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Nahrung für zehn Milliarden Menschen trotz Klimawandel

© Rosa Maria/CCO

Weltklimarat befasst sich seit Freitag mit Landnutzung und Erderwärmung

Von Patrick Galey

Paris (afp) – Der Weltklimarat (IPCC) befasst sich seit Freitag in Genf mit einer überlebenswichtigen Frage: Wie lässt sich die Ernährung einer rapide wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen, ohne die Natur und damit die Existenzgrundlage zu zerstören. Die Forschungsergebnisse sollen am kommenden Donnerstag in einem Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme vorgestellt werden. Erwartet wird eine deutliche Mahnung an die Politik, umzusteuern.

In dem Bericht geht es darum, wie die industriell betriebene Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln sowie die Landnutzung – etwa Ackerbau und die Rodung von Wäldern – die Erderwärmung verstärken und gleichzeitig die Ernährung weltweit gefährden. Gerechnet wird aber auch mit einem harschen Urteil über eine Welt, in der Milliarden Menschen jeden Tag tonnenweise Lebensmittel wegwerfen, während hunderte Millionen hungern.

Experten zufolge wurde die Frage, wie sich Land effizient nutzen lässt, lange Zeit ignoriert. Klimawandel und Landsysteme sind nach Angaben der Vize-Chefin der US-Naturschutzorganisation The Nature Conservancy, Lynn Scarlett, eng miteinander verflochten: “Wenn wir uns anschauen, was der Klimawandel bewirkt und was zur Klimaerwärmung beiträgt, spielen die Landsysteme bei beidem eine unglaublich wichtige Rolle”, sagt Scarlett der Nachrichtenagentur AFP.

Nach ihren Angaben ist die Landnutzung etwa durch Landwirtschaft und die Abholzung der Wälder für rund ein Viertel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. “Die Auswirkungen sind beträchtlich, und sie zeigen sich jetzt schon und nicht erst in ferner Zukunft”, warnt die Expertin.

Rund ein Drittel der Landfläche weltweit und Dreiviertel des gesamten Frischwassers gehen inzwischen für Landwirtschaft drauf. Angesichts des erwarteten Anstiegs der Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts wächst die Sorge, dass die derzeitigen Systeme schon bald an ihre Grenzen stoßen.

Ein Problem ist neben der Massen-Fleischproduktion die Lebensmittelverschwendung: Schätzungen zufolge landen rund 30 Prozent aller Nahrungsmittel im Müll – und tragen weiter zur schlechten CO2-Bilanz bei. “Obwohl der Boden mehr als genügend Nahrungsmittel für alle hergibt, müssen immer noch 820 Millionen Menschen jeden Abend hungrig ins Bett gehen”, sagt Stephan Singer, Energieberater des Dachverbands Climate Action Network. “Der Umgang mit Nahrung ist wenig nachhaltig”, kritisiert er.

Hinzu komme die zunehmende Nutzung von Monokulturen wie etwa Soja, die maßgeblich zur Zerstörung der Wälder beitragen. Jedes Jahr verschwinden Tropenwälder von der Größe Sri Lankas – und mit ihnen die Möglichkeit, große Mengen CO2 zu absorbieren. Gleichzeitig bilden sich mehr und mehr Wüsten, werden die Lebensräume für Menschen und Tiere zerstört. Auch darauf wird der Sonderbericht eingehen.

Aufgabe des Weltklimarats ist es, die Politik über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und zu möglichen Gegenmaßnahmen zu informieren. Sein Einfluss ist nicht zu unterschätzen: Seit dem im Oktober veröffentlichten IPCC-Sonderbericht zur Frage, wie sich die Erderwärmung im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen auf 1,5 Prozent begrenzen lässt, wächst der Druck auf die Regierungen, sich stärker als bisher zu engagieren.

Auch der jetzige Sonderbericht dürfte Maßnahmen aufzeigen, um gleichzeitig gegen Klimawandel und Landdegradierung vorzugehen. Dazu dürfte die Forderung zählen, für eine größere Ausgewogenheit zu sorgen zwischen Land, das der Nahrungsmittelproduktion dient, und Land, das die Klimaerwärmung abschwächt.

“Dieser Bericht erscheint zu einem entscheidenden Zeitpunkt, denn die Landwirtschaft ist gleichzeitig Opfer und Treiber des Klimawandels”, sagt Teresa Anderson von der internationalen Nichtregierungsorganisation ActionAid. “Wir müssen weg von der schädlichen Agrarindustrie, die auf Chemie setzt, die Abholzung antreibt und Treibhausgase ausstößt”.

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