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Deutschland fährt zunehmend elektrisch – das reicht nicht

Namra Desai auf Unsplash

Politik und Hersteller haben in Sachen Elektromobilität weiter Handlungsbedarf

Von Daniel Wolf

Frankfurt/Main (AFP) – Um die Verkehrswende zu schaffen und ihre Klimaziele zu erreichen, will die Bundesregierung die Elektromobilität in Fahrt bringen. Sie hatte es sich bereits vor mehr als einem Jahrzehnt zum Ziel gesetzt, Verbrennungsmotoren zugunsten des Klimas durch Elektromotoren zu ersetzen. Aktuelle Zahlen belegen die gewünschte Entwicklung – gleichwohl haben Politik wie Hersteller noch viel zu tun.

ELEKTROAUTOS

Mindestens sieben Millionen Elektroautos sollen bis 2030 auf Deutschlands Straßen unterwegs sein, wenn es nach der Bundesregierung geht. Die Nationale Plattform Elektromobilität rechnet für 2022 mit dem Erreichen der ersten Million Fahrzeuge. Angesichts der bisherigen Zulassungen scheint das mehr als ambitioniert, auch wenn die Wachstumsraten hoch sind.

So waren zu Beginn des Jahres gut 83.000 rein elektrisch angetriebene und über 341.000 Hybridfahrzeuge beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gemeldet. Der Bestand wuchs damit zusammengenommen zwar um etwa 50 Prozent verglichen mit dem Vorjahr – trotzdem betrug der Anteil an allen mehr als 57 Millionen Pkw damit nicht einmal 0,9 Prozent.

Immerhin: Von Januar bis September wurden rund 48.000 neue Elektroautos und 163.000 Hybridfahrzeuge zugelassen, der Wandel nimmt an Fahrt auf. Um die Entwicklung zu verstärken, will die Regierung den Umweltbonus, also die Kaufprämie für E-Autos, ab 2021 verlängern.

AUTOBAUER

Die Auswahl an reinen E-Autos ist nach wie vor mau: Der ADAC zählt aktuell nur 28 Modelle, die in Deutschland verfügbar sind. Diese Zahl wird sich demnach aber im kommenden Jahr fast verdoppeln. Gerade die deutschen Hersteller wollen ihr Angebot in den kommenden Jahren kräftig aufstocken und beim Thema Elektromobilität die Führungsrolle übernehmen. Das empfiehlt sich auch, wollen sie den künftigen EU-Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer einhalten.

Der Autobauer Volkswagen, der im sächsischen Zwickau fortan sein neues E-Auto ID.3 baut, will bis 2025 mit insgesamt mehr als 20 elektrischen Modellen und einer Million jährlich verkauften Stromern auf dem Markt sein.

Daimler will in den kommenden Jahren gut zehn Milliarden Euro in den Ausbau der Elektroflotte stecken und mehr als zehn neue Modelle in Serie bringen. BMW kündigte an, bis Ende 2021 über eine Million voll- und teilelektrifizierte Fahrzeuge zu verkaufen, und peilt bis 2023 ein Dutzend reine Elektromodelle im Portfolio an.

LADEINFRASTRUKTUR

Damit die Angebote der Autohersteller und Kaufanreize der Regierung Wirkung entfalten, bedarf es einer entsprechend ausgebauten Ladeinfrastruktur. Es ist ein Henne-Ei-Problem: Solange es nicht genügend Ladesäulen gibt, kauft niemand Elektroautos – solange es aber nicht genügend Stromer auf den Straßen gibt, lohnen sich Ladesäulen nicht.

Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD vorgenommen, “bis 2020 mindestens 100.000 Ladepunkte für Elektrofahrzeuge zusätzlich verfügbar zu machen”, darunter mindestens ein Drittel Schnellladesäulen. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gab es im Sommer rund 20.650 öffentliche Ladepunkte und damit immerhin über 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil der Schnellladestationen lag demnach bei rund zwölf Prozent.

Der Bund will in den kommenden Jahren 3,5 Milliarden Euro in den Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur investieren, 50.000 öffentliche Ladepunkte sollen “sehr schnell” geschaffen werden. Nach Merkels Worten soll bis zum Jahr 2030 eine Million Ladepunkte geschaffen werden, woran sich auch die Industrie beteiligen werde.

“Dringender Handlungsbedarf” besteht laut BDEW aber vor allem beim Ausbau privater Ladepunkte, denn etwa 85 Prozent der Ladevorgänge fänden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will Wohnungseigentümern und Mietern den Einbau einer Ladebuchse in die heimische Tiefgarage durch eine Reform des Wohnungseigentumsgesetzes erleichtern.

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