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Energiewende: Populismus ist der Worstcase

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Der Übergang zu einer emissionsfreien Wirtschaft wird Rivalitäten entstehen lassen und Gewinner und Verlierer hervorbringen. Wie könnten die Szenarien aussehen?

Potsdam (csr-news) > Ein Team von Wissenschaftlern hat im Rahmen des „Geopolitics and Energy Transformation 2030-Projektes“ (GET 2030) der Stiftung Wissenschaft und Politik untersucht, welche verschiedenen Entwicklungen der globalen Energiewende denkbar sind und wie sie sich auf die Geopolitik auswirken könnten. Das Ergebnis hat ein Team um Prof. Andreas Goldthau in der Fachzeitschrift „Nature“ kommentiert. Goldthau erläutert die denkbaren Szenarien.

Sie haben im Team vier Szenarien für die globale Energiewende bis 2030 erarbeitet, die sich aufgrund Ihrer Analyse als denkbar herausstellten. Können Sie das für die Menschheit beste Szenario skizzieren?

Prof. Andreas Goldthau: Ein ideales Szenario sieht etwa so aus: Eine multilaterale Kooperation trifft auf einen weltweiten politischen Konsens, der die Notwendigkeit einer schnellen Dekarbonisierung anerkennt. Klare Politiksignale lösen eine massive Veränderung von privaten und staatlichen Kapitalflüssen hin zu Erneuerbaren aus. Unternehmen im Bereich CO2-armer Technologien kapitalisieren sich schnell und nehmen den Platz an den Börsen ein, den gegenwärtig etwa noch Ölunternehmen innehaben. Ein generöser – weit über den im Pariser Abkommen bereits angelegten hinausgehender – Klimafonds federt den Anpassungsdruck für ressourcenreiche Staaten und vom Strukturwandel betroffene Regionen ab. Gezielter Technologietransfer versetzt Staaten des Globalen Südens in die Lage, am Wandel ökonomisch und technologisch teilzunehmen. Das Ergebnis ist eine Art „grüne Globalisierung“ mit hoher Wertschöpfung – und eine globale Win-win-Situation.

Welches Szenario wäre das schlechteste und warum?

Das Worst-Case-Szenario wird in nicht geringem Maße vom Populismus angetrieben. Große Demokratien werden von Politikern geführt, die skeptisch gegenüber Welthandel und Klimapolitik sind und gleichzeitig eine nationalistische und merkantilistische Wirtschaftspolitik betreiben. Sie versuchen, ihre heimischen Industrien vor dem Wandel zu schützen, investieren in vorhandene fossile Energiereserven, um Importe zu verringern, und ziehen ihre Länder aus internationalen Foren wie dem Paris-Abkommen zurück. Erneuerbare Energiequellen kommen durchaus zum Tragen, können sie doch Autarkie fördern. Allerdings unterbinden zunehmend fragmentierte Weltmärkte die notwendigen Skaleneffekte für CO2-arme Technologien. Im Ergebnis schreitet der Klimawandel ungehindert voran. Dürren, Versorgungskrisen und Migrationsdruck verstärken die populistischen Trends. Ein Teufelskreis.

Gab es schon vergleichbare Veränderungssituationen in unserer Geschichte?

Tiefgreifende Veränderungen wie die globale Energiewende gab es in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Sie sind schlicht im technologischen und sozio-ökonomischen Wandel angelegt. So führte die Erfindung der Dampfmaschine zur raschen Industrialisierung ganz Europas und der Vereinigten Staaten. Sie brachte in letzter Konsequenz weltweite Produktionsketten hervor. Russland und die postsowjetischen Staaten bewegten sich ab den 1990er-Jahren von der Plan- zur Marktwirtschaft – mit tiefgreifenden Folgen für die Gesellschaft. Diese Prozesse laufen nie sanft ab. Im Gegenteil, sie sind von Friktionen geprägt, sie sind nicht linear und bringen teilweise nicht beabsichtigte Nebeneffekte mit sich.

Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden, die derzeit noch wenig Beachtung finden?

Fallende Kosten für erneuerbare Energien reichen allein bei weitem nicht aus, um die Dekarbonisierung voranzutreiben. Hier ist die politische Ökonomie zentral: Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer des Wandels? Kann die Weltgemeinschaft letztere einbinden oder könnten sie den Wandel aufhalten – beispielsweise über die Mobilisierung der Gesellschaft oder der Politik? Steht ausreichend Kapital zur Verfügung und wie sehen die Rahmenbedingungen aus? Dies beeinflusst in starkem Maße, wie schnell erneuerbare Technologien weltweit ihre Anteile am Energiemix erhöhen und wie hoch die gesellschaftliche Toleranz gegenüber dem Wandel bleibt.

Wir müssen uns zudem klarmachen, dass eine Welt mit Null-Emissionen kein Ende der globalen Nullsummenspiele bedeutet. Sie produziert schlicht neue. Im fossilen Zeitalter konkurrieren Staaten um den Zugang zu Öl und Gas, was beispielsweise dem Mittleren Osten seine gegenwärtige globale Bedeutung gibt. In der Welt der Erneuerbaren geht es um den Zugang zu Spitzentechnologie und dem Know-how, Erneuerbare in wirtschaftliche Wertschöpfung umzuwandeln. Kein Staat der Welt wird sich hier industriepolitisch Wettbewerbsvorteile nehmen lassen – was problematisch ist für die Länder des Globalen Südens, die hier großen Nachholbedarf haben.

Welche Empfehlung können Sie aussprechen?

Auf den Prozess fokussieren, nicht nur auf das Ziel der Transformation. Denn der Veränderungsweg entscheidet darüber, wo ein Land ankommt. Wie unsere Szenarien zeigen, gibt es viele Möglichkeiten. Nicht alle enden wie gewünscht. So hat uns die post-sowjetische Transformation gezeigt, wie der Wandel von Diktatur zur Demokratie stecken bleiben kann – in diesem Falle in autoritären Strukturen.

Zu guter Letzt müssen wir anerkennen, dass nicht alle Länder der Veränderungsaufgabe in ähnlicher Weise gewachsen sind. Deutschland kann einen sozialverträglichen Kohleausstieg gewährleisten, selbst wenn dies enorme Anpassungsleistungen erfordert. Nigeria oder Algerien können dies für ihre Ölindustrien nicht. Um die globale Dekarbonisierung zum Erfolg zu führen, muss sichergestellt werden, dass solche Staaten adäquate Unterstützung erfahren. Sonst werden die ressourcenreichen Länder von heute zur Ursache neuer geopolitischer Instabilität von morgen.


Andreas Goldthau, Kirsten Westphal, Morgan Bazilian, Michael Bradshaw: Model and manage the changing geopolitics of energy. Nature 569, 29-31 (2019), DOI: 10.1038/d41586-019-01312-5

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