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“Grüner Knopf”: Vielleicht einen Versuch wert

Achim Halfmann / CSR NEWS

Ein Kommentar von Prof. Dr. Rudolf Voller, Mönchengladbach

Mönchengladbach (csr-news) – Es gibt über 80 Zertifikate, Siegel, Label, herstellerspezifische Pseudolabel usw. für Schuhe und Textilien. Dennoch hat dieses ganze, den Verbraucher verwirrende Instrumentarium die Textile Lieferkette nicht soweit transparent machen können, dass man beim Kauf eines Kleidungsstückes oder Heimtextils wirklich sicher sein kann, ein hohen Nachhaltigkeitsansprüchen genügendes Produkt zu erhalten. In der Pressemitteilung des BMZE heißt „Für drei Viertel der Verbraucherinnen und Verbraucher ist nachhaltige Mode wichtig“. Das stimmt wohl, aber nach wie vor gilt die Halbierungsregel: ca. 80% finden es wichtig, ca. 40% denken beim Kauf darüber nach, aber nur 20% der Verbraucher*innen kaufen tatsächlich hin und wieder ein solches Kleidungsstück.

Warum ist dieser Prozentsatz nicht höher? Weil die Informationen am Point of Sale nicht schnell verfügbar sind, weil das Verkaufspersonal in dem Thema nicht geschult ist und weil der Verbraucher Greenwashing ausgeliefert ist. Außerdem sind die Kriterien Passform, Design, Preis und Qualität den meisten Konsumenten nachweislich wichtiger als Nachhaltigkeit.

Wird der Grüne Punkt da Abhilfe schaffen?

Am letztgenannten Punkt kann der Grüne Punkt nichts ändern, außer durch begleitende Informationen das Verbraucherbewusstsein zu schärfen. Wer Produkte mit dem Grünen Punkt kauft, sollte vor Greenwashing sicher sein, Verkäuferschulung sollte ein Vergabekriterium des Grünen Knopfes sein, die Information am POS hingegen würde der Grüne Knopf selbst liefern bzw. ersetzen, wenn er perfekt wäre.

Das BMZE schreibt: der Grüne Knopf stellt „Anforderungen an das ganze Unternehmen“. An der Herstellung eines Textils sind aber viele Unternehmen beteiligt, alle bisherigen Siegel haben dieses Problem nur ansatzweise in den Griff bekommen, lediglich GOTS (für aus Naturfasern hergestellte Textilien) und Oekotex STeP bzw. Made in Green stellen das im Rahmen ihrer Kriterien weitgehend sicher.

Der Grüne Knopf prüft nur die Konfektion (hier gibt es mit dem Standard der Fair Wear Foundation bereits ein anspruchsvolles Pendant) sowie die Nassveredlung. Das ist aber nur ein Teil der Textilen Kette, Rohstoffgewinnung und Textile Vorstufen sind ebenso vorläufig ausgenommen wie Logistik und Handel.

Das Beispiel des Fair Trade Textil Siegels zeigt die Problematik: 2015 veröffentlicht gibt es bis heute kein zertifiziertes Unternehmen. Drei ohnehin schon als nachhaltig einzustufende Firmen sind beim Probelauf dabei, dort zeigen sich die Schwierigkeiten einer lückenlosen Zertifizierung auf.

Der Grüne Punkt wird die vom BMZE geschürten Erwartungen nur erfüllen, wenn Transparenz in den Lieferketten herrscht, Produkte vom Rohstoff bis zum Einzelhandel einer Trackingprozedur unterworfen sind, die Firmen ihre Lieferanten offenlegen und von diesen dieselbe Transparenz erwarten können. Das einzelne Unternehmen wird aber Probleme haben, Sozialstandards bei den Zulieferern zu erzwingen, die landesunüblich sind. In Äthiopien beispielsweise zeigt sich bereits, dass dort Missstände vorkommen, die man nach allem, was in Bangladesch, Kambodscha u.a. passiert ist, von vornherein hätte vermeiden können. Hier ist offensichtlich, dass Freiwilligkeit alleine nicht ausreicht. Insofern ist die Forderung der Kampagne für Saubere Bekleidung nach verbindlichen Regeln zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie der OECD Sorgfaltspflichten-Leitlinie berechtigt und unterstützenswert.

Textil- und Bekleidungsfirmen verfolgen sehr unterschiedlich Geschäftsmodelle, für Hersteller von technischen Textilien oder Textilmaschinen wird der Grüne Knopf keine Anwendung finden können. Die verbleibenden Hersteller, überwiegend Bekleidungshersteller, haben drei unterschiedliche Nachhaltigkeitsansätze:

1.) Die Firma fertigt nachhaltige Produkte (oder lässt fertigen) aus nachhaltigem Material und hält über die Textile Kette Sozial- und Umweltstandards wie GOTS, FWF, Bluesign ein. (Viele sind auf der Neonyt – Messe in Berlin oder der Innatex in Wallau zu finden.)

2.) Die Firma betreibt das „normale“ Geschäft, bietet aber nachhaltige Produktlinien an und gibt sich auch sonst sehr nachhaltig mit einem GRI-konformen Bericht etc., der Graubereich zu Greenwashing ist in Reichweite. (H&M, C&A, Adidas, …).

3.) Die Firma bemüht sich um eine nachhaltige Lieferkette sowie Sozial- und Umweltstandards einzuhalten und veröffentlicht regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte, produziert aber nur konventionelle Produkte (Brax, vanLaack, Takko, Esprit, …).

Mir ist unklar, wie der Grüne Knopf diese Geschäftsmodelle angeht, er scheint mir in erster Linie die Gruppe 1.) zu adressieren. Im Textilbündnis sind viele Mitglieder aus den Gruppen 2 und 3 zu finden, die z.B. wie H&M oder C&A bis 20** überwiegend „Nachhaltige Baumwolle“ verwenden sollen oder wollen. Nur ist diese nicht vorhanden, lediglich etwa 1% der weltweit angebauten Baumwolle ist „Organic Cotton“. Daher wird man sich mit CmiA – oder BCI – Baumwolle behelfen, damit erfüllt man aber die Anforderungen des Textilbündnisses nicht und die entsprechenden “Grüne Knopf“- Kriterien auch nicht. So ist mir unklar, wie diese Unternehmen eingeordnet werden sollen.

Vielleicht ist es einen Versuch wert, aber wenn der “Grüne Knopf“ am Ende nichts anderes ist als das ca. 90. freiwillige Siegel für Bekleidungsherstellung, dann sollte man die Finger davon lassen.

Prof. Dr. Rudolf Voller,
EthNa Kompetenzzentrum CSR der Hochschule Niederrhein,
Mönchengladbach

Kommentar

  • Ich fürchte da liegen große Missverständnisse hinsichtlich der Funktionsweise und auch der Nutzung der Grünen Knopfs vor. Das Material muss überhaupt nicht nachhaltig sein, da zumindest in der Pilotphase erst ab der Ebene der Färbung und Ausrüstung die ökologische Seite betrachtet wird. Und für danach ist bereits eine Anerkennung von CmiA und BCI Baumwolle in den Produktkriterien angelegt.

    Der Grüne Knopf kann daher sehr breit von Unternehmen sowohl der Gruppe 2 als auch Gruppe 3 eingesetzt werden. Es genügt eine Zertifizierung nach Öko-Tex Made in Green sowie für die Unternehmenskriterien ein halbwegs umfassendes CSR-Management, wie es Mitglieder von FLA und auch die besseren bei BSCI in der Regel haben.

    Und es gibt weitere schwerwiegende Lücken die sehr irreführende Auszeichnungen ermöglichen im Bereich funktionaler Textilien. Durch die Anerkennung von bluesign von PFC-basierte Imprägnierungen und Teflon-basierte Membranen erlaubt, wie sie massenweise von FWF-Mitgliedsunternehmen der Outdoorbranche verwendet werden, da der wichtigste Hardshell-Lieferant Gore-Tex ein Systempartner von bluesign ist.
    Ein ausführliches Statement von mir zum Grünen Knopf finden unter dem Website-Link.

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