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Zwischen Grundwasserschutz und Bauernprotest

Hans Braxmeier auf pixabay.com

Bundesregierung muss Düngeverordnung wohl noch weiter überarbeiten

Von Florian Müller

Berlin (afp) – Für die Bundesregierung wird es eng: Die EU-Kommission droht mit einem Zwangsgeldverfahren, falls Berlin nicht binnen zwei Monaten wirksame Maßnahmen zur Verringerung der Nitratbelastung des deutschen Grundwassers vorlegt.

WAS IST DAS PROBLEM?

Mehr als 800.000 Euro pro Tag – das sind die Strafzahlungen, die nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom vergangenen Juni drohen. Denn in Deutschland wird von den Äckern der Bauern zu viel Nitrat ins Grundwasser geschwemmt.

Damit verstößt Deutschland gegen die Grundwasserrichtlinie der EU, die einen Grenzwert von maximal 50 Milligramm Nitrat je Liter Wasser vorschreibt. Laut Umweltbundesamt (UBA) wurde dieser Wert 2017 an 16,9 Prozent der Messstellen überschritten. Gegenüber den Vorjahren ist zwar ein leichter Rückgang zu erkennen, eine deutliche Verringerung gab es in den vergangenen zehn Jahren aber nicht.

WAS IST NITRAT?

Grundsätzlich ist Nitrat auf der Erde allgegenwärtig – und die Aufwertung der Felder mit dem Mist der Tiere eine jahrtausendealte Kulturtechnik. Die stickstoffhaltigen und wasserlöslichen Salze der Salpetersäure werden von Pflanzen als Nährstoffe aufgenommen.

Doch auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Überschüsse gelangen ins Wasser. Dort kann es vor allem für Säuglinge gefährlich sein, in deren Körpern sich aus dem Nitrat toxisches Nitrit bilden kann, was wiederum die Sauerstoffversorgung der Zellen beeinträchtigt.

IST DAS TRINKWASSER GEFÄHRDET?

Die Qualität des deutschen Trinkwassers ist dem UBA zufolge durchweg “gut bis sehr gut” – auch bei den Nitratwerten. Das liegt aber auch daran, dass die Wasserversorger das belastete Grundwasser aufwändig aufbereiten. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnt deshalb vor einem deutlichen Anstieg der Wasserpreise für Verbraucher in einigen Regionen. Das Problem sei vor allem, dass zu viel Gülle aus großen Tiermastanlagen auf die Felder gelangt, und dort das Nitrat direkt ins Grundwasser “durchrauscht”.

WAS FORDERT DIE EU?

Um die Belastung der Gewässer zu reduzieren, hatte die Bundesregierung die Düngeverordnung erst 2017 novelliert. Doch die Kommission in Brüssel hält dies für nicht ausreichend und pocht auf Nachbesserungen – unter anderem bei den Sperrzeiten für das Aufbringen von Festmist sowie für den Einsatz von Düngemitteln auf Grünland.

WAS HAT BERLIN VORGELEGT?

Landwirtschafts- und Umweltministerium hatten sich im Juni auf schärfere Düngeregeln geeinigt. Für besonders belastete “rote Gebiete” ist eine Reduzierung der Düngung um 20 Prozent im Betriebsdurchschnitt vorgesehen. Zusätzlich soll es eine Mengen-Obergrenze je Fläche geben. Außerdem sollen Sperrzeiten verlängert und die Abstände zu Gewässern beim Düngen vergrößert werden.

Laut Bundesumweltministerium – zuständig für die Grundwasserrichtlinie – ist Brüssel aber auch mit den neuen Vorschlägen “nicht vollständig zufrieden”.

WIE ARGUMENTIEREN DIE BAUERN?

Der Deutsche Bauernverband läuft Sturm gegen die schärferen Regeln und warnt vor einer Unterversorgung von Kulturpflanzen wie etwa Weizen. Der Importanteil von Lebensmitteln auf dem deutschen Markt werde so zunehmen. Das Regelwerk von 2017 müsse sich erst noch bewähren, wofür es bereits erste Anzeichen gebe: überproportional sinkende Tierbestände und Rückgänge beim Mineraldüngerabsatz. Nötig sei deshalb ein Moratorium – also eine Fristverlängerung für eine Verschärfung der Regeln.

Der deutsche Biobauern-Spitzenverband BÖLW wendet sich dagegen, alle Bauern über einen Kamm zu scheren. Auch viele konventionell wirtschaftende Landwirte, die ihre Böden gewässerschonend düngen, würden unsinnig belastet, kritisierte Verbandschef Felix Prinz zu Löwenstein. Stattdessen müsse das Verursacherprinzip gelten: Erforderlich sei vor allem, dass auf einer Fläche nur so viele Tiere gehalten werden, wie Böden und Gewässer verkraften.

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