Klimaschutz Nachrichten

Dem Windkraftausbau geht die Puste aus

Florian Pircher auf pixabay.com

Wirtschafts- und Umweltverbände fürchten negative Folgen für die Energiewende

Von Jan Mueller

Berlin (AFP) – Sie liefern klimafreundlichen Strom, geben zehntausenden Menschen Arbeit – und sind immer wieder Ziel von Protesten von Anwohnern oder Tierschützern: Windräder gehören vor allem in der nördlichen Hälfte Deutschlands zum Landschaftsbild. Die oft mehr als hundert Meter hohen Türme mit ihren gigantischen Rotorblättern sollen künftig ein noch mächtigerer Pfeiler der Energiewende werden. Doch der Ausbau der Windkraftanlagen an Land ist zuletzt spürbar ins Stocken geraten.

WELCHE BEDEUTUNG HAT DIE WINDKRAFT IN DEUTSCHLAND?

Schon jetzt hat die Windenergie an Land die Braunkohle bei der Nettostromerzeugung vom ersten Platz verdrängt: Im ersten Halbjahr 2019 wurden hier 55 Terawattstunden (TWh) erzeugt, bei der Braunkohle waren es nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) 53 TWh. Zum Vergleich: Aus der Kernenergie stammten im selben Zeitraum 34,7 TWh, aus Steinkohle 26,4 TWh, aus Solaranlagen 25,1 TWh, aus Erdgas 24,6 TWh, aus Offshore-Windanlagen 11,7 TWh und aus Wasserkraft rund 10,5 TWh.

Allerdings muss künftig mehr Strom wegen des Atomausstiegs bis 2022 und dem bis 2038 angepeilten Ende der Kohleverstromung aus alternativen Quellen kommen. Zugleich steht die Bundesregierung im Kampf gegen den Klimawandel unter Druck, den Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung weiter zu steigern – bis 2030 soll der Anteil auf 65 Prozent wachsen. Im ersten Halbjahr 2019 stammten den Fraunhofer-Angaben zufolge rund 47 Prozent des Strommixes, wie er tatsächlich aus der Steckdose kommt, aus Solar, Wind, Wasser und Biomasse.

Doch tatsächlich bricht der Bau von Windkraftanlagen an Land derzeit stark ein: Dem Bundesverband Windenergie (BWE) zufolge betrug der Rückgang im ersten Halbjahr 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, bei den Baugenehmigungen sogar 90 Prozent.

WAS SIND DIE URSACHEN?

Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge bremsen vor allem langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren den Ausbau aus. Hierbei helfe es bereits, wenn Gerichte und Genehmigungsbehörden mit entsprechendem Personal ausgestattet würden.

Außerdem wird intensiv darüber diskutiert, wie viel Fläche den Windkraftanlagen eingeräumt werden soll. Der BWE fordert, dass zwei Prozent der Fläche jedes Bundeslands für die Nutzung ausgewiesen werden.

Bislang gibt es hier unterschiedliche Regelungen – prominent ist etwa das Beispiel Bayern, wo der Mindestabstand zu Siedlungen das Zehnfache der Höhe der Windräder betragen muss. Diese Regelung hat den Bau von Windrädern in Bayern nach Angaben des DIHK weitgehend zum Erliegen gebracht.

Außerdem gibt es auch immer wieder Klagen von Bürgerinitiativen, denen die Aussicht auf Windräder vor der Haustür ein Dorn im Auge ist, sowie Proteste von Tierschützern, die sich beispielsweise um den Greifvogel Rotmilan sorgen.

WIE SIEHT ES MIT DEN ARBEITSPLÄTZEN AUS?

Die IG Metall Küste warnt vor einem weiteren Einbruch für die Windindustrie und möglichen Entlassungen. Laut einer Befragung sehen Betriebsräte von 31 Unternehmen aus der deutschen Windindustrie mit rund 23.000 Beschäftigten die zukünftige Marktentwicklung in der Bundesrepublik überwiegend negativ. In jedem dritten Unternehmen wird demnach mit einem Rückgang der Aufträge in den kommenden beiden Jahren gerechnet.

WAS SIND DIE MÖGLICHEN AUSWEGE?

Wirtschafts- und Umweltverbände machen sich vor allem für eine Verringerung von Ausbauhemmnissen und eine größere Flächenverfügbarkeit stark. Naturschutzrechtliche Vorgaben sollten standardisiert werden. Zudem gibt es eine Reihe von Vorschlägen, die Bürger stärker einzubinden – etwa durch eine Beteiligung der Menschen vor Ort am Umsatz der Windparks.

Teil der Lösung könnte auch das sogenannte Repowering sein – das Ersetzen bereits bestehender Windräder durch neuere und leistungsfähigere Anlagen. Dafür wären auch keine neuen Flächen nötig.

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