Partnermeldungen

Das Rana Plaza-Unglück und seine Folgen: Der Accord in der Schwebe

Im April jährte sich zum sechsten Mal der verheerende Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes im bangladeschischen Sabhar mit 1.135 Toten und etwa 2.500 Verletzten.

Bönen (csr-partner) > Das Unglück offenbarte die großen Schwierigkeiten bei der Überprüfung und Instandhaltung von Produktionsstandorten in der Region. Der Fabrikunfall führte dazu, dass sich Diskussionen über die Verbesserung der Gebäude-, Brand- und Arbeitssicherheit sowie über Produktionsbedingungen verstärkten und eine große öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Nachdem schon zwei Wochen nach dem Unglück 18 Textilfabriken von staatlicher Seite geschlossen wurden, unterzeichneten am 15. Mai 2013 200 weltweit tätige Textilunternehmen, darunter auch KiK, das mit Gewerkschaftsverbänden und Nichtregierungsorganisationen zunächst für fünf Jahre aufgesetzte „Abkommen zum Brand- und Gebäudeschutz in Bangladesch“, kurz Accord.

Der Accord – eine Erfolgsgeschichte

Bis zum Ende des Jahres 2013 unterschrieben mehr als 200 Textilunternehmen und mehrere bangladeschische Gewerkschaften das Abkommen. Die Neuauflage des Accord, die  am 31. Mai 2018 in Kraft getreten ist, wird von einer Vielzahl europäischer und nordamerikanischer Unternehmen getragen. Die Unterzeichner verpflichten sich, dem Accord ihre Zuliefererfabriken zu melden und diese durch unabhängige Experten auf Gebäudeschutz, Brandschutz und elektrische Sicherheit untersuchen zu lassen. Die dabei dokumentierten Mängel werden anschließend von den Fabrikbesitzern in Zusammenarbeit mit dem Accord beseitigt; die Textilunternehmen unterstützen die Maßnahmen finanziell. Über 2.000 Textilfabriken in Bangladesch gelangten so im Laufe der letzten sechs Jahre unter die Aufsicht des Accords. Im Gegenzug verpflichteten sich die Textilunternehmen, ihre Auftragslage über die Dauer des Accord stabil zu halten. In der 2018 geschlossenen Neuauflage des Accord rückte der Fokus von der Gebäudesicherheit stärker in Richtung verbesserter sozialer Arbeitsbedingungen.

Die Ergebnisse der Zusammenarbeit im Accord können sich sehen lassen: Mitte April 2019 meldete das Bündnis, dass 150.000 festgestellte Mängel und damit 90 Prozent aller gefundenen Sicherheitsrisiken in den gemeldeten Fabriken beseitigt worden sind. Mit über 25.000 durchgeführten Einzelinspektionen gilt ein Großteil der Accord-Fabriken inzwischen als sicher; rund 130 Standorte wurden geschlossen. Etwa 1,7 Mio. Arbeiterinnen und Arbeiter wurden zu Themen der Arbeitsplatzsicherheit geschult und über 1.000 unabhängige Sicherheits-Komitees gegründet. KiK ist bei der Beseitigung der gefundenen Mängel in den 124 gemeldeten Fabriken ebenfalls im Plan: Auch hier sind mittlerweile fast 90 Prozent aller dokumentierten Mängel beseitigt. KiK-CEO Patrick Zahn fasst die eindrucksvollen Zahlen zusammen: „Bangladesch ist zu einem der sichersten, wenn nicht dem sichersten, Produktionsland in Südostasien geworden.“

Die Zukunft des Accord ist ungewiss

Die Erfolgsmeldungen werden durch die aktuellen politischen Debatten in Bangladesch überschattet: Die Regierung des Landes lehnt, genauso wie der mächtige Bekleidungsindustrieverband BGMEA, den Verbleib und die weitere Arbeit des Accord ab. Dieser soll künftig aus Amsterdam heraus agieren, was Vor-Ort-Inspektionen jedoch praktisch unmöglich macht und damit die Sicherheit der Beschäftigten gefährdet. Mittlerweile liegt der Fall beim obersten Gericht des Landes, wo die bangladeschische Regierung die Legitimität des Accord überprüfen lassen möchte. Ihr Ziel ist, die Sicherheitsüberprüfung der Fabriken in die Hände der staatlichen Aufsichtsbehörde, der sogenannten Remediation und Coordination Cell (RCC) zu legen. Ein Bericht mehrerer Nichtregierungsorganisationen bescheinigt der Behörde allerdings ein „schockierendes Maß an Unvorbereitetheit“.

Seit nunmehr über einem halben Jahr wird die Anhörung, und damit die dringend notwendige Klärung über die Zukunft des Abkommens verschoben; die Verhandlungen wurden aktuell auf den 19. Mai 2019 vertagt. Die Unsicherheit über den zukünftigen Status des neuen Abkommens, das eigentlich bis zum 31. Mai 2021 laufen soll und neben den baulichen Bedingungen auch die Stärkung des sozialen Dialogs und der Vereinigungsfreiheit im Fokus hat, gefährdet die Arbeit des Accord. Gleichzeitig sind auch die Textilfirmen der Ansicht, dass langfristig, also nach 2021 Bangladesch selbst für die Sicherheit seiner Fabrikgebäude verantwortlich sein muss.

Gemeinsam mit vielen anderen Unterzeichnern des Accord fordert KiK daher: Die vorgesehene Fortführung des Accord bis 2021 muss weiterhin Bestand haben. Auf dieser Grundlage sollte so bald wie möglich eine Entscheidung über den Verbleib des Accord in Bangladesch gefunden werden. Die Arbeit des Bündnisses ist eine phänomenale Erfolgsgeschichte, sie ist aber noch nicht beendet. Bis zu ihrer Beendigung und dem Abschluss eines effektiven Übergangsplanes sollte der Accord in Bangladesch auch weiterhin seine Arbeit fortsetzen dürfen und somit ein zweites Rana Plaza verhindern.

Hinterlassen Sie einen Kommentar