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Ab Montag lebt die Menschheit “auf Kredit”

Markus Spiske auf pexels.com

Erdüberlastungstag rückt immer weiter vor – CO2-Ausstoß ist mitentscheidend

Von Sebastian Bronst

Hamburg (afp) – Die Menschheit strapaziert die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde immer mehr. Am Montag hat sie laut Berechnungen von Forschern bereits sämtliche Ressourcen und Puffer aufgebraucht, die der Planet in diesem Jahr auf natürlichem Wege ersetzen könnte. Umweltschützer erklärten dieses symbolträchtige Datum zum sogenannten Erdüberlastungs- oder Welterschöpfungstag:

WAS PASSIERT AM ERDÜBERLASTUNGSTAG?
Experten berechnen, ab wann die Menschheit für ihre Aktivitäten mehr Ressourcen in Anspruch nimmt, als ökologischen Kreisläufe binnen einem Jahr regenerieren können. Das dahinter stehende Konzept ist das des sogenannten ökologischen Fußabdrucks. Der Tag, an dem dieser die Pufferkapazitäten der Erde übertrifft, heißt Erdüberlastungstag oder auf englisch Earth Overshoot Day.
Das Konzept und die Daten stammen vom Global Footprint Network (GFN), einer 2003 von Experten gegründeten international tätigen Nachhaltigkeitsorganisation mit Sitz in den USA. Sie will das oft recht abstrakte Thema der systematischen Umweltzerstörung und -überlastung greifbarer machen und Veränderungen anstoßen.

WIE WIRD DIE ÜBERLASTUNG BERECHNET?
Die Idee dahinter ist, natürliche Bereitstellungskapazitäten der Erde und den Ressourcenverbrauch der Menschheit nach Vorbild eines unternehmerischen “Buchhaltungssystems” zu erfassen und damit belastbare Aussagen darüber zu treffen, wann das entsprechende Konto nicht mehr gedeckt ist. Dafür wird in einem komplexen Verfahren die Produktivität eines standardisierten sogenannten globalen Hektars ermittelt.
Diese wird dann in Beziehung gesetzt zu dem Nachfragedruck. Zusätzlich wird dies auch für einzelne Länder berechnet, weil deren Ressourcenverbrauch stark variiert. Im Kern wird dabei berechnet, welche biologisch aktiven Flächen zur Verfügung stehen. Dann wird dagegen gestellt, wie viel Platz die Menschen zur Erzeugung ihrer Lebensmittel, zur Produktion nachwachsender Rohstoffe wie Holz, für Siedlungen und sonstige wirtschaftliche Aktivitäten benötigt.
Einbezogen wird auch, wie viel Fläche nötig wäre, um das von diesen erzeugte Treibhausgas CO2 auf natürliche Weise in Wäldern zu binden. Das ist letztlich ein mitentscheidender Faktor. Laut GFN entfallen rund 60 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit auf die Treibhausgase.

WIE ERNST IST DIE LAGE?
Der Erdüberlastungstag verlagerte sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu kontinuierlich weiter nach vorn. Das heißt, der Bedarf der Menschheit übersteigt die Kapazitäten der Erde immer mehr. 2000 fiel das Datum auf den 23. September, 2009 auf den 18. August und dieses Jahr bereits auf den 29. Juli. Derzeit werden die natürlichen Ressourcen der Erde laut GFN-Experten 1,75-mal schneller verbraucht, als sie sich regenerieren können.
Anders ausgedrückt: Die Menschheit bräuchte derzeit eigentlich 1,75 Erden, um ihren Bedarf auf nachhaltige Weise zu decken. Da dies nicht möglich ist, wird durch Entwaldung, Bodenerosion oder Klimaerwärmung durch CO2-Anreicherung permanent Natur zerstört. Die Menschheit lebt nach Art eines gigantischen betrügerischen Schneeballsystems quasi “auf Kredit”, was nach Überzeugung des GFN nicht dauerhaft geht und gegebenenfalls im “Desaster” endet.
Der globale Wert ist dabei außerdem nur ein Durchschnitt. Reiche Industriestaaten wie Deutschland haben einen noch wesentlichen größeren ökologischen Fußabdruck. Würde die gesamte Menschheit leben wie die Deutschen, wären drei sogar Erden nötig – und der Überlastungstag fiele auf den 3. Mai. Nur drei Länder liegen dabei noch vor Deutschland – die USA, Australien und Russland.

WAS WÜRDE HELFEN?
Die GFN-Experten verweisen vor allem auf das Potenzial bei der Senkung des Treibhausgasausstoßes und wiederholen damit, was Umweltschützer in den laufenden politischen Diskussionen seit langem fordern. So könnte ein Reduzierung der CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger wie Öl und Kohle um die Hälfte den globalen Überlastungstag wieder um satte drei Monate oder 93 Tage nach hinten schieben. Würde der Fleischverbrauch der Menschheit durch mehr vegetarische Ernährung um die Hälfte gesenkt, würden weitere 15 Tage gewonnen.

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