schrittweise: beginnend mit dem Vertrieb und gefolgt von der Eröffnung einer Niederlassung steht am Ende des Weges der Aufbau einer eigenen Fertigungsstätte in Kenia.

Wie Mittelständler einen Marktzugang in Afrika schaffen können, darüber berichtete der Bauunternehmer Ingo Reifgerste aus Erkelenz bei der Veranstaltung „wirtschaft.entwickelt.globar im Februar in Dortmund. Handwerksbetriebe sollten sich für Auslandsprojekte mit anderen Unternehmen zusammenschließen. Seine Firma habe mit vier anderen Bauunternehmen eine Bietergemeinschaft gebildet und könne so für Infrastrukturprojekte bis zu einer Größenordnung von 15 Millionen Euro Angebote erstellen. „Es geht um pragmatisches Vorausgehen – bei gleichzeitigem Einsatz des gesunden Menschenverstands“, so Reifgerste. Vor Angebotsabgabe könne auf einen Besuch vor Ort nicht verzichtet werden. Häufig seien bei Projekten in Afrika etwa praktische Fragen zu lösen: die Materialverfügbarkeit, die Transportwege oder eine sichere Unterbringung der Mitarbeiter.

Zugleich plädiert der Bauunternehmer dafür, die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern bereits bei der Angebotsabgabe zu berücksichtigen. Denn ohne ausgebildete Leute vor Ort könnten die baulichen Anlagen nicht gewartet werden. Und für deutsche Unternehmen sei ihre hohe Ausbildungsqualität ein Wettbewerbsvorteil. Wenn Unternehmen Ausbildung bei einer Projektumsetzung „on top“ anbieten, „dann sind wir unschlagbar”, so Reifgerste.

Der Beitrag wurde im März 2013 im CSR MAGAZIN Nr. 1/2013 veröffentlicht.

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