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Schmerzmedikamente werden zu weit verbreiteten Suchtmitteln

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Ursachen und Folgen der Opioid-Krise in den USA

Von Catherine Triomphe

New York (AFP) – In den USA sehen sich mehrere großen Pharmafirmen wegen der Opioid-Krise mit Entschädigungsforderungen in Milliardenhöhe konfrontiert.

Im bislang größten Rechtsstreit um die Schmerzmittelsucht erzielten die Kläger und mehrere der beschuldigten Firmen am Montag in Cleveland eine gütliche Einigung, der sich weitere Kläger und angeklagte Unternehmen anschließen könnten. Die Opioid-Krise wird die USA aber weiter beschäftigen.

Um welche Wirkstoffe geht es?

Opioide spielen eine Rolle bei der Schmerzunterdrückung. Sie kommen in körpereigener Form vor, können aber auch verabreicht werden. Zu diesen Mitteln gehören Opiate, also opiumhaltige Medikamente mit natürlicherweise im Schlafmohn vorkommenden Wirkstoffen, aber auch synthetisch hergestellte Substanzen wie Fentanyl.

Fentanyl ist ein synthetisches Opioid mit euphorisierender Wirkung. Als zugelassenes Medikament wird es als Betäubungsmittel bei der Behandlung schwerer Schmerzen insbesondere bei Krebspatieten eingesetzt. Laut Nationalem Drogenmissbrauchsinstitut der USA ist Fentanyl 50 Mal stärker als die illegale Opioid-Droge Heroin.

Seit einigen Jahren wird Fentanyl in den USA zunehmend als Droge in Form von Pulver, Sprays oder Tabletten konsumiert, denen oft andere Drogen wie Heroin oder Kokain beigemischt sind.

Wie viele Todesopfer gibt es?

Laut den jüngsten Zahlen des US-Zentrums für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC) starben zwischen 1999 und 2018 mehr als 400.000 Menschen an Opioid-Überdosen. Noch heute sind es demnach mehr als 130 Todesopfer täglich.

2018 ging in den USA die Zahl tödlicher Drogen-Überdosen insgesamt erstmals seit 20 Jahren zurück. Die Zahl der Toten durch Fentanyl und andere Opioide stieg nach vorläufigen Behördenzahlen hingegen weiter auf knapp 32.000 in diesem Jahr.

Wer ist schuld?

Viele Experten führen die Opioid-Krise auf die übermäßige Verschreibung von Schmerzmitteln wie Oxycontin des US-Herstellers Purdue zurück, die bis Mitte der 90er Jahre noch der Behandlung von Schwerstkranken vorbehalten waren. Den Herstellern sowie US-Apotheken wird vorgeworfen, die Mittel aggressiv beworben und auf Warnzeichen der Suchtkrise nicht reagiert zu haben.

Daher werden sie nun massenhaft mit Klagen überzogen. US-Bundesstaaten und Gemeinden fordern Entschädigungen für die Bewältigung der Suchtkrise.

Die CDC schätzt die wirtschaftlichen Folgen der Opioid-Krise in den USA auf 78,5 Milliarden Dollar (70,3 Milliarden Euro) pro Jahr. Laut einer Studie der US-Gesellschaft der Versicherungsmathematiker von vergangener Woche häuften sich in den Jahren 2015 bis 2018 Kosten in Höhe von 631 Milliarden Dollar an.

Was tun die US-Behörden?

US-Präsident Donald Trump erklärte den Kampf gegen den Opioid-Missbrauch im Oktober 2017 zu einer der Prioritäten der Gesundheitspolitik seiner Regierung. Damit wurden erhebliche Mittel für die Behandlung und die Prävention von Drogensucht freigegeben. Im April 2018 starteten die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) eine Initiative namens Heal, um medizinische und wissenschaftliche Lösungen für die Krise zu finden. Im Steuerjahr 2019 wurde dafür eine Rekordsumme von 945 Millionen Dollar bereitgestellt.

Bleibt Europa von der Krise verschont?

Von den 8200 Drogentoten, die 2017 in der Europäischen Union gezählt wurden, sind nach Angaben der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) rund 70 Prozent auf Opioide zurückzuführen. Auch die Beschlagnahme von Fentanyl und ähnlichen Drogen habe in der EU deutlich zugenommen.

Dennoch sei die Lage in Europa “deutlich anders” als in den USA, sagt der wissenschaftliche Leiter der EBDD, Paul Griffiths. Schließlich gebe es hier für die Verschreibung von Schmerzmitteln strengere Vorschriften, der Heroin-Konsum unter jungen Leuten sei weniger verbreitet und es sei leichter, an legale Heroin-Ersatzdrogen zu kommen. Auch der deutsche Bundesverband der Arznei-Hersteller versichert, wegen strengerer Regeln für Betäubungsmittel sei eine “Entwicklung wie in den USA auszuschließen”.

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