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“Haben das Klima zum Thema gemacht”

Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht von Fridays for Future: “Wir haben das Klima zum Thema gemacht.” © Jörg Farys / WWF

Zehntausende deutsche Schüler beteiligen sich an erstem Weltklimastreik.

Von Daniel Wolf

Berlin (afp) > “Wer nicht hüpft, der ist für Kohle”, rufen die Jugendlichen, springen im Invalidenpark neben dem Bundeswirtschaftsministerium auf und ab und recken ihre Plakate in die Höhe. “Wir wollen ein gesundes Leben” oder “keep it cool”, ist darauf zu lesen. Einige Grundschüler bringen es mit ihren Solgans zwar noch nicht zu einer Eins in Rechtschreibung, dafür aber auf den Punkt: “Stopt den Klimawandel!”

Tausende junge Menschen kommen am Freitag in Berlin zusammen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Sie folgen damit dem Aufruf der Initiative Fridays for Future zu einem weltweiten Schülerprotesttag. Nach Angaben der Bewegung waren bundesweit mehr als 220 Demonstrationen und Schulstreiks mit mehreren zehntausend Teilnehmern geplant. Weltweit wollten demnach in fast 1700 Städten in 106 Ländern Jugendliche auf die Straßen gehen.

Begonnen hatte die globale Protestwelle am Freitagmorgen in Asien und Ozeanien, wo ebenfalls zehntausende junge Menschen unterwegs waren. Demonstrationen gab es unter anderem in Sydney, Bangkok, Neu Delhi, Hongkong und Wellington. Die Teilnehmer trugen Plakate wie “Ihr zerstört unsere Zukunft”, “Wir streiken, um die Erwachsenen weiterzubilden” oder “Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht.”

Der globale Protesttag am Freitag ist der bisherige Höhepunkt der Aktionen, die in Deutschland unter dem Namen Fridays for Future laufen. Inspiriert werden die Proteste der Schüler von der jungen Schwedin Greta Thunberg, die im Sommer des vergangenen Jahres mit einem wöchentlichen Solostreik begann.

Thunberg beteiligte sich am Freitag in Stockholm. “Wir durchleben eine existenzielle Krise, die schon Jahrzehnte ignoriert wird”, sagte die 16-Jährige dort. Sie habe die Bewegung der Schüler nicht ausgelöst, diese habe lediglich einen “Zündfunken” gebraucht. In der ugandischen Hauptstadt Kampala kritisierte der Student Sadrach Mirere, einer der dortigen Organisatoren: “Die heutigen Führer werden alt und sterben – und hinterlassen eine ruinierte Welt.”

Im Tagesverlauf breiteten sich die Proteste nach Afrika, Europa und bis in die USA und andere amerikanische Länder aus. In Deutschland waren mehr als 220 Demonstrationen geplant, ähnlich wie in Frankreich und Italien. Größere Proteste gab es unter anderem in Wien, Zagreb, Barcelona, London, Paris und Kopenhagen.

In Berlin erwarteten die Organisatoren Deutschlands größten Klimastreik und meldeten 5000 Teilnehmer an. So viele sind es schon am Vormittag, und immer mehr strömen von allen Seiten auf den Platz. Bis zum Mittag dürften es schon doppelt so viele sein. Die Polizei sperrt die umliegenden Straßen und ist nach eigenen Angaben mit Einsatzkräften “im unteren dreistelligen Bereich” vor Ort.

Viele deutsche Schulen wollten ihren Schülern an diesem Freitag ausnahmsweise die Teilnahme an Protesten erlauben, nachdem die Demonstranten in den vergangenen Wochen vermehrt fürs Schulschwänzen kritisiert worden waren. Lehrer und Sozialarbeiter einer Grundschule kamen gleich mit einer ganzen Klasse zum Protest.

Einer am Freitag veröffentlichten repräsentativen Umfrage für das ZDF-“Politbarometer” unterstützen zwei von drei Deutschen (67 Prozent) die Schülerproteste während der Unterrichtszeit. Auch Umweltorganisationen und Parteien wie Grüne und Linke loben sie.

“Das wird groß”, ist sich der 15-jährige Linus, einer der Organisatoren, sicher. “Langsam kommt an, dass das hier kein kurzfristiger Trend, sondern etwas Langfristiges ist, das Folgen hat”, sagt er der Nachrichtenagentur AFP. “Je länger wir streiken, desto ernster werden wir genommen.”

Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht von Fridays for Future, spricht zu den Demonstranten: “Wir streiken heute seit drei Monaten, und in diesen drei Monaten hat sich klimapolitisch genau gar nichts getan – aber wir haben das Klima zum Thema gemacht.”

Der Arzt und Entertainer Eckart von Hirschhausen sagt AFP, die Kinder und Jugendlichen kritisierten die Politiker zurecht. Ärzte hätten die Aufgabe, sich mit ihnen zu solidarisieren. Diese Solidarität bekunden von Hirschhausen und inzwischen mehr als 23.000 andere Wissenschaftler der Initiative Scientists for Future in einem Papier, dass den Organisatoren der Schülerproteste am Freitag überreicht wird.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lobte das Engagement der Schüler generell, distanzierte sich aber von Protesten während des Unterrichts. Er könne das Anliegen “grundsätzlich verstehen”, sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Es wäre aber “noch besser”, wenn die Demos außerhalb der Schulzeiten wären.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter rief die Bundesregierung angesichts der Schülerstreiks dagegen zu einer Änderung ihrer Prioritäten auf. “Die politischen Entscheider tun nicht ansatzweise genug, um die Lebensgrundlagen der jungen Generation zu schützen”, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Die Debatte über die Zulässigkeit von Streiks während des Unterrichts sei nur ein Ablenkungsmanöver.

“Die Schüler haben nicht die Verpflichtung, alle Antworten zu kennen – aber sie wissen, dass Wissenschaftler auf ihrer Seite sind”, sagte der Fernseharzt AFP in Anlehnung an eine Äußerung von FDP-Chef Christian Lindner, Schüler seien keine Klimaexperten. “Ich sehe, dass diese Diskussion endlich in die Mitte der Gesellschaft kommt – ich sehe es in meiner Familie, bei den Wissenschaftlern, bei Mitgliedern aller Parteien”, sagt von Hirschhausen.

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